Diskussion um Erdzeitalter Anthropozän Am Limit

Der Bau von Staudämmen - hier der Katse-Staudamm in Lesotho - verändert die Erdschichten so, dass Geologen und andere Wissenschaftler ein neues Erdzeitalter ausrufen wollen.

(Foto: dpa)

Die Menschheit verändert den Planeten, womöglich wird bald ein neues Erdzeitalter ausgerufen. Wissenschaftler haben neun Grenzwerte für stabile Lebensbedingungen bestimmt - vier davon sind schon überschritten.

Von Christopher Schrader

Wenn man sich die Menschheit als Astronauten im All vorstellt, dann ist die Atmosphäre der Erde der Raumanzug. Das Klimasystem sorgt für angenehme Temperaturen, die Ozonschicht stoppt als Sonnenschild wie ein Helmvisier schädliche Strahlung, die Biosphäre liefert permanent Sauerstoff, reinigt die Wasservorräte und füllt den Nährstoffspeicher. Kurz: Die Erde ist das Lebenserhaltungssystem der Menschheit. "Wir halten das für gegeben und messen ihm wenig Wert bei", sagt Will Steffen von der australischen Nationaluniversität in Canberra. "Aber wir sind dabei, dieses lebenswichtige System zu destabilisieren."

Steffen bemüht sich mit etlichen anderen Wissenschaftlern seit Langem, die Bedingungen der Stabilität aufzuzeigen. Das Team hat Grenzwerte definiert, und mindestens vier davon habe die Menschheit bereits überschritten, zeigt eine Science-Studie des Australiers und seiner Kollegen (online). Sie stellen darin eine Art Ampel vor. Wenn sie Grün zeigt, wie beim globalen Wasserverbrauch, der Ozonschicht und knapp auch noch bei der Meeresversauerung, bewegt sich die Menschheit in einem sicheren Bereich.

Das ist aber eben nur für drei der neun Aspekte gegeben. Bei Gelb beginnen die Zweifel: Die Stabilität endet dort, irgendwo hier sind große Veränderungen möglich, die sich noch nicht genau bestimmen lassen. Das ist beim Klimawandel der Fall und bei der Umwandlung von Wäldern zum Beispiel in Plantagen und Ackerland.

Rot schließlich bedeutet, dass bereits großes Risiko besteht - das Artensterben und die Folgen der intensiven Stickstoff- und Phosphordüngung könnten drastische und unbeherrschbare Folgen haben. Für zwei weitere Aspekte fehlen noch die Daten, um eine sinnvolle globale Grenze festzulegen: Das gilt demnach sowohl für die Menge kleinster Partikel wie Ruß und Schwefeloxide in der Atmosphäre als auch für die Verbreitung von Plastik, Chemikalien und anderen künstlich erzeugten Stoffen in der Umwelt.

In einer weiteren Studie belegt Steffens Team, wie tief die Veränderungen auf dem Planeten bereits reichen. "Die ökonomische Aktivität der Menschheit prägt inzwischen direkt die Veränderungen im Erdsystem", sagt Steffen. Seit etwa 1950 haben Stadtbevölkerung, Transportkilometer, Energie- und Wasserverbrauch stark zugenommen und parallel dazu die Schadstoffwerte in der Atmosphäre, die Versauerung des Meeres und der Verlust von intakten, artenreichen Landschaften. Betrachtet man den zeitlichen Verlauf, knicken viele dieser Kurven kurz nach dem Zweiten Weltkrieg nach oben ab und steigen plötzlich steiler an (Anthropocene Review, online).

"In nur zwei Generationen ist die Menschheit zu einer geologischen Macht geworden, die auf den ganzen Planeten wirkt", sagt Steffen. Die Natur gerate allmählich in einen neuen, in der Menschheitsgeschichte unbekannten Zustand, der sich als Wechsel in ein neues Erdzeitalter bemerkbar machen werde. Das seit 11 700 Jahren andauernde Holozän mache dem Anthropozän Platz.

Das Anthropozän Um die Erdgeschichte in Abschnitte aufzuteilen, haben Geologen eine Abfolge von Zeitaltern definiert. Sie lassen sich an Besonderheiten der Erdschichten und typischen Fossilien erkennen. Nun debattieren Wissenschaftler, ob die Menschheit die Erde bereits so stark verändert hat, dass sich ihre Spuren für immer im Erdreich nachweisen lassen, zum Beispiel der radioaktive Fallout von Atomtests oder von Staudämmen verursachte Veränderungen in Fluss-Sedimenten. Das Zeitalter hieße dann Anthropozän, aus dem Griechischen abgeleitet für "das menschliche Neue". Es würde das seit Ende der jüngsten Eiszeit andauernde Holozän ablösen, das der Menschheit mit einem stabilen Klima die Entwicklung von Landwirtschaft, Technologie und Hochkulturen ermöglicht hat. Vertreter der Anthropozän-Idee gibt es in der Wissenschaft wie in der Kulturszene. Entschieden wird die Frage von der Internationalen Kommission für Stratigrafie, also für die Analyse der Erdschichten. Eine Arbeitsgruppe prüft seit einigen Jahren die Datenlage. Christopher Schrader