4. November 2014, 19:38 Strategien der Klimaskeptiker "Wissenschaft wurde als Nebelwand missbraucht"

Ein Zirkel konservativer Forscher sät systematisch Zweifel an Klimawandel, Umweltgefahren oder Gesundheitsschäden durch Tabak. Die Harvard-Historikerin Naomi Oreskes hat die Strategien der so genannten Skeptiker analysiert. Ein Gespräch über Lobbyisten und Denkmuster des Kalten Krieges.

Von Markus Balser und Christopher Schrader

Die Klimapolitik der USA wird bis heute von einer mächtigen Lobby diktiert, die wirksame Reduktionen der Treibhausgas-Emissionen verhindert. In ihrem Buch "Die Macchiavellis der Wissenschaft" (Wiley-VCH, 363 Seiten, 24,90 Euro) beschreiben Naomi Oreskes und Erik Conway eine kleine Gruppe renommierter und sehr konservativer Forscher, die immer wieder Zweifel an den Grundthesen und -erkenntnissen der Klimaforschung verbreitet hat. Diese Strategie stammt von der Tabakindustrie, die Männer haben sie in Debatten über Passivrauchen, den sauren Regen, das Ozonloch und den Klimawandel verwendet.

SZ: Frau Professor Oreskes, seit Jahren werden Klimaforscher vor allem in den USA mit absurden Behauptungen einer kleinen Gruppe sogenannter Skeptiker diskreditiert. Steckt dahinter ein System?

Naomi Oreskes: Und ob. Sogar ein ziemlich infames. Skepsis ist ja eigentlich eine wichtige Tugend von Wissenschaftlern. Es ist ihre Aufgabe, Beweise zu verlangen und Ergebnisse zu hinterfragen. Der Zirkel von Männern, über den wir hier reden, hat diese Tugend bewusst missbraucht. Er hat die Stärke der Wissenschaft in eine Schwäche verwandelt. Es geht darum, gezielt Dissens vorzutäuschen. Das Ziel: die öffentliche Meinung zu manipulieren und Zweifel am Klimawandel zu säen.

In der Klimaforschung gibt es seit Langem einen Konsens, an dem niemand vorbeikommt. Warum haben die Skeptiker in den USA dennoch so viel Einfluss?

Dass der Klimawandel menschengemacht ist und von der Industrie mit ihren Emissionen ausgelöst wird, gilt seit Langem als erwiesen. Aber manche Details sind umstritten. Ein Beispiel: Wir verstehen die Rückwirkung der Wolken auf das Klima noch nicht - ein Phänomen mit mäßigem Effekt. Skeptiker wie Fred Singer (ein Atmosphären-Physiker, der an etlichen Universitäten, für mehrere Behörden und Lobbygruppen gearbeitet hat, d. Red.) nutzen das schamlos aus. Sie verweisen auf die Unsicherheit und ziehen den falschen Schluss, dass deswegen das gesamte Gedankengebäude nicht stimme. Singer bezeichnete es in Interviews schlicht als Quatsch.

Sie vermuten dahinter die Industrie. Was macht Sie so sicher, dass es nicht schlichte Fehler einzelner Männer sind?

Das sind keine Fehler einzelner Männer. Jeder Wissenschaftler kann in seinem Feld in eine Außenseiterrolle geraten und grundlegende Erkenntnisse anzweifeln. Aber diese Männer, neben Singer vor allem Fred Seitz (Physiker, der im Manhattan-Projekt berühmt wurde und später die Nationale Wissenschaftsakademie leitete, d. Red.), haben sich mithilfe der Industrie und konservativer Thinktanks in eine Reihe von Themen eingemischt. Diese hatten weder viel miteinander noch mit der Expertise der beiden Physiker zu tun. Zuerst diskreditierten sie Forscher, die Gefahren des Tabaks untersuchten, dann die Warner vor dem Ozonloch und dem sauren Regen. Merken Sie was? Wissenschaft wurde als Nebelwand missbraucht.

Wo liegt der Ursprung dieses Zirkels?

Bei der Tabakindustrie. 1953 erschien ein sehr populärer Artikel im Reader's Digest mit überzeugenden wissenschaftlichen Belegen, dass Zigarettenrauch Krebs bei Laborratten auslöst. Die Tabakfirmen dachten, das ist das Ende der Industrie, und beauftragten die PR-Agentur Hill & Knowlton. Der Chef gab ihnen einen folgenreichen Rat: Ihr müsst die Wissenschaft mit Wissenschaft bekämpfen und den Amerikanern einreden, dass die Frage in der Forschung nicht entschieden ist. Dieser Strategie folgen Unternehmen seit 60 Jahren.

