"World Economic Forum" in Davos Was nach dem Kapitalismus kommt

In Davos wurde der Kapitalismus noch nicht zu Grabe getragen, die Zweifel an dem System mehren sich jedoch auch unter Fachleuten. Die Prognose lautet: Menschliches Talent löst das Kapital ab. Die entscheidenden Wettbewerbsfaktoren der Zukunft sind Kreativität und Innovationskraft.

Ein Gastbeitrag von Klaus Schwab

Auf dem diesjährigen Jahrestreffen des World Economic Forum in Davos wurde intensiv über die Zukunft des Kapitalismus diskutiert. Ob der Kapitalismus mit seinen offensichtlichen Auswüchsen und Exzessen noch in unsere heutige Welt passt, fragten sich viele der Teilnehmer. Und nicht wenige Medienberichte spekulierten gar, ob der Kapitalismus in Davos bereits zu Grabe getragen worden sei, wenn schon die Manager und Banker an der Zukunft des Systems zweifeln.

Nun mögen die Berichte über das unmittelbar bevorstehende Ende des Kapitalismus etwas übertrieben sein. Richtig aber ist: In Davos ist die Ideologie einer freien aber sozial verpflichteten und fair regulierten Marktwirtschaft nie in Frage gestellt worden. Sehr wohl wurde allerdings gefragt, ob der Kapitalismus in seiner jetzigen Form der freien Marktwirtschaft dient oder sie untergräbt.

Hier gilt es genau zu unterscheiden: einerseits die Ideologie einer auf Selbstverantwortung bauenden sozialen Marktwirtschaft; und andererseits der Begriff Kapitalismus als solcher. Es gab im Verlauf der letzten 200 Jahre eine Reihe verschiedener Interpretationen des Kapitalismus, der als Reaktion auf die Industrialisierung geboren wurde. Historisch gesehen, erforderte der Übergang vom Handwerk zur Maschine Investitionen in immer größerem Ausmaß - und damit die Bereitstellung von Kapital. In diesem Sinne ist der Kapitalismus keine Ideologie als solche, sondern eine angewandte Lehre von der Schaffung und dem effizienten Einsatz des Produktionsfaktors Kapital.

Kapitalismus im eigentlichen Sinn ist also die auf den Kapitalmarkt bezogene Komponente eines Wirtschaftssystems, integriert in den Grundsätzen der Freiheit des Marktes und der Garantie des Eigentums. Diese Grundsätze allerdings sind Teil einer viel umfassenderen und übergreifenderen Ideologie. Leider ist im heutigen Sprachgebrauch diese liberale Ideologie mit der technischen Komponente "Kapitalismus" gleichgesetzt worden. So entsteht leicht der Eindruck, dass das auf individueller Freiheit und gleichzeitiger sozialer Verantwortung aufbauende liberale Wirtschaftssystem für die Exzesse des aus dem Gleichgewicht geratenen Kapitalismus verantwortlich ist. Das ist natürlich unzutreffend.

Kluft zwischen Gewinnern und Verlierern

Was in Davos also ausführlich diskutiert wurde, war nicht etwa das Ende des Kapitalismus als Ideologie, sondern die Frage, wie die Bereiche der technischen Komponente Kapitalismus, die aus den Fugen geraten sind, reformiert werden können. Einer der Kritikpunkte am Kapitalismus bezieht sich auf die zunehmende Kluft zwischen Gewinnern und Verlierern des sogenannten Turbokapitalismus bedingt durch den globalen Wettbewerb. Hier lehrt uns das sogenannte nordische Modell, dass sich hohe Flexibilität auf dem Arbeitsmarkt und soziale Sicherungssysteme nicht ausschließen müssen - sie lassen sich sogar sehr gut miteinander verbinden.

Eine solche Wirtschaftspolitik erlaubt es Ländern darüber hinaus in Innovation, Erziehungswesen sowie Ausbildung zu investieren. Die skandinavischen Länder, die in den 90er Jahren eine ähnliche Bankenkrise durchliefen, wie wir sie heute in anderen westlichen Volkswirtschaften miterleben, haben gezeigt, dass durch eine Reform der Regelungs- und Sicherungssysteme flexible Arbeits- und Kapitalmärkte sowie soziale Verantwortung durchaus vereinbar sind. Es ist also kein Zufall, dass diese Länder heute zu den global wettbewerbsfähigsten Wirtschaften gehören.

Andere ernstzunehmende Ansatzpunkte der Kritik am Kapitalismus sind überzogene Boni, überbordende, alternative Finanzinstrumente und das aus dem Gleichgewicht geratene Verhältnis zwischen Finanzwirtschaft und Realwirtschaft. Wir sehen aber auf diesen Gebieten gewisse Fortschritte durch zunehmenden Druck der Öffentlichkeit, der Regierungen und auch des Marktes.

Auch wenn der Kapitalismus also in Davos nicht zu Grabe getragen worden ist, so muss festgehalten werden, dass das Kapital seine Rolle als wichtigster Produktionsfaktor in unserem Wirtschaftssystem verliert. Wie ich in meiner Eröffnungsrede in Davos erklärt habe, wird Kapital von Kreativität und Innovationskraft - also von menschlichen Talenten - als wichtigsten Produktionsfaktoren abgelöst.

"Talentismus" statt Kapitalismus

Wenn Talent zum entscheidenden Wettbewerbsfaktor wird, dann kann man durchaus feststellen, dass der Kapitalismus durch den "Talentismus" ersetzt wird. So wie während der Industrialisierung das Kapital das Handwerk ersetzte, löst heute menschliches Talent das Kapital ab. Ich bin überzeugt, dass dieser Transformationsprozess auch zu neuen Ansätzen in der Wirtschaftslehre führen wird.

Es ist unbestritten, dass die auf individueller Freiheit und gesellschaftlicher Verantwortung bauende Ideologie diejenige ist, die dem Einzelnen aber auch der Wirtschaft die größtmögliche Entfaltungskraft erlauben. Um diese Entfaltungskraft in fairer Weise zu gewährleisten, braucht es aber bessere Regelungs- und Sicherungssysteme - vor allem für Kapitalmärkte - die heute gleichzeitig eine globale Koordination erfordern.

In dieser Hinsicht ist der Kapitalismus heute besonders gefordert, die notwendigen Anpassungen vorzunehmen, um weiterhin ein wichtiger Pfeiler unseres liberalen Wirtschaftssystems zu sein - aber auch, um sich den heutigen Umständen anzupassen und der sozial verantwortlichen Marktwirtschaft zu dienen, und nicht umgekehrt.

Letzten Endes geht es darum, wieder zum Stakeholder-Prinzip zurückzukommen, das ich 1971 in einem Buch entwickelt und vorgestellt habe und das heute durch den Havard-Professor Michael Porter unter dem Namen "shared value creation" eine Renaissance erfährt.

Ein Unternehmen wird vor allem in einer Zeit, in der Social Networks größere Teilhabe und Transparenz ermöglichen, nur erfolgreich wirtschaften können, wenn es nachhaltig einen Nutzen nicht nur für seine Aktionäre, sondern für die Allgemeinheit erzielt.