Archäologie Das Mädchen von Egtved

Die Grabbeigaben des Egtved-Mädchens sind gut erhalten.

(Foto: National Museum of Denmark; Zeichnung: FinnWikiNo, CC BY-SA 3.0)

Vor 3400 Jahren pendelte ein junges Mädchen zwischen Dänemark und dem Schwarzwald. Jetzt rätseln Archäologen: War es die Priesterin eines Sonnenkults?

Von Hubert Filser

Es muss Sommer in Jütland gewesen sein, als das Mädchen nahe Egtved starb, mit nicht einmal 18 Jahren. Es war brünett, seine Haare trug es seitlich kürzer geschnitten, im Nacken halblang. Der Minirock aus einzelnen, raffiniert gedrehten Wollfäden umspielte seine Beine. Außerdem trug es eine Bluse mit halblangen Ärmeln, in einem Stück gewoben. Seine Hüfte umschlang ein gewebter Gürtel, daran hing eine Bronzescheibe mit geschwungenen Verzierungen, die vielleicht an die Sonne erinnern sollte. Ein bronzener Ohrring und zwei Armreifen dienten ihm als Schmuck.

"Sie sieht auf gewisse Weise sehr modern aus in ihrem Minirock und dieser Art T-Shirt", sagt Karin Margarita Frei, Archäologin am Dänischen Nationalmuseum. Genauer lässt sich ihr Aussehen allerdings nicht mehr rekonstruieren, denn die junge Frau starb vor 3400 Jahren. Woran genau, wissen die Forscher nicht. "Mithilfe von forensischen Methoden haben wir in ihren Haaren Spuren gefunden, die auf Stress oder auch eine Erkrankung hindeuten", sagt Frei. Sie hat die erhaltenen Überreste untersucht.

Wie Ötzi, der Mann aus dem Eis, öffnet auch das Mädchen aus Egtved ein Fenster in die Vergangenheit. Weil der Baumsarg, in dem man es aufwendig begraben hatte, ein spezielles Mikroklima schuf, blieben vor allem die Kleidung, die Haare, die Nägel und die Zähne gut über die Jahrtausende geschützt. So können Forscher heute viel über sein Leben und die damalige Zeit sagen. Zwar zerfielen die Knochen aufgrund des sauren Bodenklimas, aber Blütenpollen an der Kleidung beispielsweise verraten, dass es in einem Sommer gestorben sein muss, gerade als die Schafgarbe blühte.

Frei und ihre Kollegen vom Dänischen Nationalmuseum und vom Zentrum für Textilforschung an der Universität Kopenhagen entschlüsselten nun ein weiteres Geheimnis des mumifizierten Mädchens: Es stammte, anders als bislang angenommen, gar nicht aus dem dänischen Jütland oder der nahen Umgebung, sondern aus dem Schwarzwald. Das war für die Forscher eine Überraschung. "Das Mädchen legte in seinen letzten beiden Lebensjahren große Distanzen zurück", sagt Frei. Erstmals konnten Forscher so detailliert die letzte Zeitspanne im Leben eines Menschen aus der Bronzezeit rekonstruieren.

Basis für die Untersuchungen sind Proben aus Haaren, Zähnen und den Nägeln. Die Haare waren 23 Zentimeter lang. Und da Haare im Durchschnitt einen Zentimeter pro Monat wachsen, speicherten sie Spuren der letzten 23 Monate seines Lebens. Aus diesen Signalen in den hornhaltigen Körperteilen oder auch im Zahnschmelz können die Forscher mit trickreichen Methoden die letzten Aufenthaltsorte eines Menschen bestimmen. Wichtig ist dabei vor allem das sogenannte Strontium-Signal. Strontium ist beispielsweise im Wasser enthalten, und zwar in verschiedenen Varianten, sogenannten Isotopen. Das Verhältnis unterschiedlicher Strontium-Isotope variiert von Gegend zu Gegend. Jede Region hat ein eigenes Strontium-Signal, der Schwarzwald ein anderes als Jütland oder England oder die Alpen. Wenn wir das Wasser trinken, nehmen wir bestimmte Isotope des Strontiums in uns auf, die sich in den Haaren und Fingernägeln ablagern. Da diese relativ kontinuierlich wachsen, bilden sie ein gutes zeitliches Archiv. "Natürlich gibt es beim Landschafts-Signal Unsicherheiten", gesteht Frei zu. "Wir bräuchten auch noch bessere Strontium-Isotopen-Karten, aber für das Egtved-Mädchen sind die Signale relativ klar."