Ein paar Forscher allein können doch nicht über Jahrzehnte Zweifel säen.

Natürlich nicht. Das zweite Bein des Programms war es, Organisationen zu gründen und zu finanzieren, die nach außen nichts mit der Industrie zu tun haben - sogenannte Thinktanks. Der Schlüssel ist, dass die Zweifel von Leuten kommen, die unabhängig erscheinen. Wenn der Chef von Exxon Mobil erklärt, dass er weiter Öl und Gas verkaufen will, leuchtet jedem ein, warum. Die Industrie wollte es den Bürgern und Politikern schwermachen, die Einwände als Profitgier abzutun.

Warum machten die Wissenschaftler in dem Zirkel mit? Ging es ihnen ums Geld?

Nein, das ist mir zu einfach. Wir reden über renommierte, wohlhabende Männer, für die Ansehen mehr zählte als Geld.

Was war es dann?

Der Ton in der Wissenschaft ist rau; selbst wer eine hohe Stellung hat, muss sich ständig rechtfertigen. Und auch der Präsident der Akademie reist mit normalen Flugzeugen. Und dann wird Seitz mit seiner Frau vom Privatjet eines Tabakmanagers abgeholt und nach Bermuda geflogen. Sie besuchen tolle Restaurants, bekommen Komplimente und treffen auch noch Leute, deren politische Ansichten wesensverwandt sind. Es ging also eher um sehr menschliche Dinge - Anerkennung und Zuwendung. Aber vor allem um Ideologie.

Um welche?

Um einen radikalen Freiheitsbegriff und Marktliberalismus, verbunden mit der Angst vor der mächtigen Regierung. Hätten die Amerikaner den Klimawandel anerkannt, wären harte Eingriffe der Regierung legitimiert worden. Singer, Seitz und andere hielten das für brandgefährlich. Sie waren als stramme Antikommunisten aufgewachsen. Seitz glaubte, dass die Roten unter den Betten lagen und darauf warteten, die Demokratie zu unterwandern. Er war überzeugt, jede Intervention in den Markt bringe das Land auf eine Rutschbahn zur kommunistischen Diktatur.

Und das Abendland wurde an den Aschenbechern der Raucher verteidigt?

Es klingt grotesk, aber so ist es. Hinter allem stand das Ziel freier Märkte. Dabei sind alle Themen - Lungenkrebs durch Zigaretten oder das Ozonloch durch FCKW - Beispiele für das Versagen des Markts, der entgegen den Thesen der Liberalen keine Lösungen für Probleme erzeugte.

Sie nennen Mitglieder des Zirkels "Händler des Zweifels". Wer sind die Kunden?

Ziel sind Politiker und Amtsträger, Wissenschaftler und Journalisten. Alle haben die aufwendig gestalteten Zweifelberichte bekommen. Thinktanks haben die Mitarbeiter der Abgeordneten bearbeitet. Sie haben Hunderte Millionen Dollar ausgegeben. Einer, der für die Kommunikation zuständig war, sagte mal: "Wir hatten eine einfache Aufgabe, wir mussten die Politiker nur dazu bringen, nichts zu machen."

Welche Rolle spielen die Medien?

Sie haben in großen Teilen versagt und sind auf die Versuche hereingefallen, Potemkinsche Dörfer als Wissenschaft zu verkaufen. Die Denkfabriken haben Reports geschrieben und an Journalisten wie Sie geschickt. Verbunden mit der Forderung, ihre Meinung in den Artikeln wiederzufinden. Die Journalisten würden ihre Pflicht zu einer objektiven Berichterstattung verletzen, wenn sie nicht beide Seiten der Debatte gleichberechtigt berücksichtigten.

Haben das nicht alle durchschaut?

Nein. Vor allem in den USA standen die begutachteten Studien von renommierten Forschungsinstituten den Texten politischer Thinktanks so gegenüber, als seien sie gleichwertige Quellen. Plötzlich wurde aus den gefestigten Erkenntnissen der Forschung, die kleine Lücken hatten, offene Debatten um den Kern der jeweiligen Frage. In renommierten Zeitungen wie der New York Times oder der Washington Post bekamen Klimaskeptiker Auswertungen zufolge ungefähr 40 Prozent der Zeilen. Angemessen wären drei Prozent gewesen.

Wo sind Belege für die Manipulation?

