Der Philosoph Eckart Voland erklärt im SZ Wissen, warum sich Menschen Hunde halten und in welchem Verhältnis beide stehen.
SZ Wissen: Neulich in der Warteschlange beim Bäcker hat sich ein Bullterrier quer über meine Füße gelegt und ist eingedöst. Eigentlich süß, aber mulmig war mir trotzdem.
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Bussi für Bello: Im Kinofilm "Best in Show" gibt Harlan Pepper (Christopher Guest)seinem Bluthund Hubert ein Küsschen. (© )
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Eckart Voland: Wie hat der Halter reagiert?
SZ Wissen: Er tat so, als sei das völlig normal. Er hat mich nicht groß beachtet.
Voland: Ich kenne den Mann zwar nicht, aber vielleicht wollte er genau das: nicht diskutieren, sondern ungefragt seinen Machtanspruch demonstrieren.
SZ Wissen: Deshalb frage ich auch lieber Sie: Warum halten sich Menschen eigentlich Hunde? Weiter vorn in der Schlange stand zum Beispiel eine Frau, die ihren Pinscher auf dem Arm trug, damit niemand drauftrat.
Voland: Das Ausleben von Autoritätsansprüchen ist ja auch nur ein mögliches Motiv, sich einen Hund zu halten. Andere Motive können Bedürfnisse wie Fürsorge sein, die Möglichkeit, empathisch zu reagieren, einen Sozialpartner zu haben, einen Ehepartner- oder Kindersatz, Einsamkeit zu bekämpfen. Und es geht zuweilen auch darum, den eigenen Sozialstatus zu kommunizieren. Rassehunde können funktionieren wie Pelzmäntel.
SZ Wissen: Das sind ziemlich viele Gründe.
Voland: Aber sie haben einen gemeinsamen Nenner: Es sind alles Motive, die mit unseren sozialen Verhaltensvorlieben zu tun haben, mit dem, was man etwas altmodisch "soziale Instinkte" nennen könnte, und die wollen befriedigt sein.
Empathie, Hierarchie- und Prestigedenken, die Wahrung von Einflussmöglichkeiten und nicht zuletzt das Mehr an Selbstbewusstsein, das aus der Hundehaltung erwächst - all das sind biologisch verankerte Verhaltenspräferenzen, die in der sozialen Evolution des Menschen entstanden sind.
Und wenn man sie zwischenmenschlich nicht so leicht ausleben kann, wird ein Hund instrumentalisiert. Hunde sind natürlich auch billiger als zum Beispiel Kinder.
SZ Wissen: Das hört sich nicht nett an.
Voland: Analysen müssen ja auch nicht nett sein.
SZ Wissen: Sagen Sie so etwas Grundsätzliches mal Hundehaltern. Einige sind ja schon beleidigt, wenn man höflich darum bittet, das Tier anzuleinen.
Voland: Weil das die eigene Persönlichkeit infrage stellt. Es kann zum Ego gehören, Angst einflößend aufzutreten oder den Hund hegend und pflegend bis zur Vermenschlichung behandeln zu können. Es gibt sogar christlichen Bestattungen nachempfundene Hundebegräbnisse.
Man sieht auch an solchen Extrembeispielen, welche motivationale Tiefe die zugrunde liegenden Verhaltenstendenzen haben. Auch deshalb werten Hundehalter Kritik gern ab und lassen sie nicht gelten. Das eigene Verhalten hingegen wird gern rationalisiert.
SZ Wissen: Rationalisiert heißt?
Voland: Dass wir immer vernünftige, sozial akzeptable Gründe für unser Verhalten angeben können, an die wir auch selbst glauben: Der Hund sei doch so hilfsbedürftig, er brauche mich und Ähnliches. Bei diesen Gründen steht der Hund im Mittelpunkt, nicht der Halter. Welche persönlichen Motive aber im Hintergrund ablaufen, und weshalb es zum Menschsein gehört, diese Motive zu haben, bleibt vielen verborgen: Man exekutiert biologisch evolvierte Präferenzen, ohne immer erkennen zu können, welche Funktionen sie tatsächlich erfüllen.
SZ Wissen: Eine Diskussion beim Bäcker wäre vermutlich weniger ertragreich gewesen.
Voland: Zumindest wären Sie nicht auf die evolutionäre Tiefe des Phänomens gestoßen. Aber Ihr Interesse, vor Belästigung geschützt zu sein, sollten Sie natürlich vertreten können.
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(SZ Wissen, Ausgabe 11/2008/gal)
Urteil am Bundesverfassungsgericht
ich bewerte grün und rot wird breiter.
Dieses Phänomen habe ich mehrfach festgestellt. Auch bei anderen Beiträgen.
Was soll dieses. Ist die Technik falsch eingerichtet?
In anderen Beträgen wird dieses von Kommentatoren auch festgestellt.
22.10.2008 10:59:51
marmot2705: Pro Voland
"Ich finde es sehr positiv, dass ein bekannter Philosoph den Mut hat, öffentlich diese Aussagen zu machen."
Mut? Platitüden aus dem soziologischen Proseminar zu verbreiten (alles ist Ersatzbefriedigung, abgesehen vom Schwafeln über Ersatzbefriedigung...), zeugt nicht gerade von Tapferkeit. Und wer in der Sexta bei der Lektüre von "Krambambuli" nicht wenigstens ein paar Tränen unterdrückt hat, hat eh kein Herz.
bin ich, ehrlich gesagt, etwas irritiert. Seit wann dürfen Hunde, egal ob Bullterrier am Boden oder Pinscher auf dem Arm, in ein Lebensmittelgeschäft? Eine Bäckerei ist doch wohl ein solches. Oder ist das Interview ein Fake?
Ich finde es sehr positiv, dass ein bekannter Philosoph den Mut hat, öffentlich diese Aussagen zu machen. Wir leben in einer Gesellschaft, in der es immer wieder Gruppen gibt, die sich relativ maßlos verhalten können, ohne dass sie mit ernsthaften Konsequenzen zu rechnen haben. Das liegt vermutlich daran, dass einige Politiker (vielleicht zurecht) befürchten, dass sie damit einige Leute verprellen, wohingegen diejenigen, die von einem besseren Durchgreifen/Gesetzen profitieren würden, den Einsatz vielleicht nicht klar wahrnehmen (siehe Englischer Garten).
Persönlich möchte ich den Ausführungen von Herrn Voland noch hinzufügen, dass wir in einer Zwei-Klassen-Gesellschaft leben, was Tiere betrifft. Zum einen gibt es da Hunde, von denen die Halter mittlerweile des Öfteren sagen, dass sie Vorrang vor anderen Menschen haben (Radfahrer, Läufer). Zum anderen gibt es diejenigen Tiere, deren gesamter Lebenszweck darin zu bestehen scheint, unter fragwürdigen Bedingungen `aufgezogen' zu werden, um dann in einer Hundefutter-Dose zu enden (und vielleicht noch auf einem öffentlichen Platz ausgeschieden zu werden).
Mir ist natürlich klar, dass einige Hundebesitzer drastisch auf dieses Argument reagieren werden, aber vielleicht könnten sie ja nachdenken bevor sie beleidigende Kommentate abschicken.
oder Hundebesitzer versus Kinderbesitzer??? Allein diese Gegenüberstellung ist ein Zeichen, dass unsere Gesellschaft seltsame Wege einschlägt. Mein Weg ist es nicht, obwohl ich Kind und Hund habe. Bei solchen Gegenüberstellungen kann ich nur noch kopfschüttelnd traurig werden!
Paging