Bewusstseinsforschung Im Spiegelkabinett

"Wie wurde ich zu der Person, die ich bin?" In der Leopoldina-Jahresversammlung wagten sich Wissenschaftler an eine der ganz großen Fragen. Ein Ergebnis: Wir ändern uns ständig, ob gewollt oder nicht.

Von Christian Weber

Was ist der Mensch? Leider kein Stofftier. Sonst wäre die Antwort ja einfach, wie der Psychiater Andreas Meyer-Lindenberg, Direktor des Mannheimer Zentralinstituts (ZI) für seelische Gesundheit demonstriert. In einem Feldversuch hat er identische Teddybären an zwei Kinder ausgegeben. Als der Wissenschaftler die Tiere nach einem Jahr wieder begutachtete, hatten sich die beiden Bären extrem unterschiedlich entwickelt. Gekämmt und gepflegt wirkte der eine, zerzaust und mitgenommen der andere. "Offenbar haben hier Umweltfaktoren gewirkt", kommentiert Meyer-Lindenberg lakonisch.

Ein guter Gag, aber noch keine befriedigende Antwort auf die überaus große Frage, die sich die Leopoldina, die Nationale Akademie der Wissenschaften, zu ihrer Jahresversammlung am vergangenen Wochenende in Halle vorgenommen hatte: "Wie wurde ich zu der Person, die ich bin?"

"Erinnerungen sind nur solange sicher, wie wir uns nicht an sie erinnern"

Klar war nur eines von Anfang an: dass die klassische Nature-or-Nurture-Kontroverse endgültig zu den Akten gelegt ist. Die Idee von der DNA als Software des Lebens ist nurmehr eine schlechte Metapher. Gene legen nicht stur fest, ob man in seinem Leben an Depression erkranken oder zum überdurchschnittlich häufigen Verüben von Banküberfällen neigen wird. Genauso wenig aber ist der neugeborene Mensch ein unbeschriebenes Blatt Papier, bereit für alle Texte der Welt. Heute weiß man, dass Geist und Gehirn, Genom und Gesellschaft in komplexer Weise wechselwirken und dabei immer neue Fragen aufwerfen.

"Es sind tiefe Fragen", warnte der Biopsychologe Onur Güntürkün von der Universität Bochum in seinem Eröffnungsvortrag vor schnellen Antworten und vermeintlich verlässlichen Intuitionen. Noch nicht mal der Erfahrung des eigenen Körpers könne man sich gewiss sein. Er berichtete von den bizarren neurowissenschaftlichen Experimenten der vergangenen Jahre.

So gelang es ihm, einer Studentin eine künstliche Hand regelrecht anzuhexen. Es genügte, einen ihrer Arme hinter einer Blende zu verbergen und an dessen Stelle ein Gummimodell auf den Tisch zu legen. Dann werden realer Arm und Modell synchron mit einem Pinsel gestreichelt. Das Gehirn kombiniert die anfangs widersprüchlichen Signale und erzeugt so ein Körpergefühl im Gummiarm. "Unser Körperschema lässt sich so in 30 Sekunden ändern", sagte Güntürkün. "Wenn wir ein Leben lang mit einem Schraubenzieher herumlaufen, würden wir den auch in unser Körperbild integrieren."

Ähnlich wenig Verlass sei auf das autobiografische Gedächtnis, das doch zum Kern menschlicher Identität gehört, sagte Güntürkün und verwies auf die Experimente der US-Psychologin Elizabeth Loftus. Ihr gelang es, Probanden frei erfundene biografische Anekdoten einzureden, etwa, sie hätten sich als Kind in einem Supermarkt verirrt. Eine Erinnerung ist eben nicht in Stein gemeißelt, sondern gleicht einem Word-Dokument, dass sich jederzeit aufrufen und verändert im Computer abspeichern lässt. "Es ist eine deprimierende Erkenntnis", sagte Güntürkün. "Erinnerungen sind nur solange sicher, wie wir uns nicht an sie erinnern." Denn auch man selber neige dazu, die eigenen Gedächtnisinhalte aufzuhübschen.

So zeigt sich bereits in der Gedächtnisforschung, dass die Leopoldina-Frage zu statisch ist. Sie unterstellt, dass eine Person irgendwann fertig wäre. Ein Mensch aber entwickelt sich sein Leben lang weiter, denn sein Gehirn ist plastisch.

Genauso wenig gibt es den Punkt null, an dem die Prägung eines Menschen beginnt. Schließlich spiegeln sich bereits im Genom Millionen Jahre Evolution, woran etwa der Paläogenetiker Svante Pääbo vom Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie erinnerte. Er wies darauf hin, dass nach neueren Analysen ein paar Prozent Neandertal-Gene auch noch im modernen Menschen stecken.

Scheidungsbereitschaft in den Genen

Eher skeptisch verwahrte sich der Psychologe Eric Turkheimer von der University of Virginia gegen die Annahme, dass das ererbte Genom auch über komplexe Dinge wie Scheidungsbereitschaft oder politische Ansichten bestimme. Humangenetiker hatten derartiges zeitweise behauptet, doch die Datenlage gebe das einfach nicht her, versicherte Turkheimer.

Mit eindrucksvollem Studienmaterial konnten hingegen mehrere Forscher belegen, wie bereits im Mutterleib Weichen fürs Leben gestellt werden. Andreas Plagemann von der Klinik für Geburtsmedizin der Berliner Charité berichtete, wie sich Übergewicht, Bewegungsmangel und Stoffwechselerkrankungen während der Schwangerschaft auf die Feten auswirkt. Sie erreichen ein höheres Geburtsgewicht, das wiederum im späteren Leben das Risiko für Übergewicht drastisch erhöht. Das ist mehr als nur ein hypothetisches Risiko in einem Land wie Deutschland, in dem nach Angaben Plagemanns mittlerweile die halbe Bevölkerung übergewichtig ist. Besonders beunruhigend ist außerdem: Im Mäuseversuch finden sich Hinweise, wonach etwa Schwangerschafts-Diabetes nicht nur auf das Kind, sondern weiter an die Enkel vererbt wird.

Dies ist ein erneuter Beleg für die revolutionäre Erkenntnis, die sich in der Biologie durchgesetzt hat: Offenbar gibt es entgegen den Annahmen der klassischen Genetik Mechanismen, wie sich erworbene Eigenschaften vererben können. Die sogenannte Epigenetik beschreibt, wie Umweltfaktoren die Aktivität von Genen beeinflussen, auch über Generationen hinweg.