Dieselaffäre VW: Ein Kronzeuge packt aus

VW-Dieselmotor: Die Manipulationen sollen bereits Ende 2006 in einem größeren Kreis beschlossen worden sein.

(Foto: Miles Willis/Bloomberg)
  • Ein langjähriger, bedeutender Mitarbeiter in der Motorenentwicklung bei VW hat in den vergangenen Monaten ausgepackt.
  • Nahezu alle mit den Abgas-Problemen befassten Führungskräfte in der Motoren-Entwicklung könnten von den Manipulationen gewusst haben oder gar daran beteiligt gewesen seien.
Von Georg Mascolo und Klaus Ott

Die Liste derjenigen, die bei VW nicht mehr schweigen, wird länger und länger. Viele reden, und einer redet besonders viel über die Abgas-Affäre. Ein langjähriger, bedeutender Mitarbeiter in der Motorenentwicklung hat in den vergangenen Monaten ausgepackt. Er hat geschildert, wie es dazu kam, dass VW Abgas-Messungen bei elf Millionen Diesel-Fahrzeugen manipulierte; und wer davon alles gewusst haben soll, bis hinauf in Vorstandsetagen. Der Motoren-Mann ist eine Art Kronzeuge, wenn nicht gar der Kronzeuge. Er soll selbst an der Manipulation beteiligt gewesen sein, gegen ihn ermittelt die Braunschweiger Staatsanwaltschaft.

Die nun vorliegenden Erkenntnisse besagen nach Informationen von SZ, NDR und WDR, dass nahezu alle mit den Abgas-Problemen befassten Führungskräfte in der Motoren-Entwicklung von den Manipulationen gewusst hätten oder gar daran beteiligt gewesen seien. In der betreffenden Abteilung sei es kein Geheimnis gewesen, dass VW bei den Abgastests der Behörden in den USA und Europa nur so die Schadstoff-Grenzwerte für Stickoxid offiziell habe einhalten können. Viele Mitarbeiter und Manager in dieser Abteilung seien eingeweiht gewesen.

Um sich zu schützen, habe in der Abteilung ein "Schweigegelübde" geherrscht, besagen die Erkenntnisse der Ermittler bei VW. Andere Bereiche im Konzern hätten davon nichts wissen sollen, von Ausnahmen abgesehen. Darunter Heinz Jakob Neusser, späterer VW-Markenvorstand, den der Kronzeuge 2011 eingeweiht haben will. Der Hinweis soll allerdings folgenlos geblieben sein, Neusser habe nicht reagiert. VW verweist darauf, dass für alle Verdächtigen bis zum Beweis des Gegenteils die Unschuldsvermutung gelte.

VW brauchte für den US-Markt eine schnelle Lösung beim Diesel-Motor

Die Manipulation begannen, wie die von VW eingesetzten Ermittler herausgefunden haben wollen, im November 2006. Damals soll ein größerer Kreis von Mitarbeitern in der Motoren-Entwicklung den Einsatz der Betrugs-Software ("Defeat Device") besprochen haben. Das soll sinngemäß aus einem Sitzungs-Protokoll hervorgehen, auch wenn sich der Begriff "Defeat Device" darin nicht findet. Aus den Angaben des Kronzeugen und weiterer geständiger VW-Mitarbeiter ergibt sich nach den bisherigen Untersuchungen folgendes Szenario: Die Motoren-Entwickler sahen sich damals von der Konzernspitze heftig unter Druck gesetzt, vor allem für den US-Markt eine schnelle und kostengünstige Lösung für einen sauberen Diesel-Motor zu präsentieren. Statt dem Vorstand zu offenbaren, dass man dies nicht schaffe, habe man sich für einen Betrug entschieden.

Nach Angaben eines der Mitwirkenden habe es sich um eine Art "Verzweiflungstat" gehandelt. Im Konzern habe das Klima geherrscht: Wir können alles; dass etwas nicht geht, gibt es nicht. Statt dem Vorstand zu berichten, dass man die Vorgaben nicht einhalten könne, sei entschieden worden, zu manipulieren. Nach Angaben von Motoren-Entwicklern sei das eine Verzweiflungstat gewesen. Niemand habe den Mut gehabt, das Scheitern einzugestehen. Zudem hätten sich die Motoren-Entwickler sicher gefühlt, weil der Betrug mit den damaligen Prüftechniken nicht habe entdeckt werden können. Die vom Kraftfahrzeugtechnik-Unternehmen Bosch gelieferte Software sei dann bei VW in Wolfsburg verändert worden.

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Die vormaligen Chefs von Aufsichtsrat und Vorstand, Ferdinand Piëch und Martin Winterkorn, hatten Volkswagen patriarchalisch geführt. Widerspruch galt als zwecklos. Dass die Angst vor den Konzernchefs maßgeblich zu den Manipulationen beigetragen haben soll, hatten viele Zeugen schon im Herbst 2015 Jahres ausgesagt. Das hat sich jetzt verdichtet. Bislang gibt es keine Belege, dass die alte Konzernspitze von den Manipulationen gewusst hätte, bevor diese im September vergangenen Jahres aufgeflogen waren. Winterkorn hatte sich dann für die Manipulationen entschuldigt und er war vom Aufsichtsrat zum Rücktritt gedrängt worden; er hat aber seine Unschuld beteuert. Volkswagen bezeichnete die geschilderten Erkenntnisse als "reine Spekulationen", zu denen man sich nicht äußere. Die Untersuchungen liefen noch. VW will bei der Aktionärsversammlung im April ein Ergebnis präsentieren. Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Braunschweig dürften länger dauern. Die Staatsanwaltschaft teilte mit, man gehe davon aus, vom VW-Konzern umfangreich über dessen Untersuchungen informiert zu werden.