WDR-Bericht Leben vom Trinkgeld

Der Tui-Konzern in der Kritik: WDR-Reporter berichten von katastrophalen Arbeitsbedingungen für Busfahrer.

(Foto: dpa)

Tui bietet Luxusreisen in die Türkei an, seine Fahrer behandelt der Konzern aber alles andere als luxuriös. Busfahrer berichten von erschreckenden Arbeitsbedingungen. Diese seien teilweise illegal - und gefährden Tui-Mitarbeiter und Urlauber.

Von Kristina Läsker

Auf der Fahrt vom Flughafen zum Hotel in Antalya gibt es Merkwürdiges zu sehen. Ein Reisebus mit Urlaubern der Tui fährt Schlangenlinien. Am Straßenrand parken Minibusse des Touristikkonzerns, darin schlafen Busfahrer mitten am Tag. "Niedrige Löhne und die Arbeitszeiten belasten unsere Fahrer viel zu stark, wir haben selbst heute noch Fahrer mit 17, 18 Stunden Fahrtstunden", sagt Orhan Kayabasi vom ortsansässigen Verein der Fahrer im Tourismus.

Ein Team des Westdeutschen Rundfunks (WDR) hat diese Szenen gedreht. Die TV-Redakteure waren in die Türkei geflogen, um für die ARD-Verbraucher-Reportage "Markencheck" die Qualität von Europas größtem Reiseanbieter Tui zu testen. Sie interviewten auch einen Fahrer, der für Tuis eigene Busfirma Tantur arbeitet. Der Mann ist Subunternehmer eines Subunternehmens - und was er berichtet, ist haarsträubend: Demnach ist er chronisch müde. Als die Redakteure ihn trafen, hatte er eine Nachtfahrt bis zwei Uhr hinter sich. Nach sechs Stunden Schlaf wartete nun eine Zehn-Stunden-Schicht. Das sei normal, an manchen Tagen eher schlimmer.

Vor allem aber ist es illegal - wenn es denn stimmt: In der Türkei dürfen Busfahrer nur neun Stunden am Stück fahren. Damit konfrontiert, verspricht Tui zügig Aufklärung: "Das geht nicht. Dem muss man entsprechend auf den Grund gehen, und dann muss das korrigiert werden", sagt ein Sprecher von Tui Deutschland. Die Nachforschungen seien aber komplex, weil es viele Marken und Subunternehmer gebe.

Fairness gegenüber Beschäftigten sei "unzureichend"

Doch sind die Konditionen der Fahrer in Antalya ein Einzelfall? Der Bericht weckt Erinnerungen an den jüngsten Unfall im Reisekonzern. Anfang Dezember waren vier Tui-Mitarbeiter bei einem fürchterlichen Busunglück in Ägypten ums Leben gekommen. Sie gehörten zu einer Bordcrew der Fluggesellschaft Tuifly, diese war unterwegs zwischen dem Flughafen Hurghada und einem Hotel am Roten Meer, wo Tui sie einquartiert hatte. Allerdings war in diesen Unfall kein Tui-Bus verwickelt.

Tui lässt seine Crews in Ägypten von fremden Firmen fahren, was im Konzern zu Ängsten führt. Die Busse seien oft klapprig und alt, sagte ein Mitarbeiter der Süddeutschen Zeitung. Deren Fahrer seien häufig übermüdet und führen "wie die Verrückten". Der Konzern hat inzwischen reagiert. "Wir planen, unsere Mitarbeiter in Ägypten mit hauseigenen Bussen und Fahrern zu befördern", sagt der Sprecher.

Die Redakteure des WDR jedenfalls halten die Fairness des Konzerns gegenüber Beschäftigten für "unzureichend". Zu diesem Urteil hat beigetragen, was der Busfahrer sonst noch zu berichten hatte. Etwa von seinen übrigen Arbeitsbedingungen. Die haben nämlich wenig mit dem Luxus der Tui-Marke Magic Life zu tun, deren Urlauber der Fahrer häufig befördert. Er arbeite auf eigene Rechnung, schildert der Mann, für 1300 Euro im Monat. Davon müsse er alles bezahlen: Benzin, Steuern, Reparaturen, Versicherungen und Sozialabgaben. Es bleibe nicht viel. Er lebe mehr oder minder von den Trinkgeldern der Touristen. Und die lassen sich den Aufenthalt einiges kosten: Im Sporthotel von Magic Life bezahlt eine vierköpfige Familie laut WDR-Bericht für zwei Wochen schon mal 7000 Euro als "All-Inclusive-Angebot".

Die Tui hat sich von dem TV-Bericht im Nachhinein distanziert. "Wir halten den 'Markencheck' für durch und durch tendenziös", sagt der Sprecher. Er werfe in weiten Teilen "ein völlig falsches Bild auf uns als Qualitäts- und Marktführer". Rechtliche Schritte will der Anbieter, der pro Jahr 30 Millionen Kunden hat, aber nicht einleiten. "Ein Verfahren würde sich nur lange hinziehen."