Versorger Tausche Wind gegen Netz

Eon und RWE teilen den Energiemarkt unter sich auf. Gewerkschaften unterstützen Zerschlagung von Innogy, die 5000 Arbeitsplätze kosten kann.

Von Benedikt Müller und Michael Bauchmüller, Essen/Berlin

Dass die Bilanzvorlage von Innogy gruselig werden dürfte, war absehbar: Im Dezember hat der Stromversorger seinen Vorstandschef Peter Terium plötzlich rausgeworfen, nachdem die Kosten ausgeufert waren. Vor gut einer Woche dann haben Unbekannte den Finanzchef Bernhard Günther bei einem Säure-Anschlag schwer verletzt. Mithin fehlen an diesem Montag jene beiden Vorstände, die eigentlich am wichtigsten sind, wenn ein Konzern seine Jahreszahlen vorstellt.

Das Wochenende hat der Bilanzvorlage dann zusätzliche Dramatik verliehen: Seit Samstagabend weiß der kommissarische Innogy-Chef Uwe Tigges, dass er womöglich die letzten Jahreszahlen in der kurzen Geschichte des Versorgers vorlegen wird. Innogy, erst 2016 entstanden, soll zerschlagen werden, weil es der Mutterkonzern RWE so will - und dafür viel Zuspruch erhält. Doch als Innogy den Jahresbericht geschrieben habe, sagt Tigges, "haben wir in keinster Weise die Dinge reflektiert, die nun auf uns zukommen".

Frischer Wind: RWE will die Ökostrom-Erzeugung von Innogy und Eon übernehmen. Im Gegenzug sollen Netze und Stromkunden an Eon gehen.

(Foto: Jens Meyer/AP)

Deutschlands größte Energiekonzerne wollen das Unternehmen, das noch zu 76 Prozent dem RWE-Konzern gehört, unter sich aufteilen: Der ewige Rivale Eon will das Netz- und Vertriebsgeschäft übernehmen, mithin etwa 23 Millionen Strom- und Gaskunden in Europa. Im Gegenzug sollen die erneuerbaren Energien von Innogy und Eon an RWE gehen. Letzterer würde zum reinen Kraftwerksbetreiber; Konkurrent Eon brächte Strom zu den Kunden, besäße aber keine eigenen Kraftwerke mehr.

Zwar wiederholt Tigges am Montag gebetsmühlenartig, er wolle sich erst zu einem späteren Zeitpunkt dazu äußern: "Wir werden uns die Dinge ansehen." Doch während er das in Essen sagt, steigt an drei anderen Orten die Wahrscheinlichkeit, dass die Neuordnung auf dem Energiemarkt genau so eintreten wird, wie Eon und RWE es ausgehandelt haben.

Der eine Ort ist Potsdam. Am Rande von Tarifverhandlungen kündigt die Gewerkschaft Verdi an, dass sie das Geschäft unterstützen will. "Das ist in der Tat ein Mega-Deal in der Größenordnung von 43 Milliarden Euro", sagt Verdi-Chef Frank Bsirske, "den wir als Gewerkschaften begrüßen." Bsirske sitzt als Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat von RWE. Auch die Energie-Gewerkschaft IG BCE ist einverstanden.

Gemeinsam mit kommunalen Aktionären, die den Plänen des Konzerns zunächst kritisch gegenüberstanden, hätten die Gewerkschafter die Mehrheit in dem Kontrollgremium. "Wir werden aber zustimmen", sagt Bsirske, "weil wir das als eine Chance für alle Beteiligten sehen." Es entständen zwei starke Konzerne, die in Wachstum investieren könnten. Auch die kommunalen Aktionäre kündigen ihre Zustimmung an.

Der andere Ort ist die Frankfurter Börse. Dort nehmen Anleger den Milliarden-Tausch bereits am Montag vorweg. Der Aktienkurs von Innogy steigt fast auf jene 40 Euro, die Eon den verbliebenen Anteilseignern bieten will. Der Dax-Konzern selbst gewinnt an der Börse gut fünf Prozent an Wert. RWE-Aktien legen neun Prozent zu. Am Montagabend kommt dann noch das Plazet der Aufsichtsräte. Das Kontrollgremium von Eon habe am Sonntag und das von RWE am Montag zugestimmt, teilten die Versorger mit.

Selbst Verbraucherschützer, normalerweise bei Megadeals in der Energiewirtschaft rasch auf den Barrikaden, geben sich zunächst zurückhaltend. "Natürlich ist es schade, wenn ein Wettbewerber vom Markt verschwindet", sagt Klaus Müller, Chef des Bundesverbands der Verbraucherzentralen. Ob sich das in höheren Preisen niederschlage, sei aber in diesem Fall nicht sicher. Eher bangt er, der Verteilnetz-Riese Eon könnte zu großen Einfluss auf die Festlegung der Netzentgelte erlangen. "Das wird ein Härtetest für die Wirksamkeit der Regulierung", sagt er. Noch gelassener ist Kanzlerin Angela Merkel: Sie habe Vertrauen in die Energiekonzerne, sagt sie. Die würden schon die beste Variante wählen, wie sie die Energiewende schafften. In der Regierung war zuletzt die Sorge vor einem Ausverkauf hiesiger Energiekonzerne gewachsen, weil ausländische Konzerne Interesse an Innogy angemeldet hatten. Nun müssen die Kartellbehörden zustimmen.

