SZ: Die Evolution hat ja auch einen Haufen unnötigen Müll im menschlichen Körper hinterlassen.

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Kandel: Das ist der Grund für viele Probleme. Schreckliche Gewaltausbrüche, zum Beispiel gegen Fremde, das ist offenbar im Genom eingebaut. Total vernünftige Leute können sich in Ungeheuer verwandeln, wenn man sie in die richtige Umgebung versetzt. Das ist in der Geschichte oft genug geschehen. Es ist daher die Aufgabe jeder Gesellschaft, ihre Mitglieder vor diesen jederzeit möglichen Gewaltausbrüchen zu schützen, indem sie Umstände verhindert, die so etwas befördern.

SZ: Sie sind ein glühender Verehrer von Kunst. Darüber soll auch ihr nächstes Buch gehen: Worum genau?

Kandel: Stimmt, ich sammle Kunst. Und ich schreibe ein Buch. Es geht um die Bedeutung der unbewussten Instinkte Liebe und Aggression. Dass dies die wichtigsten Triebe des Menschen sind, wurde unabhängig von Freud und drei österreichischen Künstlern Klimt, Kokoschka und Schiele erkannt. Ich will herausstellen, wie jeder von diesen dazu einen Beitrag geleistet hat. Freud hatte grandiose Einblicke in das Unterbewusstsein und in die Sexualität, wobei er die weibliche Sexualität jedoch überhaupt nicht richtig verstanden hat. Schnitzler und Klimt hingegen hatten phantastische und ehrliche Einblicke in das intime erotische Leben von Frauen. Sie waren von Anfang an sicher, dass es nur zwei wichtige Komponenten im Leben gibt: Liebe und Tod. Das verbindet sie wiederum mit den Ideen Freuds, der allerdings dem Tod erst unter dem Eindruck des Ersten Weltkriegs die gleiche Bedeutung gab wie der Sexualität. Verschiedene Menschen, die gleichen Themen, darum wird es in meinem nächsten Buch gehen.

SZ: Erkennen Sie sich selbst wieder, wenn Sie den neuen Film über Sie sehen?

Kandel: Das ist interessant, man hat irgendwie ein anderes Bild von sich selbst. Die Regisseurin, Petra Seeger ist eben eine gute Expressionistin. Sie zeichnet manches stärker als ich es sehe. Man bekommt zum Beispiel den Eindruck, das Judentum sei ein dominierendes Thema in meinem Leben, was gar nicht so ist.

SZ: Das macht der Film aber deutlich. Auch Ihren Konflikt zwischen der Religion und Ihrer Ansicht, dass der Tod das absolute Ende ist.

Kandel: (schmunzelt) Sie müssen aber nicht unbedingt zum Judentum übertreten, um diesen Konflikt zu bewältigen.

SZ: Würden Sie heute nochmal in die Wissenschaft gehen?

Kandel: Auf jeden Fall, das wusste ich auch schon vor dem Nobelpreis. Könnte ich etwas anderes tun? Vielleicht, ich habe mal über eine Kunstgalerie nachgedacht. Aber ich wäre wahrscheinlich schnell genervt, wenn die Leute dauernd gucken und nichts kaufen. Nein, das Vergnügen, das mir die Wissenschaft bereitet, ist nicht zu übertreffen.

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(SZ vom 26.06.2009/beu)