Die Untersuchungen ergaben, dass die junge Frau nicht in Dänemark geboren wurde, sondern weit entfernt im Südwesten Deutschlands. In Dänemark erregte die Meldung Aufsehen. Das wäre in etwa so, also würde man herausfinden, dass Ötzi ein Wikinger war. 13 bis 15 Monate vor ihrem Tod war sie noch einmal in ihrer alten Heimat, dann reiste sie zurück nach Jütland, blieb dort ein paar Monate, kehrte erneut neun bis zehn Monate vor ihrem Tod in den Schwarzwald zurück, blieb dort wieder knapp ein halbes Jahr, ehe sie etwa einen Monat vor ihrem Tod wieder nach Egtved kam, wo sie ihre letzte Ruhestätte fand. Die junge Frau reiste offenbar mehrmals zwischen beiden Orten hin und her.

War sie vermählt worden, um ein Bündnis zwischen mächtigen Familien zu schmieden?

Entdeckt hatte das Grab, das ursprünglich einen Durchmesser von mehr als zwanzig Metern hatte, der Bauer Peder Platz bereits im Februar 1921. Er wollte auf seinem Land einen kleinen Hügel einebnen, da kam die Ecke eines mehr als zwei Meter langen Baumsarges zum Vorschein. Er schrieb damals sofort dem Dänischen Nationalmuseum in Kopenhagen, wo die Verantwortlichen schnell reagierten. Schon zwei Wochen später war der Sarg im Museum und die Konservatoren kümmerten sich um ihn und die bestattete Tote, das Mädchen von Egtved. Der Sarg aus Eiche liefert übrigens auch das Alter des Mädchens. Über die Jahresringe lässt sich nämlich bestimmen, wann der Baum für den Sarg gefällt wurde. Dendrochronologie nennen Forscher das Verfahren. Es ergab das Jahr 1370 vor Christus.

In den letzten Jahren konnten die Forscher mit modernen Untersuchungsmethoden weitere Rätsel lösen. Das Alter von 16 bis 18 Jahren ergab sich aus dem Zahnstatus, Erbgutanalysen dagegen blieben erfolglos, da das saure Klima alle Reste von DNA in den Haut- und Haarzellen zerstört hatte. Damit lassen sich nicht ganz so viele Erkenntnisse wie bei Ötzi aus den Funden herauslesen. Doch auch die Kleidung enthielt wertvolle Informationen. Frei konnte nun zeigen, dass auch die Schafwollfäden, aus denen die Kleidung der jungen Frau gewoben war, nicht aus Dänemark stammen. "Die Schafe grasten wohl in weiter verstreuten Regionen in der Nähe des Schwarzwalds", sagt Frei. Ein weiteres Indiz für ihre Heimat.

Die Forscher überlegten auch, was die weiten Reisen motiviert haben könnte. "In der Bronzezeit bestanden zwischen Dänemark und Süddeutschland enge Beziehungen", sagt der dänische Archäologe Kristian Kristiansen. "Damals waren Süddeutschland und Dänemark die beiden dominanten Machtzentren Westeuropas, ähnlich wie Königreiche." Er vermutet, dass das Mädchen mit einem Mann aus Jütland vermählt worden war, um ein Bündnis zwischen zwei mächtigen Familien zu schmieden. Solche Heiratsallianzen waren nicht selten in der Bronzezeit.

In den beiden Machtzentren im Norden und Süden lebten damals jeweils circa 300 000 Menschen. Die Bevölkerungsdichte war mit etwa zwölf Menschen pro Quadratkilometer deutlich höher als in anderen Gegenden Mitteleuropas, dies belegen Auswertungen des Archäologen Johannes Müller von der Universität Kiel. Er fand auch zahlreiche Hinweise darauf, dass diese Regionen jeweils schon eine eigene kulturelle Identität hatten und es bereits so etwas wie Häuptlinge gab. "Die Gesellschaften in Dänemark und Süddeutschland waren hierarchisch aufgebaut", so Müller. "Macht wurde auch allmählich vererbt, es gab eine Führungselite." In der Region dazwischen, im heutigen Niedersachsen oder Hessen, lebten dagegen deutlich weniger Menschen, hier gab es auch keine hierarchischen Strukturen.