Es gibt an der Universität San Francisco eine große Sammlung interner Dokumente der Tabakindustrie. Darin stecken Hunderte Belege. Da heißt es zum Beispiel bei einer Tarnorganisation in den 1990er-Jahren: "Passt auf, dass ihr die Fingerabdrücke von Philip Morris versteckt." Zudem heuert die Tabaklobby angeblich unabhängige Experten an, die Gastkommentare in Zeitungen schreiben, etwa Fred Singer. Wenn so ein Text erscheint, schickt der Leiter der Lobbygruppe eine Kopie mit der Aufschrift herum: "Gut gemacht, Jungs!"

Führen auch Spuren in die Politik?

Sie führen sogar ins Weiße Haus. Zu Zeiten von Ronald Reagan wurde der Skeptiker Bill Nierenberg Chef einer Beraterkommission zum sauren Regen. Er bespricht die Mitgliederliste mit Reagans Stab, sie streichen wichtige Experten und setzen Fred Singer drauf, obwohl dieser keine Erfahrung mit dem Thema hat. Singer fängt bei den Sitzungen des Komitees an, seine Zweifel zu verkaufen. Die Wissenschaftler ordnen seine Einwände zwar als das ein, was sie sind: unbedeutende Nebenaspekte. Trotzdem steht er am Ende als Sieger da.

Wie das?

Der Bericht in der langen Version stellt sauren Regen wahrheitsgemäß als großes Problem dar. Das passt der Reagan-Regierung nicht. Also ändert Nierenberg die Zusammenfassung. Ich fand bei Recherchen ein Dokument, das mich erschüttert hat: Reagans Wissenschaftsberater George Keyworth schreibt für Nierenberg auf, welche Änderungen er haben will! Das verfremdete Fazit wurde eine Woche vor einer wichtigen Abstimmung im Kongress veröffentlicht. Die Abgeordneten lehnten die Regulierung der verantwortlichen Abgase ab, und die beteiligten Wissenschaftler wachten erst auf, als es zu spät war. Sie waren zu naiv, was den politischen Prozess angeht.

In einem neuen Report bezeichnet das Pentagon den Klimawandel als Gefahr für die nationale Sicherheit. Heißt das, die Händler des Zweifels haben diese Debatte, wie viele andere vorher, verloren?

Ich würde nicht annehmen, dass sie irgendetwas davon als Niederlagen ansehen. Sie könnten sich zugutehalten, dass sie die schlimmsten Eingriffe der Regierung verhindert haben - vom Tabak bis zum Klimawandel. Der ist in Sicherheitskreisen übrigens schon lange als ernstes Problem anerkannt. Das US-Militär macht sich große Sorgen über steigende Meeresspiegel, denn 80 Prozent der Air-Force-Basen liegen an Küsten. Das zeigt, wie weit sich die US-Politik von der Realität entfernt hat.

Haben Skeptiker Drähte nach Europa?

Es gab immer wieder Kontakte, aber die Leugner haben es hier schwerer. In Europa gibt es deutlich mehr Verständnis für die Klimaproblematik. Eingriffe der Regierung sind kein Teufelszeug, und es ist nicht so wirkungsvoll, jemanden als Sozialisten zu diffamieren.

Fritz Vahrenholt, Ex-Manager bei Europas größtem Treibhaussünder RWE , behauptet, die Erderwärmung sei zum großen Teil natürlich und von der Sonne verursacht.

Kommt mir sehr bekannt vor, diese Argumente kann ich im Schlaf herunterbeten. Das sind Argumente der Zweifelstreuer.

Ist heute mit geschicktem Lobbyismus fast alles möglich?

Vieles. Diese Lobbyisten sind intelligent, gut organisiert und finanziell gut ausgestattet. Dass der oberste Gerichtshof Konzernen Meinungsfreiheit wie Personen zugesprochen hat, macht es noch schlimmer. Jetzt wird es schwerer, gegen Unwahrheiten vorzugehen. Und: Wir erleben die größte Konzentration von Wohlstand in den USA seit Ende des 19. Jahrhunderts. Noch nie waren die Reichen so mächtig.

Was sind die nächsten Ziele für Zweifler?

Die Mobilfunkindustrie gibt sich große Mühe, gegen wissenschaftliche Arbeiten vorzugehen und Zweifel zu wecken. Anderes Beispiel: Antibiotika-Hersteller. Belege für Schäden durch Antibiotika, die in der Umwelt resistente Bakterien entstehen lassen, sind überwältigend. Aber die Hersteller von antibakterieller Seife erklären, die Folgen seien ungeklärt. Ich sage nur: Viel Glück uns allen!