Drohnen Über allem

Eine ferngesteuerte Drohne (Quadrocopter) fliegt in der Nähe von Warngau (Bayern) über ein Feld.

(Foto: dpa)

Sie töten Menschen und sie retten Leben. Mit ihnen lassen sich Nachbarn ausspähen und spektakuläre Filme drehen. Und nebenbei verändern Drohnen und Quadrocopter die Sicht auf die Welt.

Von Christian Weber

Die Öffentlichkeit war nicht eingeladen, als am 5. November 2015 auf dem eigentlich zu Recht vergessenen Flugplatz Ahrenlohe bei Tornesch in Schleswig-Holstein die Zukunft des Himmels vorgestellt wurde. Die Öffentlichkeit hat etwas Imposantes verpasst.

Nur auf Internet-Videos kann man noch das Spektakel nachvollziehen, das sich hier in der Abenddämmerung abspielte. Bizarr genug wirken bereits die Lichter, die in strenger Ordnung das Feld bedecken und im Bodennebel glühen. Plötzlich eine blecherne Stimme.

"5 - 4 - 3 - 2 . . ."

"All drones are ready."

"All drones will start."

Und auf einmal schrauben sich hundert leuchtende Quadrocopter in die Höhe, zeichnen einen filigranen, roten Lichtdom in den Nachthimmel, der zum gewaltigen 3-D-Kino wird. Dann fangen sie an, ein Ballett zu tanzen, blinken grün, weiß, rot, blau. Sie fächern sich auf, bilden mal geometrische Muster, mal organische Formen, umkreisen sich spielerisch. Völlig losgelöst. Dazu spielt ein Orchester am Boden Beethovens 5. Symphonie. Hart an der Kitschgrenze.

Aber dieses Gemeinschaftswerk von Ingenieuren, Software-Experten und Choreografen des Ars Electronica Futurelabs aus Linz und des Chip-Herstellers Intel aus den USA muss ja auch nicht strengsten ästhetischen Ansprüchen genügen. Vor allem zeigt es, was relativ simple, im Elektronik-Discounter erhältliche Drohnen mittlerweile können. Wobei auf dem kleinen norddeutschen Flugplatz durchaus etwas Besonderes gelungen ist: die Koordination von 100 Drohnen in einem Schwarm, überwacht von nur vier Bodenpiloten. Das war ein Weltrekord, der in der nächsten Ausgabe des Guinness Buchs der Rekorde erscheinen wird.

Der Drohnenkrieg hat einen Raum umgedeutet, der für Frieden und Heiterkeit stand: Er hat dem blauen Himmel die Unschuld genommen

Der Krieg ist eben nicht der Vater aller Drohnen, auch wenn es in den Medien der vergangenen Jahre manchmal so klang. Klar, unbemannte Luftfahrzeuge, manche so klein wie Kolibris, andere so groß wie eine Boeing 737, ausgerüstet mit Kameras, einige bewaffnet mit Hellfire-Raketen, werden immer wichtiger für die Luftwaffen vieler Länder. Sie könnten die Natur der militärischen Auseinandersetzung verändern. Doch der technische Fortschritt - vor allem bei den sogenannten Quadrocoptern - wird auch einiges im zivilen Bereich aufrütteln, neue Chancen und Risiken produzieren, juristische und ethische Probleme aufwerfen. Schon jetzt übernehmen Drohnen viele Aufgaben, für die man bislang teure Hubschrauber brauchte. Sie dienen den Nerds und den Narzissten als willkommene neue Spielzeuge. Attentäter, Schmuggler und Voyeure könnten in ihnen neue Hilfsmittel finden.

Doch es geht nicht nur um den praktischen Nutzen der Fluggeräte. Mit den ferngesteuerten Drohnen erobern die Menschen auf eine neuartige Weise den von Natur aus nicht zugänglichen Luftraum. Sie verändern dabei seine Bedeutung und seine Wahrnehmung. Es ist deshalb an der Zeit, den Himmel neu zu denken, und das nicht nur über dem Flugplatz Ahrenlohe.

