Weltbank-Präsident "Ohne stabile Banken kein Aufschwung"

Der Präsident der Weltbank, Robert Zoellick, über die globale Wirtschaftskrise, die kritische Lage Osteuropas und den Welthandel.

Interview: N. Piper

Robert Zoellick, 54, ist seit 1. Juli 2007 Präsident der Weltbank. Er übernahm sein Amt, nachdem der Vorgänger Paul Wolfowitz über eine Affäre wegen des Gehalts seiner Freundin gestürzt war. Von 2001 bis 2005 war Zoellick Handelsbeauftragter von Präsident George Bush. Für seine Rolle als Chefunterhändler der USA bei der Wiedervereinigung Deutschlands wurde er mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Im Interview drängt er die Westeuropäer, sich schnell der Probleme Osteuropas anzunehmen.

Süddeutsche Zeitung: Herr Zoellick, vor zwei Jahren wurde diskutiert, ob die Weltbank und der Internationale Währungsfonds nicht irrelevant werden. Jetzt erwartet man von ihnen, dass sie die Welt aus der Krise führen. Sind die beiden Institutionen überhaupt dafür ausgestattet?

Robert Zoellick: Ich denke die Frage hat sich selbst beantwortet. Unsere Aufgabe ist sehr konkret: Weil die reichen Länder ihre Banken massiv stützen, haben etliche Entwicklungsländer plötzlich Schwierigkeiten an Geld zu kommen. Diesen helfen wir schnell und entschlossen. Die Weltbank hat den Schwellenländern bisher 35 Milliarden Dollar zur Verfügung gestellt. In den nächsten drei Jahren können wir bis zu 100 Milliarden Dollar verleihen. Für die ärmsten Länder stehen uns 43 Milliarden Dollar zur Verfügung, vorausgesetzt die Industriestaaten halten ihre Zusagen vom letzten Jahr ein.

SZ: Reicht das, um die Krise durchzustehen?

Zoellick: Nein. Auch die Regierungen müssen mehr tun. Deshalb begrüße ich die Haltung der Bundesregierung. Im deutschen Konjunkturprogramm sind 100 Millionen Euro enthalten, mit denen wir Infrastrukturprojekte in Entwicklungsländern finanzieren können. Solche Projekte legen die Grundlage für künftiges Produktivitätswachstum. Wir arbeiten mit der KfW außerdem an einem Liquiditätspool von 500 Millionen Euro für Mikrofinanz-Institute. Von solchen Mikrokrediten hängen in Entwicklungsländern unzählige Firmen ab. Sie schaffen die meisten Jobs und sind gerade in der Krise besonders flexibel. Aber die Mikrobanken bekommen jetzt plötzlich keine Finanzierung aus dem Ausland mehr, obwohl ihre Bilanzen eigentlich in Ordnung sind.

SZ: Was müssten die Industrieländer insgesamt tun?

Zoellick: Ich habe einen speziellen Krisenfonds für die Entwicklungsländer vorgeschlagen. Wenn alle Industrieländer nur 0,7 Prozent aus ihren Konjunkturprogrammen zur Verfügung stellen, können wir ein Sicherheitspolster schaffen, das verhindert, dass aus der Finanzkrise eine wirtschaftliche, menschliche und politische Krise wird. Ich hoffe, dass die Staats- und Regierungschefs der G-20-Staaten die Entwicklungsländer nicht vergessen, wenn sie sich am 2. April in London treffen.

SZ: Welche Folgen hat die Krise für die Menschen in den armen Ländern?

Zeollick: Die Explosion der Lebensmittel- und Energiepreise im vergangenen Jahr hat zwischen 130 und 155 Millionen Menschen zurück in die Armut gestoßen. Wegen der globalen Rezession dürften bis zu 55 Millionen Menschen zusätzlich unter die Einkommensgrenze von zwei Dollar am Tag fallen. Man übersieht leicht, dass Lebensmittel zwar etwas billiger sind als 2008, dass sie aber im Vergleich noch immer teuer sind. Reis kostet in Afrika heute doppelt so viel wie 2002. Ein anderer Krisenherd ist Osteuropa.

