Vertrauen in der Krise Ein rasend flüchtiges Gut

Man kann es nicht kaufen, es ist nicht zu ersetzen: Ohne Vertrauen geht gar nichts. Seit dem Zusammenbruch großer Banken herrscht jedoch vor allem eines - Misstrauen.

Von Detlef Esslinger

Es ist dies ein überaus seltsames Gut. Kaufen kann man es nirgendwo. Aber eine Redewendung lautet, dass man es geschenkt bekommen kann. Fast alle Menschen besitzen es; aber, ohne es zu merken. Dass es da war, registrieren sie erst, wenn sie es einmal verloren haben. Und es handelt sich möglicherweise um die einzige Ressource auf der Welt, die sich durch ihren Gebrauch vermehrt - und durch Nicht-Gebrauch reduziert.

Ohne Vertrauen geht gar nichts. Annette Baier, die neuseeländische Moralphilosophin, die die längste Zeit ihres Lebens an der Universität Pittsburgh lehrte, hat dafür einen passenden Vergleich gefunden. "Wir bewohnen ein Klima des Vertrauens, so wie wir in der Atmosphäre leben", sagt Baier. "Wir nehmen es wahr wie die Luft, nämlich erst dann, wenn es knapp wird oder verschmutzt ist."

Der Vergleich ist deshalb so geeignet, weil in ihm zweierlei zum Ausdruck kommt: das Unverzichtbare und das Unmerkliche. Unverzichtbar ist Vertrauen, weil niemand in der Lage ist, sein Leben nur auf sich gestellt zu führen. Wir bewohnen Häuser, die andere für uns gebaut haben. Wir setzen uns in die U-Bahn in der selbstverständlichen Erwartung, auf diese Weise in zwei Minuten vom Stachus zum Odeonsplatz gebracht zu werden. Wir essen das Fleisch von Tieren, die andere für uns erst gezüchtet und dann geschlachtet haben.

Labiles Vertrauen

Unmerklich ist das Vertrauen, weil es so selbstverständlich geschenkt wird. Wer verschwendet vor dem Einzug schon einen Gedanken darauf, ob durch die Wasserleitung tatsächlich Wasser fließt, und nicht Gas? Wer erwägt schon, sich lieber fern zu halten von dem Menschen, der neben einem auf die U-Bahn wartet; weil es doch sein könnte, dass er einen gleich auf die Gleise schubst?

Vertrauen heißt, Zweifel gar nicht erst zuzulassen - damit wir uns in der Welt überhaupt aufhalten können. Permanente und unbestimmte Angst sowie ein im Wortsinn lähmendes Entsetzen würden unsere Tage prägen, wären wir nicht mit Vertrauen ausgerüstet. Wir wissen nicht, dass die Kuh, deren Fleisch wir auf dem Teller haben, kein BSE hatte. Als Nicht-Bauern und Nicht-Veterinäre können wir das gar nicht wissen. Vertrauen ist eine eigenartige Überzeugung, sagt der Soziologe Diego Gambetta aus Oxford - eine Überzeugung, "die nicht auf Beweisen, sondern auf einem Mangel an Gegenbeweisen gründet". Also beißen wir rein.

Schlimm wird es, wenn genau das plötzlich eintritt: dass es Gegenbeweise gibt. Weil Vertrauen eben vor allem die von Gambetta beschriebene Grundlage hat, ist es äußerst labil. Weniger als ein Dutzend BSE-Fälle hatten im Jahr 2000 zur Folge, dass praktisch niemand mehr Rindfleisch kaufte. Wer einmal auf die Gleise geschubst wurde, wird nie mehr an deren Rand warten. Und die Finanz- und Wirtschaftskrise, die in diesem Jahr für jeden sichtbar wurde, ist doch vor allem dadurch gekennzeichnet, dass mit einem Mal an Gegenbeweisen kein Mangel mehr herrscht.

Keiner kann alles können

Kaum jemand in Deutschland oder Amerika dachte bis vor kurzem, Anlass zu der Annahme zu haben, eine Bank, ein Institut mit großem Namen, schicker Adresse und hohen Türmen - solch eine Bank könne eines Tages bankrott gehen. Sobald aber genau dies passierte, war es um das Vertrauen nicht nur in die konkrete Bank, sondern in das gesamte Finanzsystem geschehen. Und das Misstrauen erfasste nicht nur die Kunden, auch die Akteure des Systems selbst. Der Unterschied zwischen Miss- und Vertrauen ist: Misstrauen lässt sich nicht so leicht beseitigen. Diego Gambetta schreibt: "Es hat die Fähigkeit zur Selbsterfüllung, zur Erzeugung einer Realität, die mit ihm übereinstimmt."

Ohne Vertrauen geht nichts, aber Vertrauen alleine kann auch keine Grundlage sein. Es gibt mehrere Varianten des Vertrauens. Da schenkt einer Vertrauen, weil er beim anderen seit langem eine Übereinstimmung zwischen dessen Worten und Taten feststellt. "Sie haben das Vertrauen der IG Metall", sagte der Gewerkschaftsvorsitzende Berthold Huber vor ein paar Tagen über Gerhard Cromme und Peter Löscher, die Chefs des Aufsichtsrats und des Vorstands von Siemens. Die beiden hatten die Aufklärung der Korruptionsaffäre nicht nur zugelassen, sondern aktiv vorangetrieben.

Darüber hinaus gibt es das Vertrauen, dem man sich mehr oder weniger ausliefern muss. In einer technisierten und spezialisierten Welt mag jeder Mensch Fachmann auf einem oder zwei Gebieten sein. Heißt aber zugleich: Auf 734 anderen Gebieten ist er es nicht. Keiner kann alles können. Also benutzt er diese Hängebrücke. Wird schon tragen. Also bringt er seinen alten Computer zum Wertstoffhof. Wird schon sauber recycelt werden.

Lesen Sie im zweiten Teil, was Vertrauen mit der Finanzkrise zu tun hat - und welche Alternative der Zwang bietet.