Schon länger wissen das die Einwohner mancher Regionen in Pakistan oder in Jemen, wo bereits seit Jahren rund um die Uhr die großen US-Militärdrohnen kreisen - und manchmal auch zuschlagen. Ein ironisch gemeinter Kommentar ist da der "Drohnen-Überlebensführer" des dänischen Designers Ruben Pater, der ein Faltplakat mit den Silhouetten der gängigsten Späh- und Kampfdrohnen entworfen hat (siehe große Grafik), auf dass bedrohte Menschen rechtzeitig die Silhouetten erkennen und sich in Sicherheit bringen. Groß sind die Chancen aber nicht.

Militärische Drohnen sind eben mehr als aufgemotzte Techno-Raubvögel, die sich im Sturzflug auf ihr Opfer stürzen. Ihre Augen sind im Gegenteil so gut, dass manche von ihnen sogar aus 5000 Metern Höhe erkennen können, ob jemand gerade eine Tasse Tee in der Hand hält, selbst durch die Wolken und in der Nacht. Aus dieser Position kann auch der Pilot im Kontrollzentrum im 11 000 Kilometer entfernten US-Bundesstaat Nevada - beziehungsweise ein Vorgesetzter - entscheiden, ob er den Knopf drückt, der die Rakete in Gang setzt. Das Opfer hingegen realisiert meist kaum, dass gerade die letzten Millisekunden seines Lebens angebrochen sind.

Man kann lange darüber diskutieren, ob ein solch ungleicher Kampf ethisch zu rechtfertigen ist, ob er politisch klug ist. Unbestritten ist, dass drohnengestützte Angriffe in den betroffenen Ländern als feige und niederträchtig wahrgenommen werden. Der Politikwissenschaftler Peter Singer von der Brookings Institution etwa berichtet, dass in der pakistanischen Rocklyrik das Urdu-Wort für Drohne zum Schimpfwort für amerikanische Feiglinge geworden ist. Dies wird dort selbst von den Menschen so gesehen, die hinter den militärischen Zielen der USA stehen.

Vielleicht geht es aber auch nicht nur um die Feigheit, die man den Piloten unterstellt, sondern darum, dass der Drohnenkrieg eine existenziell neue Situation geschaffen hat. Er hat einen Naturraum umgedeutet, der für Frieden und Heiterkeit steht. Er hat dem blauen Himmel seine Unschuld genommen.

Fliegerbomben gab es bereits im Ersten Weltkrieg, und die Flächenbombardements des Zweiten Weltkriegs und in Vietnam forderten unendlich mehr zivile Opfer als die Drohnen heute. Dennoch haben letztere eine neue Qualität der Bedrohung geschaffen. Bombenangriffe waren in der Regel vorübergehende Attacken, die von Alarmsirenen angekündigt und vom dem Gedröhne sichtbarer Flugzeuge begleitet waren. Die Drohnen hingegen sieht man in aller Regel nicht, sie sind aber in manchen Landstrichen immerzu da, fortgeschrittene Modelle können sich bereits 36 Stunden und länger in der Luft halten. Somit kann auch der Angriff jederzeit aus dem Nichts erfolgen. Dies schafft ein zermürbendes, allgegenwärtiges Gefühl der Bedrohung. Die Menschen leben in einem unendlichen Horrorfilm, in dem bekanntlich die nicht sichtbare Gefahr am meisten Angst macht.

Dabei herrscht eine extreme Asymmetrie der Wahrnehmung. Während die Beobachteten selbst nur abstrakt von ihrer Bedrohung wissen, verfügt der Drohnenpilot über eine fast gottgleiche Allwissenheit. Mit seiner hochauflösenden Kamera verfolgt er eine Zielperson über Tage, Wochen, Monate. Niemand hat das besser beschrieben als der ehemalige Drohnenpilot Brandon Bryant am 1. April 2014 auf einer Podiumsdiskussion in Berlin: "Wir sahen Väter, die nach Hause kamen und von ihren Kindern umarmt wurden. Wir beobachteten Hochzeiten und Beerdigungen. Einmal sah ich ein Paar, das auf dem Dach eines Hauses in Afghanistan miteinander schlief. Es ist eine Art voyeuristische Intimität, bei der man versteht, dass es sich um Menschen handelt. Echte Menschen." Menschen, deren Existenz beendet wird, so erzählt Bryant, wenn bei einem von ihnen ein Gewehr gesichtet wird.

