Archäologie-Serie "Er ist durchlöchert"

Kann man Rongorongo überhaupt lesen oder ist es nur eine Art Gedächtnisstütze?

(Foto: Mauritius Images)

Bisherige Versuche, die Rongorongo-Schrift der Osterinsel zu übersetzen, endeten in sinnfreien Texten. Vielleicht hatte sie eine ganz andere Funktion?

Von Esther Widmann

Als ein Bewohner von Rapa Nui, der Osterinsel, dem Bischof von Tahiti eine Inschrift auf Rongorongo vorlesen soll, beginnt er, lauter sinnlose Sätze zu singen: "Er ist durchlöchert. Es ist der König. Der Mann schläft gegen die blühende Frucht." So hätten die Priester gelesen, wenn sie die Tafeln benutzten, erklärte der Mann im Jahr 1867 entschuldigend. Die Rongorongo-Schrift, die ein Missionar noch wenige Jahre zuvor in jeder Hütte gesehen hatte, ist zu diesem Zeitpunkt schon so gut wie ausgestorben.

150 Jahre später hat immer noch niemand die Schrift von der für ihre rätselhaften Steinskulpturen berühmten Insel im Pazifik entziffert. Und die Frage ist, ob sie überhaupt gelesen werden sollte - oder ob sie, wie das Singen des "lesekundigen" Einheimischen nahelegt, lediglich eine Art Gedächtnisstütze ist.

Dieses System heißt Boustrophedon, "Ochsenwendung"

Sicher ist nur die Schreibrichtung: Beginnend in der linken unteren Ecke springt der Text am Zeilenende an der rechten Kante nicht zurück nach links, sondern windet sich wie eine Schlange in die Zeile darüber und läuft von rechts nach links weiter. Dieses System heißt Boustrophedon, "Ochsenwendung": Der Text verläuft wie der Kurs eines von einem Ochsen gezogenen Pfluges auf dem Feld. Auch die frühesten griechischen Texte sind in Boustrophedon geschrieben. Bei Rongorongo muss man aber die Tafel am Ende der Zeile zusätzlich noch auf den Kopf drehen, um weiterzulesen.

Was steht denn da?

Die SZ-Serie beschäftigt sich mit Schriften, die noch niemand entziffert hat. Letzte Folge: Die Rongorongo-Schrift.

Viele der Zeichen sehen wie stilisierte menschliche, tierische und pflanzliche Formen aus. Und wie bei jeder unbekannten Schrift ist es verführerisch anzunehmen, dass sie das bedeuten, was sie darstellen, also Logogramme sind. Doch solche Entzifferungsversuche sind rein spekulativ. Erst vor einigen Jahren hat erstmals jemand versucht, die Zeichen systematisch zu analysieren, um grammatikalische Muster zu finden.

Ein Problem ist, dass nur zwei Dutzend Rongorongo-Texte bekannt sind, alle auf Objekten aus Holz. Weil Holz sich im polynesischen Klima schlecht erhält, gibt es wenig Chancen, dass sich der Corpus noch vergrößern wird. Höchstwahrscheinlich bilden die Zeichen eine polynesische Sprache ab, ähnlich der heute noch gesprochenen. Doch nicht einmal das Alter der Schrift ist bekannt.

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