Ahnenforschung Ein Stammbaum mit 13 Millionen Menschen

Viele Menschen betreiben Ahnenforschung. Wissenschaftler haben aus den Daten nun erstaunliche Zusammenhänge erforscht.

(Foto: dpa)
  • Forscher haben den größten Stammbaum der Welt erstellt: 13 Millionen Menschen, vor allem aus Europa und Nordamerika, sind darin über 500 Jahre hinweg miteinander verbunden.
  • Die Wissenschaftler durchforsteten dazu 86 Millionen Personenprofile, die vor allem von Hobby-Ahnenforschern aus aller Welt angelegt worden waren.
  • Sie fanden unter anderem heraus, dass Gene für die Langlebigkeit eines Menschen eine eher geringe Rolle spielen.
Von Kathrin Zinkant

Eine große Familie zu haben, das wünschen sich viele Menschen. Doch kaum einer würde sich wohl träumen lassen, Teil eines 13 Millionen Menschen umfassenden Stammbaums zu sein. Doch es gibt sie tatsächlich, diese Superfamilie: Wie US-Ahnenforscher im Fachmagazin Science berichten, gelang es erstmalig, Abstammungsprofile der Online-Plattform Geni.com von weltweit 86 Millionen Menschen auszuwerten. Dabei entstanden fünf Millionen Stammbäume, von denen der größte 13 Millionen Erdenbürger über elf Generationen miteinander verbindet.

In ihrer Gesamtheit spiegeln die Stammbäume Weltereignisse wie die Besiedlung Nordamerikas durch Europäer oder die Kolonisierung Afrika wider. Sie bringen aber auch Licht in gesellschaftliche Umbrüche: So zeigt die Studie, dass es im 19. Jahrhundert die Mobilität mit der Eisenbahn der Cousinenhochzeit keinesfalls ein Ende setzte. Geheiratet wurde Jahrzehnte lang weiter innerhalb der Familie.

Weiterhin zeigte sich, dass die meisten Amerikaner vor 1750 im Umkreis von zehn Kilometern ihren Ehepartner fanden - während 1950 Geborene zumeist 100 Kilometer reisten, um die Liebe ihres Lebens zu finden. In den vergangenen 300 Jahren haben in Europa und Nordamerika mehr Frauen ihren Wohnort gewechselt als Männer. Wenn Männer migrierten, reisten sie jedoch weiter als Frauen.

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Mit Hilfe eines Rechenmodells - entwickelt mit Daten von drei Millionen Verwandten, die zwischen 1600 und 1910 geboren wurden und mehr als 30 Jahre alt wurden - untersuchte das Team zudem die Rolle von Genen für die Langlebigkeit. Bisher ging man davon aus, dass das Erbgut zu 15 bis 30 Prozent für ein langes Leben verantwortlich ist. Der Familienvergleich ergab aber, dass es nur in 16 Prozent der Fälle den Ausschlag gibt. Gute Gene könnten das Leben demnach nur um durchschnittlich fünf Jahre verlängern, folgern die Forscher. "Das ist nicht viel", resümiert Studienleiter Yaniv Erlich. "Andere Studien haben gezeigt, dass Rauchen zehn Jahre Lebenszeit kosten kann. Das heißt, manche Lebensentscheidungen fallen mehr ins Gewicht als die Gene."

Mit ihrer Studie liefert das Team um Yaniv Erlich von der Columbia University in New York für die Genealogie neuen Zündstoff. Die Arbeit befeuert aber auch die Diskussion um das Crowdsourcing von Forschungsdaten, welches oft als unzuverlässig gilt - oder als allzu große Möglichkeit der Einflussnahme für die Unternehmen, die dahinter stehen. So kritisiert die kalifornische Technologieexpertin Emily Klancher Merchant in der New York Times, dass Firmen wie Geri.com, wenn sie Daten sammeln und Forschung fördern, als "Gatekeeper" bestimmen, welche Wissenschaft betrieben wird. Das gelte gleichermaßen für Firmen, die Stammbäume sammeln, wie für Unternehmen, die Erbgutanalysen vornehmen. Die Mutterfirma von Geni.com, MyHeritage, bietet beides an.

Im Fall der Genealogie allerdings sind Datenbanken wie Geni.com derzeit fast alternativlos. Weiterreichende Daten lassen sich sonst nur aus Kirchenaufzeichnungen, Geburts- und Sterbeurkunden sowie aus privaten Familienchroniken extrahieren - und da wird es international schon mühselig. Weltweit aktive Datenbanken wie Geni.com bietet Genealogen somit eine umfassende Möglichkeit, Ahnenforschung zu betreiben. Und wer weiß, vielleicht wird die Menschheit dadurch ja doch noch eine einzige, große Familie.

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