Das ist ein wenig beachteter Aspekt des Drohnenkrieges. Er ist eben nicht in jeder Hinsicht eine Steigerung des klassischen, luftgestützten Bombenkrieges, wo ein Soldat eine Bombe abwirft. Durch die visuelle Nähe zum Opfer, wie sie Bryant beschreibt, gewinnt der Tötungsakt eine Intimität zurück, wie man sie aus Zeiten kannte, als noch mit Schwertern gekämpft wurde. Das stresst. Und erklärt wohl auch, weshalb viele Drohnenpiloten, so wie Bryant selbst, an posttraumatischen Belastungsstörungen erkranken.

Kameradrohnen gleichen Augen, die sich vom Kopf gelöst haben und nun fliegen. Überallhin

Womöglich wird sich dies erneut ändern, wenn Kampfdrohnen und -roboter autonom über einen Angriff entscheiden. Trotz aller politischen Kampagnen dagegen ist das nämlich gar nicht so unwahrscheinlich. Über kurz oder lang werden nur teilweise oder vollständig automatisierte Systeme die Datenflut aus den Aufklärungsdrohnen bewältigen. Das neueste fliegende Überwachungssystem der US-Streitkräfte, das Gorgon Stare, verfügt über 368 Kameras, die simultan eine Fläche von 100 Quadratkilometern, also eine ganze Großstadt, in Teetassen-Auflösung überwachen kann. Sie produzieren dabei in jeder Minute mehrere Terabyte an Daten, mehr als ein handelsüblicher PC auf seine Festplatte packen kann. Schon jetzt suchen Algorithmen im Videomaterial nach verdächtigen Bewegungsmustern, filtern und legen ihre Ergebnisse - noch - menschlichen Controllern zur Entscheidung vor. Die Computer lernen das Sehen, damit der Mensch es sich ersparen kann. Das entlastet auch das Gewissen.

So weit ist man im zivilen Bereich noch nicht, hier dominiert noch die Lust auf die neue Sicht der Welt. Das gilt insbesondere für die auch Quadrocopter genannten Drohnen, die derzeit die Geschäftsbedingungen am Himmel verändern. Anders als die meisten militärischen Drohnen, die im Grunde nur ferngesteuerte Flugzeuge sind, basieren sie auf einem ganz eigenen Flugsystem. Sie sind ausgerüstet mit Gyroskop, Magnetometer, GPS, Beschleunigungsmesser und meist vier (oder mehr) einzeln ansteuerbaren Rotoren. Vor allem aber garantieren moderne Mikroprozessoren und ausgefeilte Software, dass selbst Laien die Maschinen problemlos in der Luft bewegen können.

Bereits für wenige Hundert Euro be-kommt man im Elektrofachhandel brauchbare, mit HD-Kameras ausgerüstete Freizeitdrohnen, die Hunderte Meter hoch und mit weit mehr als 5o Kilometern pro Stunde schnell fliegen können, allerdings selten viel länger als 20 Minuten. Wer im vier- bis fünfstelligen Bereich investiert, erhält deutlich leistungsfähigere Maschinen, die - so die aktuelle Rekordliste - bis zu 50 Kilometer weit und 6000 Meter hoch fliegen, 170 Kilometer pro Stunde Spitzengeschwindigkeit erreichen und bis zu 15 Kilogramm Ladung tragen können. Die kleinsten sind nur noch drei Zentimeter groß, die größten messen 1,4 Meter. Ein erster Prototyp schafft es, bis zu vier Stunden in der Luft zu verharren.