Einzig unter den Beschäftigten von Innogy mag sich am Montag niemand freuen. "Es geht immer irgendwie weiter" gehört noch zu den optimistischen Tönen am Essener Opernplatz. Unter den 42 000 Mitarbeitern herrschen Enttäuschung und Verunsicherung. Ein Teil könnte zurück zu RWE wechseln, ein anderer bald für Eon arbeiten. Eon teilte am Abend mit, dass ersten Berechnungen zufolge maximal 5000 der deutlich mehr als 70 000 Arbeitsplätze wegfallen könnten. Dafür wolle man im kommenden Jahrzehnt tausende neuer Jobs schaffen. Insgesamt rechne man für Eon durch die Übernahme von Innogy mit Synergien von 600 bis 800 Millionen Euro. IG BCE und Verdi fordern, dass beide beteiligten Konzerne auf betriebsbedingte Kündigungen verzichten und geltende Vereinbarungen übernehmen.

Die Noch-RWE-Tochter Innogy hat im vergangenen Jahr einen Betriebsgewinn von 2,8 Milliarden Euro erwirtschaftet. Das Unternehmen stellt seinen Anteilseignern nun eine Dividende von 1,60 Euro je Aktie in Aussicht. Vorstandschef Tigges beteuert am Montag, man wolle sich um die Beschäftigten kümmern. "Das bezieht sich aber nur auf unsere Innogy-Mitarbeiter", sagt der langjährige Personalchef. "Zu dem Bestand der Innogy werden und können wir heute gar nichts sagen." Er hat es nicht mehr in der Hand.

Alles auf Anfang

Es war die schlimmste Nuklear-Katastrophe seit Tschernobyl: Am 11. März 2011 bebte die Erde in Japan und beschädigte das Kernkraftwerk in Fukushima. Bis die Atomruine zurückgebaut ist, wird es noch Jahrzehnte dauern. Kanzlerin Angela Merkel beschloss damals das Ende der Atomkraft in Deutschland - mit erheblichen Konsequenzen für hiesige Energiekonzerne, besonders Eon und RWE. Genau sieben Jahre später, auch am 11. März, verkündeten die beiden Versorger nun ihre Pläne, den Energiemarkt in Deutschland neu unter sich aufzuteilen - mal wieder.

Denn die Geschichte der deutschen Energiewirtschaft ist eine Geschichte immer neuer Fusionen und Zusammenschlüsse. Der Eon-Konzern etwa entstand im Jahr 1999 aus dem milliardenschweren Zusammengehen der beiden Mischkonzerne Viag und Veba und deren Tochterfirmen, den Versorgern Bayernwerk und Preussen-Elektra. Im Jahr 2003 dann, nach einer Ablehnung durch das Bundeskartellamt und folgender Ministererlaubnis, übernahm Eon den Versorger Ruhrgas. Danach gab der Konzern schrittweise alle Aktivitäten ab, die nicht mit Gas und Strom zu tun hatten, etwa Degussa, die Immobilientochter oder das Mobilfunkgeschäft.

Im Jahr 2011 kam die Energiewende. Eon gliederte die herkömmliche Energieerzeugung in die Firma Uniper aus, brachte diese an die Börse und will die verbliebenen Anteile nun an das finnische Unternehmen Fortum verkaufen. Eon selbst verlegte den Sitz nach Essen. Dort sitzt auch RWE, 1898 als Stadtwerk in Essen gegründet. Der Konzern, bei dem die Kommunen traditionell ein gewichtiges Wort mitzureden hatten, expandierte ebenfalls im In- und Ausland. Im Jahr 2000 wurde etwa der Konkurrent Vereinigte Elektrizitätswerke Westfalen (VEW) gekauft. Nach der Energiewende zögerte der damalige RWE-Chef Peter Terium lange und entschied dann - anders als Eon -, das Zukunftsgeschäft als Innogy an die Börse zu bringen. "Mit Innogy haben wir ein starkes Unternehmen für die Energiewende geschaffen", sagte damals der Niederländer, der Innogy-Chef wurde.

Inzwischen ist Terium weg - und alle Pläne sind Makulatur. Jetzt soll sich Eon auf Netze und Vertrieb konzentrieren, RWE auf Kraftwerke und erneuerbare Energien. Das Motto lautet abermals: alles auf Anfang. Caspar Busse