SZ: Haben die Länder in Osteuropa seit dem Fall des Eisernen Vorhangs nicht große Fortschritte gemacht?

Zoellick: Sie haben sich während der vergangenen zwanzig Jahre stark auf die internationale Integration verlassen. Viele Banken dort gehören westeuropäischen Instituten, viele Menschen haben im Westen Arbeit gefunden und überweisen Geld nach Hause. Ein Zusammenbruch des Systems trifft sie jetzt besonders hart.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, ob es ein Fehler war, nationale Rettungspakete aufzulegen und wie man die nationalen Programme in Einklang bringen kann.

SZ: Und wie sollte die EU darauf reagieren?

Zoellick: Osteuropa mit Russland, der Ukraine und der Türkei braucht 120 Milliarden Dollar, um die dortigen Banken zu rekapitalisieren. Mittel- und Osteuropa im engeren Sinne braucht immer noch 40 bis 45 Milliarden Dollar. Wir arbeiten mit der Osteuropabank, der Europäischen Investitionsbank und dem IWF an einer Lösung, aber wir werden keinen Erfolg haben, wenn uns die westeuropäischen Staaten nicht unterstützen. Die wichtigsten Finanzkanäle für Osteuropa sind zehn bis zwölf große Banken in Deutschland, Österreich, Italien, Belgien und Schweden.

SZ: Ist diese Finanzierung auch in Zukunft gesichert?

Zoellick: Nein. Einige dieser Banken haben ihr Geld bereits aus Osteuropa abgezogen. Das geschah unter dem Druck der Heimatmärkte, vielleicht sogar unter dem Druck der Regierungen, die diese Banken gestützt haben. Auf diese Weise wird aber den betroffenen Ländern der Geldhahn zugedreht. Ich hielte es für eine riesige Tragödie, wenn Europa wieder in zwei Teile auseinanderfallen würde. Das muss verhindert werden.

SZ: Aber die westeuropäischen Banken stehen ja selbst unter enormem Stress. Sie können sie ja nicht zwingen, Geld zu verleihen.

Zoellick: Es liegt doch im Interesse der Banken, Osteuropa nicht weiter abrutschen zu lassen, denn das würde deren Bilanzen weiter verschlechtern. Das Mindeste ist, dass die westeuropäischen Regierungen ihre Banken nicht ermutigen, Geld abzuziehen. Stattdessen sollten sie sie dazu anhalten, Kreditlinien dort aufrechtzuerhalten. Dies liegt doch auch im Eigeninteresse der Westeuropäer. Europa ist ein integrierter Binnenmarkt. Wenn die Osteuropäer wieder wachsen, kaufen sie mehr Waren im Westen. Die ganze Logik der EU-Osterweiterung liegt doch darin, dass Europa ein gemeinsames Interesse an ökonomischer Integration und Zusammenarbeit hat. Wenn die nationalen Rettungspakete für die Banken dem entgegenwirken, gibt es ein riesiges Problem für die europäische Einheit.

SZ: War es ein Fehler, überhaupt nationale Rettungspakete aufzulegen?

Zoellick: Nein, die nationalen Bankensysteme müssen gerettet werden. Das Problem ist, dass verschiedene Regierungen immer noch damit ringen, wie sie es genau machen sollen. Die Geschichte früherer Finanzkrisen hat aber gezeigt, dass es ohne Stabilisierung der Banken keinen Aufschwung gibt. Das ist politisch nicht einfach, weil die Steuerzahler und Bürger verständlicherweise keine Lust haben, den Bankern zu helfen. Aber ohne funktionierende Kreditmärkte geht es nun mal nicht.

SZ: Wie kann man die nationalen Programme in Einklang bringen?

Zoellick: Es gibt verschiedene Wege, das Problem anzugehen, und vermutlich passt nicht ein Modell für alle Länder. Aber die Regierungschefs und Finanzminister sollten ihre jeweilige Position austauschen und die grenzüberschreitenden Fragen lösen. Vielleicht sollte auch der IWF dabei eine Rolle spielen.