Schon träumen Start-ups und etablierte Firmen von einem Milliardenmarkt: Autonom fliegende Drohnen sollen für DHL und Amazon Pakete transportieren oder Medikamente im Auftrag der Ärzte ohne Grenzen in Bhutan. Sie können für Landwirte präzise vermessen, wo das Gras wächst und für Zoologen ermitteln, wo die Papageientaucher wohnen. Sie inspizieren bereits Stromleitungen und Offshore-Windparks und suchen für die Bergwacht nach Vermissten

Zahlreiche Pilotprojekte laufen wohl auch in den dunklen Zonen der Gesell-schaft: Schließlich können Drohnen auch Sprengstoff, Drogen oder Waffen an Gefängnisfenstern abliefern. Oder selbst zur Waffe werden: Auf Youtube lassen sich bereits Videos finden, in denen Bastler Quadrocopter vorführen, die sie mit Pistolen, Flammenwerfern oder Maschinengewehren ausgerüstet haben. Das stimmt etwas bedenklich, wenn man weiß, dass es bereits vor drei Jahren eine Hobbydrohne bei einer Wahlkampfveranstaltung in Dresden in unmittelbare Nähe der Bundeskanzlerin geschafft hat.

So schafft die Eroberung des Luftraums durch das Fußvolk am Boden auch einen neuen Bedarf an Abwehrmaßnahmen. Das Start-up Dedrone bietet bereits Sensoren an, die vor dem Anflug surrender Plagegeister warnen. Im US-Bundesstaat Kentucky sprach vor wenigen Wochen eine Richterin den 47-jährigen Familienvater William Meredith frei, der mit einer Schrotflinte eine Drohne über seinem Grundstück abgeschossen hatte. Grund: Verletzung der Privatsphäre. Juristen können sich nun streiten, wie weit diese reichen soll: 20 Meter, 50 Meter? Aber wenn nun eine Kamera-Drohne aus 100 Metern Höhe mit dem Teleobjektiv Nacktbilder vom Sonnenbaden im Privatgarten schießt, dürfte man sie dann auch noch mit robusten Mitteln beseitigen - angenommen, man lebte in den waffentoleranten USA? So zeigt sich auch im zivilen Bereich, dass derzeit ganz neue Sehmöglichkeiten entstehen, mit der sich die Gesellschaft erst mal arrangieren muss. Kamera-Drohnen gleichen Augen, die sich vom Kopf gelöst haben und nun fliegen. Überallhin.

Ein 1599-Euro-High-End-Quadrocop-ter leistet in vielen Bereichen das Gleiche wie ein Helikopter, der das gleiche Geld kostet - allerdings pro Flugstunde. Und manchmal kann er noch mehr, weil er so klein und so wendig ist. Ein Blick auf die Webseite etwa des "New York City Drone Film Festivals" zeigt die Möglichkeiten der modernen Kameradrohnen im Spiel- und Dokumentarfilm. Dort finden sich Filme, gedreht von fliegenden Augen, die problemlos binnen Sekunden jede Position und jeden Blickwinkel in drei Dimensionen einnehmen können.

Sie können selbst in engen Räumen, etwa in einer Höhle, den Raum erkunden, wo kein Helikopter Platz hätte. Oder ein schauspielerndes Paar so umfliegen, wie es kein Kameramann hinbekäme. Es ist schon eine Sensation: Derzeit entstehen neue, ungesehene Bilder von dieser vermeintlich längst durchfotografierten Welt. Faszinierend, aber auch ein bisschen beunruhigend. So arbeiten die Nerds bereits an einer Art Google Street View der Lüfte, womöglich wird man sich schon bald per Maus durch den Luftraum über den Städten bewegen können. Erwartbar ist, dass all die Helmkamera-Narzissten auf eine Begleitdrohne upgraden werden. Mit sogenannter "Active-Tracking-Funktion" verfolgen diese einen Jogger, Rad- oder Skifahrer in kurzem Abstand bei seinen Heldentaten. Der Film lässt sich dann als sogenanntes "Dronie" ins Netz stellen.

Und irgendwie bizarr sind auch jene jungen, meist männlichen Menschen, die sich an Drohnen-Rennen beteiligen, einer neuartigen Mischung aus Formel 1 und Videogame. Gerade fand in Dubai der World Drone Prix statt, Preisgeld: eine Million Dollar. Die Piloten mussten ihre Fluggeräte mit 100 Kilometern pro Stunde durch einen Hindernis-Parcours lenken. Dabei saßen sie mit dem Joystick im Sessel, eine Videobrille übertrug ihnen die Sicht ihrer Drohne. Man fragt sich, wieso sie denn nicht gleich durch einen virtuellen Digitalhimmel fliegen.