Buchrezension: Israels Palästinenserpolitik "Juden = Zionisten = Israelis"

Ein Palästinenser mit seinen Kindern in Ostjerusalem vor seinem von den israelischen Behörden abgerissenen Haus

(Foto: dpa)

Für den Soziologen Moshe Zuckermann von der Universität Tel Aviv betreibt Israel seit Jahrzehnten ein Okkupationsregime gegen die Palästinenser. Doch besonders in Deutschland verweigere man sich dieser Realität. Deshalb preist Zuckermann Petra Wilds Beschreibung des Leids der Palästinenser - und warnt zugleich vor deftigen historischen Parallelisierungen.

Von Moshe Zuckermann

Petra Wild hat ein wichtiges Buch geschrieben. Wichtig ist dieses Buch nicht so sehr, weil es Unbekanntes, Ungewusstes bietet.

Alles, was darin an empirischem Material zusammengetragen, analysiert und gedeutet wird, konnte schon seit Langem von jedem, der es wollte, gewusst werden.

Weil man es aber nicht wissen will beziehungsweise bereits Gewusstes tunlichst verdrängen möchte, ist Petra Wilds Buch wichtig. Es fungiert gleichsam als literarische Zwangsjacke der beharrlich Wegschauenden, den Blick auf den im Buch berichteten Schrecken ideologisch Verweigernden.

Besonders akut ist besagte Realitätsverweigerung in Deutschland. Es geht im Buch um die barbarischen Auswirkungen des durch systematische Politik gestählten Okkupationsregimes, welches der zionistische Staat gegen die Palästinenser seit Jahrzehnten betreibt.

Da aber Deutsche im 20. Jahrhundert Monströses an Juden verbrochen haben, meinen viele in Deutschland, ihre Verantwortung für die historische Schuld durch eine selbstauferlegte Tabuisierung von allem, was mit Juden, Zionismus und Israel zusammenhängt, unter Beweis stellen zu sollen. In den letzten Jahren ist diese Haltung zunehmend verdinglicht worden und in eine aggressive Ideologie gegen jede Kritik an Israels Politik umgeschlagen, eine Ideologie, die keine noch so perfide Kreuzigung des jeweiligen Kritikers und seine infame Besudelung scheut.

Petra Wild spricht dies in ihrem Vorwort an. Sie kann sich dennoch darauf gefasst machen, wegen ihres Buches als Antisemitin apostrophiert und in widerliche Schmutzkampagnen gezerrt zu werden.

Dass sich die Leute, die sich mit Israel solidarisieren, nicht um palästinensisches Leid scheren, versteht sich von selbst. Dass sie sich aber auch nicht wirklich für Juden interessieren, sondern nur für deren Abstraktion als "Juden = Zionisten = Israelis", liegt ebenso klar auf der Hand: Nicht nur agieren sie unmoralisch den Palästinensern gegenüber, sondern ihre "moralische Verpflichtung" den Juden gegenüber erweist sich als Parteinahme für das, was ihnen als projizierte Abstraktion das Ausleben unverarbeiteter Befindlichkeiten ermöglicht.

Wild muss sich auf widerliche Schmutzkampagnen gefasst machen

Die Unbescholtenheit von "Juden = Zionisten = Israelis" darf auf keinen Fall infrage gestellt werden; sie allein garantiert die Makellosigkeit derer, mit denen man sich solidarisieren muss, um sich selbst - "wiedergutmachend" - moralisch schadlos zu halten.

Nun haben aber jüdische Israelis im zionistischen Land seit Jahrzehnten Schlimmstes verbrochen. Darum geht es in Petra Wilds Buch. Kapitel um Kapitel zeichnet sie nach, auf welcher Basis sich das viel gerühmte zionistische Projekt - sei es als Zufluchtsland der Holocaust-Überlebenden oder als "einzige Demokratie im Nahen Osten" - herausbildete, auf welche strukturellen und ideologischen Fundamente es gestellt war.

Sie nimmt kein Blatt vor dem Mund, legt mithin fundiert und akkurat dar, wie die ethnokratische Dimension der israelischen Demokratie von Anbeginn nicht ohne Segregation der Palästinenser, ohne Apartheid und ethnische Säuberungen, ohne Landraub und Terrorisierung der einheimischen palästinensischen Bevölkerung auskommen konnte. Sie gelangt zu dem Schluss, dass es sich beim Zionismus im Wesen um einen historisch ausgeformten Siedlerkolonialismus handelt.

Das, was diesen Siedlerkolonialismus als Struktur und Prozess empirisch ausmacht, konnte, wie gesagt, schon längst gewusst werden, wenn man es denn wissen wollte.

Bestünde demnach die Bedeutung von Petra Wilds Buch lediglich im begrifflichen Ertrag? In der modifizierten Nomenklatur dessen, was an Fakten erfasst wurde? Ist es zum Beispiel unerlässlich, mit dem UN-Sonderberichterstatter für Menschenrechte in den palästinensischen besetzten Gebieten, Richard Falk, einen Vergleich zwischen Israels Praktiken in den palästinensischen Territorien und den Gräueltaten der Nazis zu ziehen, wie es Petra Wild meint tun zu sollen?

Leistet die von ihr verwendete Kategorie des an den Palästinensern begangenen "schleichenden Genozids" (als Steigerung des von Baruch Kimmerling geprägten Begriffs des Politizids oder etwa des von Saleh Abdel Jawad seinerzeit aufgebrachten Konzepts des Soziozids) eine Vertiefung der Einsicht in die real praktizierte Barbarei?

Zu befürchten steht, dass solche Parallelen eher den Anlass bieten könnten, von der Auseinandersetzung mit der Unsäglichkeit des real Bestehenden abzulenken, um sie durch dezidierte Polemik über die Validität des Vergleichs aus dem Blickfeld geraten zu lassen.

Es bedarf nicht des nun einmal durch die Holocaust-Assoziation trotz aller akademischer Differenzierung besetzten Genozidbegriffs, um Anatomie und Folgen des von israelischen Juden an den Palästinensern begangenen historischen Unrechts und dessen verbrecherischer Perpetuierung kritisch anzuvisieren und anzuprangern, wie es Petra Wild in ihrem verdienstvollen Buch unternimmt.

Was real geschehen ist und immer noch geschieht, ist schon schlimm genug. Es ist höchste Zeit, dass dies Schlimme auch in Deutschland mehr Anerkennung erfährt, als es das geschichtsbelastete Tabu zur Zeit noch zulässt. Von emanzipatorischer Bedeutung wäre dies nicht nur für die Palästinenser.

Petra Wild: Apartheid und ethnische Säuberung in Palästina. Der zionistische Siedlerkolonialismus in Wort und Tat. Promedia, Wien 2013. 224 Seiten, 15,90 Euro.

Der Soziologe Moshe Zuckermann lehrt Geschichte und Philosophie an der Universität Tel Aviv.