Anthropologie Auf der Suche nach der Ur-Population Amerikas

Die prähistorische Siedlung am Upward Sun River befand sich im zentralen Alaska. Illustration: Eric S. Carlson/Ben A. Potter

(Foto: )
  • Ein internationales Forscherteam hat Gene von 11 500 Jahre alten Kindern untersucht.
  • Die Wissenschaftler meinen, dass die Kinder zu einer Gründergeneration gehören, die einige Jahrtausende in einer Region zwischen Ostsibirien und Alaska lebte.
  • Auf die Spuren der Kinder waren Anthropologen erst vor wenigen Jahren bei Ausgrabungen am Upward Sun River 80 Kilometer südöstlich der Stadt Fairbanks in Alaska gestoßen.
Von Hubert Filser

Als die drei Kinder am Upward Sun River starben, war Beringia noch nicht im Meer versunken. Ihre Vorfahren lebten damals vor rund 11 500 Jahren schon seit einigen Jahrtausenden auf dieser allmählich schmaler werdenden Landbrücke zwischen Asien und Alaska. Ein internationales Forscherteam um Eske Willerslev von der Universität Kopenhagen meint nun aufgrund genetischer Analysen von zwei der drei Kinder belegen zu können, dass sie zu einer Gründergeneration gehören, die einige Jahrtausende in Beringia gelebt hatte.

Wie sie im Fachmagazin Nature berichten, könnte es sich um eine Art Ur-Population gehandelt haben, deren Mitglieder dann mit Rückgang der mächtigen Eisschilde im Norden Amerikas vor rund 15 000 Jahren begannen, in den gesamten Kontinent bis hinunter nach Feuerland im äußersten Süden vorzudringen. Beringia mit seiner tundraartigen Steppen- und Graslandschaft, vereinzelten Büschen sowie Bäumen und einem reichhaltigen Nahrungsangebot, das von Kleintieren wie Hasen über Elche bis hin zu Mammuts reichte, bot jedenfalls gute Möglichkeiten für die Entwicklung dieser Urpopulation, deren Nachkommen schließlich ganz Nord- und Südamerika besiedelten.

Die beiden Säuglinge waren verwandt, hatten aber nicht die gleiche Mutter

Auf die Spuren der Kinder waren Anthropologen erst vor wenigen Jahren bei Ausgrabungen am Upward Sun River 80 Kilometer südöstlich der Stadt Fairbanks in Alaska gestoßen. Das drei Jahre alte Kind wurde damals vor 11 500 Jahren wohl verbrannt und nahe einer Feuerstelle begraben. Ganz in der Nähe wurden ein zwischen sechs und zwölf Wochen altes Baby sowie ein Frühgeborenes bestattet. Die beiden Säuglinge waren verwandt, hatten aber nicht die gleiche Mutter.

Zoologie Tiere sind auf Plastik-Flößen nach Amerika gefahren
Zoologie

Tiere sind auf Plastik-Flößen nach Amerika gefahren

Der Tsunami im Jahr 2011 vor der Küste Japans hat Tausende Teile ins Meer gespült. Gestrandet sind sie Jahre später in den USA - mit blinden Passagieren.   Von Tina Baier

Als Anthropologen der Universität Utah die Überreste der Kinder vor zwei Jahren im Sediment des Flusses fanden, sorgte die Entdeckung schnell für Aufsehen. "Die Kinder sind die ältesten, erhaltenen menschlichen Überreste in Nordamerika", schrieb Dennis O'Rourke im Fachmagazin PNAS. Und sie trugen eindeutig Erbgutmerkmale in sich, die sich auch in heute noch lebenden Ureinwohnern finden.

Das Team um Eske Willersley von der Universität Kopenhagen bestimmte nun erstmals das gesamte Genom des Säuglings mit der Bezeichnung USR1, das Erbgut des zweiten Säuglings USR2 ließ sich nur in Teilen rekonstruieren. Die Genetiker verglichen das Genom von USR1 mit dem Erbgut von prähistorischen und heute noch lebenden Menschen aus Amerika und Eurasien. Demnach ist USR1 am engsten verwandt mit heutigen Nachfahren der amerikanischen Ureinwohner. Die Forscher schreiben zudem, dass das Kind Teil einer Gründungspopulation war, die aus Ostasien einwanderte und bei der es bis aufgrund von neuer Wanderungsbewegungen über die Bering-Landbrücke immer wieder Veränderungen im Erbgut gab.

Schließlich stoppte der Zustrom als die Verbindung gekappt wurde. Die Alt-Bering-Bevölkerung lebte danach wahrscheinlich rund 10 000 Jahre weitgehend isoliert in der Region des heutigen Alaska und der Beringstraße. Die Forscher nennen dieses Verharren vor der endgültigen Besiedlung des amerikanischen Kontinents Bering-Stillstand-Theorie. Die Idee dahinter ist, dass sich nahezu alle genetischen amerikanischen Linien abseits der asiatischen Vorfahren in einer gewissen Isolation in Beringia entwickelt und von dort ausgebreitet haben.

Die Besiedelungsgeschichte Amerikas wird kontrovers diskutiert. Es gibt sehr wenig alte, menschliche Überreste, die Klarheit schaffen könnten. Auch wenn sich eine Einwanderung mit Booten von Alaska aus entlang der Küsten auch nicht gänzlich ausschließen lässt, gilt eine Besiedlung über den Landweg als sehr wahrscheinlich. Die neuen Ergebnisse stützen die Theorie, dass die Besiedlung über den Landweg vor rund 15 000 Jahren begann.

Es gibt auf dem Nord- und Südkontinent fünf größere genetische Linien, die mit den Buchstaben A, B, C, D oder X beginnen und die sich ihrerseits in weitere Untergruppen aufteilen. Warum nicht alle fünf Linien gleichermaßen häufig sind, ist immer noch unklar. Es ist möglich, dass all diese Populationen aus der Beringia stammen und sich die genetischen Stammbäume etwa in der Zeit aufspalteten, aus der die Säuglinge stammen. Säugling USR 1 etwa gehört zur C-Linie, USR 2 wiederum zur B-Linie. Möglich ist auch eine frühere Aufspaltung in der Alten Welt auf asiatischem Gebiet oder eine spätere südlich der Beringia in Nordamerika.

Paläontologie Wurde Amerika mehr als 100 000 Jahre früher besiedelt als bislang gedacht?

Paläontologie

Wurde Amerika mehr als 100 000 Jahre früher besiedelt als bislang gedacht?

Forscher finden auffällige Spuren an einem Mammutknochen. Ein menschenartiges Wesen muss auf das Tier eingeschlagen haben. Die Frage ist nur: wann genau?   Von Hanno Charisius