Archäologie Alltag eines Mönchs

Die ausgegrabenen Skelette der ehemaligen Bewohner von Kloster Lorsch lassen Rückschlüsse auf Gesundheit, Ernährung, Herkunft und Arbeitsbelastung der Menschen im Mittelalter zu.

Von Hans Holzhaider

Tassilo III., Herzog von Baiern, wird gern zitiert, wenn wieder einmal belegt werden soll, wie ungerecht die deutschen Brüderstämme oft mit ihren südlichen Verwandten umgehen. Tassilo, der letzte Herzog aus dem Geschlecht der Agilolfinger, war bekanntlich ein Cousin Karls des Großen. Weil Karl sich Baiern unter den Nagel reißen wollte, zerrte er seinen Vetter Tassilo vor Gericht und verbannte ihn in ein französisches Kloster. Anno 794 musste Tassilo vor der Reichssynode in Frankfurt noch einmal feierlich auf sein Herzogtum verzichten. Danach verliert sich seine Spur. Aber es gilt als ziemlich sicher, dass er seine letzten Lebensjahre als Mönch im Kloster Lorsch verbrachte. In der Klosterkirche von Lorsch jedenfalls hat der Historiker Georg Helwich noch 1615 das Grabdenkmal Tassilos gesehen und die Inschrift überliefert: "Tassilo, erst Herzog, später König, zuletzt Mönch, am dritten Tag vor den Iden des Dezember verstorben und in diesem Grab bestattet."

Wenn Tassilo tatsächlich im ausgehenden achten Jahrhundert im Kloster Lorsch (heutiges Hessen) gelebt hat, dann ist er dort den Menschen begegnet, deren Gebeine jetzt in einer Ausstellung in der Zehntscheune auf dem Gelände des Weltkulturerbes Kloster Lorsch zu sehen sind. In Zusammenarbeit mit den Reiss-Engelhorn-Museen in Mannheim hat die Welterbestätte Lorsch Skelettteile von mehr als Hundert Männern, Frauen und Kindern untersucht, die zum Teil schon in der 30er-Jahren, zum Teil erst in jüngster Zeit bei archäologischen Grabungen geborgen wurden. Sie sollen Aufschluss geben über das Alltagsleben im einstigen Kloster, über Herkunft, Altersstruktur, Ernährungsgewohnheiten, Krankheiten und Arbeitsbelastung sowohl der Mönche als auch der Bauern, Handwerker und Dienstboten, die zur "familia" des Klosters gehörten.

Drei Begräbnisstätten konnten bei den verschiedenen Grabungen lokalisiert werden: der Mönchsfriedhof unmittelbar nördlich der Kirchenmauer, ein Gräberfeld neben der sogenannten Königshalle, einem zweistöckigen, von Halbtürmen flankierten Bau, der noch aus karolingischer Zeit stammt und dessen genaue Funktion bis heute nicht geklärt ist. Und schließlich am Spittelsberg, einer flachen Anhöhe an der südlichen Klostermauer, die so heißt, weil dort einst das Spital des Klosters Lorsch stand.

Aus einem besonders gut erhaltenen Schädel rekonstruierten die Wissenschaftler in mehreren Schritten das Gesicht eines Benediktinermönchs.

(Foto: Claus Völker/dpa)

Ein besonders gut und vollständig erhaltenes Skelett hat der Anthropologe Jörg Orschiedt besonders gründlich untersucht. Es wurde im Oktober 2016 auf dem Mönchsfriedhof geborgen. Es gehörte einem 45 bis 55 Jahre alten Mann, 162 Zentimeter groß und von zierlichem Körperbau. Die schwach ausgeprägten Muskelansätze lassen darauf schließen, dass er nicht schwer körperlich arbeiten musste. Vielleicht war er einer der Schreiber, die das Kloster Lorsch zu einem der wichtigsten kulturellen Zentren des frühen Mittelalters machten. Darauf könnte auch eine knöcherne Veränderung am rechten Schultergelenk hinweisen - ein kleiner Knochensporn, der dem Mann erhebliche Schmerzen verursacht haben muss.

Auch die Zähne müssen dem Mann, der nach der Radiokarbonmessung etwa um die Wende vom elften zum zwölften Jahrhundert gelebt hat, schwer zu schaffen gemacht haben. Er hatte nur noch zwei Backen- und die unteren Schneide- und Eckzähne. An zwei Zähnen hatten sich Entzündungen an der Wurzelspitze gebildet; das muss höllisch wehgetan haben. "Aber es mag sein, dass die Menschen des Mittelalters mit Schmerzen anders umgegangen sind als wir heutigen Menschen", sagt Claus Kropp, der Leiter des Freilichtlabors Lauresham und einer der beiden Projektleiter der Ausstellung. Speziell Zahnschmerzen waren damals wohl ein Übel, das fast jeden plagte, vom Bettler bis zum König. Wer seinen Kindern die Folgen mangelnder Zahnhygiene drastisch vor Augen führen will, der ist in der Ausstellung in Lorsch am richtigen Platz. Von Karies zerfressene Zähle, vom Zahnstein überwucherte Gebisse, freiliegende Zahnhälse, offene Wurzelkanäle - ein wahres Horrorkabinett der Mundhöhle.

Sonst ging es den Klosterbewohnern aber offensichtlich nicht schlecht. Es finden sich kaum schwerere Knochenverletzungen, abgesehen von einem amputierten Unterarm, und kaum Anzeichen von Mangelernährung. Auch eine mit Abertausenden Tierknochen gefüllte Abfallgrube weist darauf hin, dass im Kloster in der Regel gut gegessen wurde. Alles ist vorhanden - Schweine, Rinder, Schafe, viel Fisch, zum Beispiel Stör und Lachs, aber auch gelegentlich Meeresfische, Biber (als im Wasser lebendes Tier galt er fastentechnisch als Fisch), alle Arten von Geflügel, sogar der eine oder andere Storch.

Die Torhalle von Kloster Lorsch im heutigen Hessen.

(Foto: picture alliance/arkivi)

Einen besonders gut erhaltenen Schädel aus dem Mönchsfriedhof benutzten die Anthropologen als Basis für eine Gesichtsrekonstruktion. Der Schädel gehörte einem 35 bis 40 Jahre alten Mann, der im Zeitraum zwischen 888 und 966 gelebt hat. Es entstand ein sehr lebendig wirkendes Gesicht mit ausgeprägten Wangenknochen und einem markanten Stirnwulst. Über die Frisur sagen die Schädelknochen natürlich nichts aus, aber man verpasste ihm eine Tonsur nach Art der Benediktiner und zog ihm eine Mönchskutte an. Nun schauen wir einem leibhaftigen Benediktinermönch des zehnten Jahrhunderts ins Gesicht. Einem Menschen, dem auch Tassilo, der unglückliche bairische Herzog, in seinen letzten Lebensjahren begegnet sein könnte.

Ausstellung "Begraben und Vergessen?", Welterbestätte Kloster Lorsch, 19. März bis 14. Mai 2017, samstags und sonntags 11 - 17 Uhr. Führungen an jedem Wochentag.