Chemische Waffen Haut- und Nervenkampfstoffe

Senfgas, Sarin oder VX: Chemische Kampfstoffe sind einfacher zu produzieren als Atomwaffen und lassen sich leichter einsetzen als Biowaffen.

Von Markus C. Schulte von Drach

Am 22. April 1915, der Erste Weltkrieg war noch kein Jahr alt, trieb der Westwind Chlorgas über die Front bei Ypern, abgeblasen aus über 5000 Stahlzylindern der deutschen Reichswehr.

Tausende überraschte Engländer und Franzosen starben bei Langemarck. Und chemische Waffen wurden ein Teil der modernen Kriegsführung.

Seit diesem Tag entwickelten Wissenschaftler in aller Welt immer neue, immer gefährlichere C-Waffen.

Chemische Kampfstoffe sind meist flüssig und werden versprüht, so dass die Stoffe als Aerosole in die Umgebung gelangen. Die eingesetzten Substanzen sind überwiegend unsichtbar und geruchlos.

Die wichtigsten C-Waffen

Hautkampfstoffe

Senfgas, auch unter den Namen Lost oder Gelbkreuz bekannt, ist ein hochwirksames Hautgift. Die Substanz dringt innerhalb von Minuten durch Kleidung und Haut in den Körper ein (Kontaktgift) und zerstört die Zellen. Es kommt zu Entzündungen.

Mit Hilfe von Salben lassen sich die Symptome lindern. Häufig kommt es jedoch zu Schäden an Nerven und am Herzkreislauf-System, die tödlich sein können.

Wird Senfgas eingeatmet zerstört es das Lungengewebe. Wer einen Lost-Angriff überlebt ist einem erhöhten Krebsrisiko ausgesetzt, da der Stoff das Erbgut schädigt.

Entwickelt wurde das Gas 1886 in Deutschland. Während des ersten Weltkriegs wurde Senfgas 1917 erstmals von deutschen Truppen als Waffe eingesetzt, 1918 auch von den Alliierten. Zuvor hatte die deutsche Reichswehr an der Westfront bereits Chlor, Phosgen und Perstoff eingesetzt, die Alliierten hatten mit chemischen Waffen reagiert (Chlor und Phosgen, außerdem Blausäure und Arsentrichlorid).

Lewisit wurde 1917 von einem US-Militärchemiker namens Lewis entwickelt. Die Arsenverbindung verursacht bei Hautkontakt brennende Schmerzen und Blasenbildung, in der Lunge führt Lewisit zu Lungenödemen und -entzündungen. Die USA, Großbritannien und die Sowjetunion produzierten Lewisit als C-Kampfstoff.

Nervenkampfstoffe

Diese Giftstoffe hemmen ein Enzym (Acetylcholinesterase), das für die Weiterleitung von Nervensignalen im Gehirn und den Muskeln notwendig ist. Durch die Blockade kommt es zu einer Verkrampfung der Muskulatur. Anfänglich zeigen Patienten verstärkten Speichefluss, dann Muskelzuckungen, Darmentleerung, Erbrechen, Krämpfe, schließlich kommt es zur Atemlähmung, so dass die Betroffenen qualvoll ersticken.

Alle Verbindungen gehören zu den Organophosphorverbindungen (Phosphorsäureester).

Tabun ist das älteste Nervengas. Es wurde im Auftrag der Firma Bayer 1936 von Gerhard Schrader als Insektizid entwickelt, das sich zugleich als Kampfstoff eignen sollte.

Sarin wurde etwa zwei Jahre später in den Labors der IG-Farben Sarin synthetisiert. Es ist etwa sechsmal so giftig wie Tabun.

Während des ersten Golfkriegs setzte der Irak Sarin und Senfgas gegen den Iran ein, 1988 kam es zu einem chemischen Vernichtungsfeldzug gegen die eigene kurdische Bevölkerung. Die Zahl der Opfer liegt vermutlich bei mehreren Tausend.

1995 verübte die japanische Aum-Sekte in der Tokioter U-Bahn einen Anschlag mit Sarin, bei dem 12 Menschen starben, über 1000 wurden verletzt.

Soman ist noch giftiger als Sarin. Es wurde 1944 von Fachleuten der IG-Farben hergestellt.

VX ist die modernste Variante dieser Art von Nervengasen. Es ist etwa hundertmal giftiger als Sarin. Entwickelt wurde der Stoff 1952 in Port Down in England.

Da die Substanz besonders dickflüssig ist und langsam freigesetzt wird hält ihre Wirkung lange an. VX dringt leicht in die Haut ein. An Gegenständen klebend bleibt der Kampfstoff über etliche Wochen gefährlich.

VX wirkt langsamer als Sarin. Während der ältere Kampfstoff innerhalb von weniger als zehn Minuten tödlich wirkt, sterben VX-Opfer "erst" nach über 20 Minuten. Doch bereits ein kleiner Tropfen auf einer beliebigen Stelle des Körpers wirkt tödlich.

Gegen die hier angeführten Nervengifte hilft Atropin, ein pflanzliches Alkaloid (Tollkirche, Stechapfel), das selbst als Gift oder Rauschmittel eingesetzt wird. Um sich vor einem Nervengasangriff schützen zu können werden Soldaten mit Atropin-Spritzen ausgestattet.

Weitere C-Waffen

Lungenkampfstoffe

Die ältesten chemischen Waffen richteten sich gegen die Lunge. Zu diesen Kampfstoffen gehört Chlor, das während des Ersten Weltkriegs verwendet wurde. Weitere Substanzen, die man bereits damals einsetzte, sind Phosgen und Diphosgen.

Blutkampfstoffe

Auch die Blutkampfstoffe wurden bereits im Ersten Weltkrieg eingesetzt. Zu dieser Gruppe gehören Blausäure (Zyklon B, Cyanwasserstoff), Chlorcyan und Arsenwasserstoff.

Psychokampfstoffe

Seit den fünfziger Jahren interessieren sich Militärs und Nachrichtendienste für Kampfstoffe, die den Feind nicht töten, sondern nur kampfunfähig machen. Zu diesem Zweck wurde beispielsweise von der CIA die Wirkung von LSD (Lysergsäurediäthylamid) untersucht (Projekt MKULTRA).

Probleme bei der Herstellung chemischer Waffen

Eine Berechnung des unabhängigen Henry Stimson Centers in Washington zeigt: Ein Terrorist, der in einem Keller genug Sarin produzieren will, um 500 Menschen unter freiem Himmel zu töten, braucht für die Herstellung zwei Jahre. Um eine Opferzahl von 10.000 zu erreichen benötigt er zwei Tonnen Sarin, die Produktionszeit beläuft sich dann auf 18 Jahre.

Trotzdem sind Chemiewaffen leichter herzustellen als biologische oder atomare Waffen. So ist eine Produktion in kommerziellen Anlagen möglich, beispielsweise dort, wo Pestizide hergestellt werden. Darüber hinaus lassen die C-Waffen sich einfacher einsetzen.