SZ: In der Krise wächst in vielen Ländern die Neigung zum Protektionismus. In Großbritannien gab es bereits Demonstrationen gegen die Beschäftigung ausländischer Arbeiter, im Konjunkturprogramm der US-Regierung sind "Buy-American"-Klauseln enthalten.

Zoellick: Es ist ein ernstes Problem. Regierungen sind ihren Wählern und ihren Steuerzahlern verantwortlich. Gleichzeitig haben wir aber eine globale Krise, die einer globalen Lösung bedarf. Deshalb muss man mindestens international kooperieren; noch besser ist es, Ressourcen auf internationaler Ebene zu teilen. Politiker stehen in diesem Spannungsverhältnis. 2009 ist ohnehin ein sehr schwieriges Jahr. Wenn aber Länder auch noch in den Protektionismus abgleiten, könnte aus der Rezession eine Depression werden, nicht nur weil eine Kette von Reaktionen und Gegenreaktionen ausgelöst wird, sondern wegen der Rückwirkung auf die Finanzmärkte. In einer Zeit, in der das Finanzsystem sehr anfällig ist, würden die Banken versuchen, noch mehr Geld abzuziehen.

Auf der nächsten Seite lesen Sie, was Zoellick den Regierungen rät und wie groß die Gefahr ist, dass es zu einer zweiten Weltwirtschaftskrise kommt.

SZ: Sie waren Handelsbeauftragter des früheren Präsidenten George Bush. Sehen Sie eine Chance, dass die Freihandelsgespräche in der so genannten Doha-Runde der Welthandelsorganisation mit Erfolg abgeschlossen wird?

Zoellick: Die Runde hätte schon längst abgeschlossen sein sollen. Seit einem Jahr liegt meiner Meinung nach eine mögliche Lösung auf dem Tisch. Auf der anderen Seite macht die Krise Kompromisse schwieriger. Das Treffen der G-20-Staaten im April sollte Druck auf die beteiligten Länder ausüben, dass sie schnell einer Lösung zustimmen.

SZ: Sie nehmen als Beobachter an dem Treffen in London teil. Was raten Sie den Regierungen?

Zoellick: Ich sehe fünf Punkte. Erstens: Wenn eine Regierung die Mittel dafür hat, sollte sie ein Konjunkturprogramm beschließen. Das ist jetzt sehr wichtig. Solche Programme sind aber nur sinnvoll, wenn zweitens die Banken stabilisiert werden. Ohne dies ist die Wirkung so ähnlich, wie wenn Sie Traubenzucker essen, um sich aufzuputschen: Sobald die Überzuckerung vorbei ist, fühlen Sie sich noch müder als vorher. Drittens müssen die Notenbanken dafür sorgen, dass die Kreditmärkte wieder in Gang kommen. Viertens: Kein Protektionismus! Fünftens: Vergessen Sie nicht jene Länder, die am meisten leiden.

SZ: Die jetzige Krise ist die schwerste seit der Weltwirtschaftskrise. Wie groß ist die Gefahr, dass es genauso schlimm wie damals wird?

Zoellick: Wir sind weit entfernt von den damaligen Problemen, aber die Lage ist wirklich ernst. Die Krise hat eine globale Dimension und die Welt hat sich verändert seit den dreißiger Jahren. Die Weltwirtschaft ist viel enger verflochten als damals. Mark Twain sagte: Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich manchmal. Die Lehre daraus ist: Wir müssen unsere wirtschaftlichen Probleme schnell gemeinsam lösen, weil wir sonst große politische und soziale Probleme bekommen.

SZ: Was ist das Schwierige daran?

Zoellick: Die Herausforderung liegt darin, dass Politiker national verantwortlich sind, dass sie aber nur Erfolg haben können, wenn sie die internationale Dimension der Probleme erkennen. Um ein Beispiel aus dem amerikanischen Unabhängigkeitskrieg zu nehmen: Die dreizehn Kolonien wussten 1776, dass sie es entweder zusammen schaffen oder einzeln untergehen würden. Genauso ist es heute: Wir müssen zusammenarbeiten.