Auch die Grabsituation passt dazu. In Mitteldeutschland wurden die Menschen in großen Gemeinschaftsgräbern bestattet, keiner wurde bevorzugt behandelt. Ganz anders war es im Norden und Süden: In den großen Hügelgräbern fanden sich nur wenige Tote, die meisten mit üppigen Grabbeigaben versehen waren. Dabei gab es durchaus lokale Besonderheiten: In Dänemark regierten eher die Männer, in den Gräbern finden sich Krieger mit prächtigen Achtkant-Schwertern, im Süden eher Frauen mit prachtvollem Schmuck. Sie scheinen damals eher an der Spitze der Gesellschaft gestanden zu haben. In beiden Machtzentren tauchen häufig Herrschaftsinsignien auf. Auch die Bronzescheibe des Mädchens von Egtved könnte so ein Symbol gewesen sein.

Der Reichtum der beiden wichtigen Königtümer basierte auf dem Handel. Dänemark handelte damals vor allem mit Bernstein, er war im Süden Europas bis hin zu Griechenland und dem Mittleren Osten begehrt. Die Herrscher von Mykene etwa tauschten ihre Bronze gegen Bernstein aus Dänemark ein. Das Metall war damals etwa so wichtig wie Öl heute. Der Süden des heutigen Deutschland lag nun genau zwischen diesen Handelszentren. Vermutlich gab es damals aber noch kein ausgedehntes europäisches Handelsnetz, sondern eher einzelne Gruppen von Reisenden, die weite Distanzen zurücklegten und neben Waren auch neue Ideen mitbrachten. Offenbar profitierten die Menschen in Süddeutschland von ihrer Mittellage. Hier florierte vor allem das Handwerk, was der Region ebenfalls Reichtum brachte.

Es gibt weitere Indizien für intensive Handelsbeziehungen. Kristiansen erzählt von einem speziellen Typ eines aufwendig gearbeiteten, langen Achtkant-Bronzeschwerts, den vor allem Schmiede in Süddeutschland herstellten und nach Norden exportierten. "Das war ein richtig tolles Schwert", sagt Johannes Müller. Jeder wollte das haben. Vereinzelt richteten die Handwerker ihre Betriebe auch in Dänemark ein, aber im Wesentlichen tauschten die Machtzentren Waren aus.

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"Die Handelsrouten gingen vorwiegend übers Land", sagt Kristiansen. Um die Handelsbeziehungen und damit den Zugang zu den jeweils begehrten Rohstoffen Bronze und Bernstein zu stärken, gab es zahlreiche familiäre Bande, so Kristiansen. Immer wieder fänden Archäologen Gräber aus der Bronzezeit mit Menschen, die fernab ihrer Heimat bestattet worden seien. Es sei auch üblich gewesen, dass eigene Kinder bei den Familien der Handelspartner aufwuchsen, das sei ein Zeichen des Vertrauens gewesen.

Das Kind ist geopfert worden - oder es starb an der gleichen Krankheit wie das Mädchen

Ob das auch die Erklärung dafür sein könnte, warum im Grab des Mädchens von Egtved ein kleines Kind bestattet wurde, ist unklar. Das etwa sechsjährige Kind war verbrannt worden. Ob es ein Junge oder Mädchen war, lässt sich nicht mehr klären. Manche Archäologen vermuten, das Kind sei geopfert worden. "Vielleicht ist es auch auf der Reise an der gleichen Krankheit wie die junge Frau gestorben", sagt Frei. Klar ist nur, dass das Kind für das Mädchen von Egtved eine Bedeutung gehabt hatte, sonst wären dessen eingeäscherte Überreste nicht in einer Birkenrindendose am Kopf des Mädchens im Sarg bestattet worden.

Es gibt Spekulationen, dass das Egtved -Mädchen einst eine religiöse Funktion in einem nordischen Kult innegehabt haben könnte. "Es könnte eine Priesterin der Sonne gewesen sein", sagt Frei. Darauf deutet die bronzene Sonnenscheibe mit den spiralförmigen Mustern sowie der Minirock. Solch auffällige Kleidungsstücke tauchen in Europa erst in der Bronzezeit auf. Zwar gibt es etwas ältere Exemplare an Mumien aus dem Tarim-Becken im westlichen China. Doch offenbar waren die knappen Röcke vor allem im nördlichen Europa Teil einer kultischen Kleidung. Dort tauchen sie auch an kleinen Figuren auf, die in Ritualen um einen Sonnenkult eine Rolle spielten. Vielleicht war das Mädchen von Egtved einst eine wichtige Priesterin, ehe es in einem Sommer vor 3400 Jahren plötzlich verstarb. Ob dabei auch das alkoholhaltige, mit Pflanzen vermengte Getränk einer Rolle gespielt haben könnte, dessen Reste die Forscher in einer zweiten Birkenrindendose zu seinen Füßen fanden, konnte bisher noch nicht geklärt werden.

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