Archäologische Funde in Norddeutschland Gold von unschätzbarem Gewinn für die Wissenschaft

Dabei wurde durchaus auch Gold gefunden, sagt der Archäologe. 1,7 Kilogramm, verschmiedet zu 117 Einzelstücken: Ringen, Spiralen und einen Halsring, alles mehr als 3300 Jahre alt. Ein Grabungstechniker war im April 2011 mit einem Metalldetektor auf ein Bündel stark korrodierter Bronzenadeln, ein kleines goldenes Spiralröllchen und eine Gewandspange gestoßen. Der Boden wurde daraufhin als Block geborgen und in die Restaurierungswerkstatt des Landesamtes für Denkmalpflege nach Hannover verbracht. Der Verdacht, in der Erde könnten sich noch mehr Funde befinden, bestätigte sich. Anhand von Computertomografien legte die Restauratorin Spiralen und Armreifen frei.

Der Goldschatz kam in der Gemarkung Gessel beim niedersächsischen Syke zu Tage. Von dieser Woche an steht er im Mittelpunkt der Sonderausstellung "Der goldene Schnitt" im Landesmuseum Hannover. Der Wert des Goldes sei nebensächlich, rechnet Haßmann vor, "der beträgt gerade einmal 55.000 Euro." Damit ließe sich nicht einmal ein Bruchteil der Kosten für die Grabungen, wissenschaftlichen Untersuchungen, Restaurierung und Lagerung bezahlen.

Doch der wissenschaftliche Wert dieses Fundes ist immens: Röntgenfluoreszenzanalytik, Laserablationsmassenspektrometrie und Rasterelektronenmikroskopie, so Robert Lehmann von der Universität Hannover, weisen mit großer Wahrscheinlichkeit auf eine Herkunft aus Zentralasien hin. Zwar ist bekannt, dass in der Bronzezeit über große Distanzen hinweg gehandelt wurde. Dass die Beziehungen von Norddeutschland bis nach Zentralasien reichten, hätte man aber nicht gedacht, so Henning Haßmann.

Auch wenn der Altertumsforscher mit dem Gas aus der NEL wahrscheinlich sein Haus heizen wird - viel mehr interessieren Haßmann die Einblicke in den Alltag der Stein-, Bronze- und Eisenzeit. Neben dem Goldschatz von Gessel gehört die Venus von Bierden zu den herausragenden Funden. Mit fünf Strichen ist sie in ein Steingerät zum Schärfen von Feuersteinen geritzt worden. Der Steinzeit-Künstler deutete Hüftschwung, Schambereich und Bauchnabel an, stellte Gesäß und Beine dar. "Nelly" taufte das Grabungsteam unter der Leitung von Klaus Gehrken den flachen, nur sieben Zentimeter breiten Stein.

Er fand sich zusammen mit Feuersteinmesserchen und Pfeilspitzen bei einer Feuerstelle auf dem Lagerplatz von Jägern und Sammlern auf einer Erhöhung am Rande der Weserniederung. Ursprünglich war angenommen worden, dass der Fund aus der Eiszeit stammt, doch Radiokarbondatierungen ergaben ein etwas jüngeres Alter von 11.000 Jahren. Auch damit ist "Nelly" die älteste Frauendarstellung im norddeutschen Tiefland.