Damit es nicht noch mehr Stoff wird, ließ Yañez die Ermittlungen beschleunigen - man wolle doch wenigstens in dieser ersten Instanz bis 2009 zu einem Urteil kommen. Ohnehin werde es nachher am Obersten Gericht weitergehen. Er empfahl Fajardo, nicht wie geplant alle ehemaligen Bohrlöcher inspizieren zu lassen, sonst werde man nie fertig.

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Ungeklärte Morde

Die Angeklagten, an einer schleppenden Auseinandersetzung interessiert, nannten ihn daraufhin parteiisch. Auch lernte der konvertierte Muslim Yañez die Gefahren seines Berufs kennen. Ein unbekannter Schütze feuerte mit einer Maschinenpistole auf sein Auto und tötete seine Begleiterin. Er kann nicht beweisen, von wem der Auftrag kam, sicher ist: "Wir tasten da etwas sehr Großes an", sagt Richter Yañez. Ihm folgt ein Bewacher mit Revolver in der Gesäßtasche, und auf seinem Schreibtisch im tiefgekühlten Büro ohne Fenster steht ein Totenkopf.

Pablo Fajardo schläft sogar in seinem Büro am Stadtrand. Im Nebenraum steht sein Bett, an der Wand lehnt sein Fahrrad. Seine Frau und die beiden Kinder sieht Fajardo tagelang nur auf seinem Laptop. Für ein gewöhnliches Leben hat er erstens keine Zeit, und zweitens ist es zu gefährlich. Erst wurde sein Bruder erschossen, dann sein bester Freund. Warum und von wem, das weiß er nicht. Doch es heißt, das Attentat habe auch ihm gegolten.

Auch verschwanden aus Fajardos Arbeitsstube mehrfach Unterlagen, darunter seine Doktorarbeit. Jedenfalls arbeiten seine Gegner mit allen Tricks. Chevron-Texaco gibt für seine acht Anwälte Millionen Dollar aus, anfangs nahmen die Profis aus Quito und Washington den Novizen gar nicht ernst. Inzwischen ist der preisgekrönte Herausforderer eine Bedrohung.

Als Fajardo und Yanza den angesehenen Goldman-Preis bekamen, da schaltete Chevron-Texaco eine ganzseitige Anzeige im San Francisco Chronicle: "Wenn ein Ökologe kein Naturfreund ist", stand über dem Protestschreiben. Die Jury habe sich "leider vertan". "Dies ist der Versuch, Chevron komplett für Umweltschäden zu beschuldigen, die von der Ölproduktion von Petroecuador verursacht worden sind."

Nur Reservoir für Rohstoffe

Das Unternehmen streitet alle Vorwürfe ab. Nachfolger Petroecuador habe das Desaster angerichtet. Das Gutachten eines Sachverständigen, wonach Chevron-Texaco bis zu 16 Milliarden Dollar bezahlen müsse, um die Sauerei annähernd zu beseitigen, bezeichnete ein Sprecher als "lächerlich". Man habe alle damals in Ecuador gültigen Umweltstandards eingehalten, was Pablo Fajardo anders sieht. Die ecuadorianischen Gesetze und die Verträge mit Texaco hätten vieles schon in den Anfängen verboten.

Auf dem Spiel steht eine Menge Geld, wobei Geld nicht das größte Problem ist. Der Umsatz von Chevron war 2005 sechs Mal so hoch wie das Inlandsprodukt Ecuadors. In einem ihrer Prospekte erläutert die Amazonas-Front, der Chevron-Vorsitzende verdiene mit einem Jahresgehalt von 40 Millionen Dollar so viel wie 24.615 Ecuadorianer.

Auf dem Spiel steht das Image. Ein Prinzip. Ein Politikum. Ecuadors aktuelle Regierung von Rafael Correa will nicht, dass der staatliche Devisenbeschaffer Petroecuador zu sehr in die Sache hineingezogen wird. Auch schwimmt Correa auf einer linksnationalistischen Welle und sucht Distanz zur USA, von der sich seine Vorgänger abhängig gemacht haben. Ecuadors Währung ist der US-Dollar, die Auslandsschulden sind kaum mehr zu bezahlen, und die US-Armee betreibt an der ecuadorianischen Küste ihren wichtigsten Stützpunkt in Südamerika.

Im Grunde, findet Bischof López, gehe es um 500 Jahre lateinamerikanische Geschichte. Seit Jahrhunderten sind die früheren Kolonien und nachmaligen Entwicklungsländer des Kontinents beliebtes Reservoir für billige Rohstoffe - Natur und Menschen waren dabei meistens unwichtig. Mittlerweile ist die Konjunktur für die Aufständischen vom Amazonas günstiger, Umweltfragen sind en vogue. "Das ist ein guter Moment, ich bin nicht allein", sagt Pablo Fajardo.

Die Pumpe saugt Wasser aus dem ehemaligen Texaco-Bohrloch, der klebrige Dreck schmatzt unter den Sohlen. Das Öl, er hasst es. "Wir haben 40 Jahre lang auf den falschen Schatz gesetzt, unser wahrer Schatz ist die Natur."

Ecuador will künftig vom Ausland für den Schutz seiner Nationalparks bezahlt werden. "Es gibt keine saubere Ölindustrie, die Ölindustrie ist schmutzig und zerstörerisch, für uns war sie ein Unglück", sagt Fajardo. Das Handy klingelt. Er muss wieder ins Büro, zu den Akten. Und dann zum Gericht. Auf dem Mountainbike.

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(SZ vom 18.06.2008/mcs)