Versicherungen Raus aus der Steinzeit

Rückversicherer wie Munich Re und Swiss Re müssen sich neu erfinden. Kleine Start-ups setzten die Riesen unter Zugzwang. Die reagieren nun auf den Reformdruck.

Von Friederike Krieger und Anna Gentrup

Edouard Schmid spricht gern über kenianische Viehzüchter. Für sie hat der Rückversicherer Swiss Re, bei dem Schmid in leitender Position arbeitet, eine völlig neue Police auf Basis digitaler Technologien entwickelt. Zeigen Satellitenbilder, dass die Witterung zur Austrocknung von Weiden führt und das Futter knapp wird, erhalten sie automatisch eine Überweisung auf ihr Handy. "Selbst in Afrika ist es möglich, ein Produkt digital zu den Konsumenten zu bringen", sagt Schmid auf der SZ-Fachkonferenz Rückversicherung.

Neue Techniken sind hier wichtig: Die Nutzung der neuen Blockchain-Technologie, von Erkenntnissen der Verhaltensökonomie und die Methoden der jungen Start-ups spielen im Denken der Manager eine große Rolle. Sie suchen dringend nach neuen Geschäftsfeldern.

Kerngeschäft von Unternehmen wie Munich Re, Swiss Re und Hannover Rück ist es eigentlich, Endkunden-Versicherer wie die Allianz oder Axa vor Großschäden aus Erdbeben, Stürmen oder Epidemien zu schützen. Doch in diesem Bereich sinken aufgrund eines Überangebots an Rückdeckungen schon seit Jahren die Preise. Auch die Milliardenlasten aus Hurrikans im vergangenen Jahr - eigentlich ein Argument für höhere Prämien - haben daran kaum etwas geändert.

Bei der Gewinnung neuer Kunden soll die Technik helfen, so wie bei den kenianischen Bauern. Ein Großteil der Risiken weltweit sei noch nicht versichert, sagte Schmid. Daran seien auch die Versicherer selbst Schuld. "Zu den Gründen zählt nicht nur ein mangelndes Risikobewusstsein bei den Kunden, sondern auch komplexe Produkte, ein teurer Vertrieb und eine schwerfällige Organisation."

Die Konzerne sind fasziniert von der Leichtigkeit, mit der die Start-ups ans Werk gehen

Alle Rückversicherer suchen den Schulterschluss mit Versicherungs-Start-ups, den sogenannten Insurtechs. Die Konzerne sind fasziniert von der Leichtigkeit, mit der die Start-ups ans Werk gehen können. Einen etablierten Anbieter zu digitalisieren sei so, wie bei einem Airbus 380 während des Fluges die Turbinen auszutauschen, erklärt Christian Miele vom Wagniskapitalgeber E-Ventures. "Wir können das am Boden machen", sagt er. Das Unternehmen hat den digitalen Sachversicherer Coya mit aufgebaut, der bald an den Start gehen will.

Digitale Viehzüchter-Policen und enge Beziehungen zu Fintechs können aber nicht darüber wegtäuschen, dass bei der Digitalisierung des Hauptgeschäfts noch viel tun bleibt. "Im Kerngeschäft geht es viel langsamer voran, hier sind wir noch tief in der Steinzeit", sagt Schmid.

Ramin Niroumand vom Start-up-Gründer Finleap hält die Rückversicherer dennoch für gut aufgestellt, was die Digitalisierung angeht. "Ich glaube, dass die Rückversicherer in der Digitalisierung enorme Chancen haben, viel mehr als die Erstversicherer", sagte er. "Sie haben viel weniger IT-Altlasten als ihre Kunden, die Versicherer."

Das könnte einer der Gründe dafür sein, dass die Rückversicherer aktuell sehr begehrt sind: In der vergangenen Woche hat die Axa die Übernahme des Rück- und Firmenversicherers XL für 12 Milliarden Euro bekanntgegeben. Die Swiss Re verhandelt mit dem japanischen Mischkonzern Softbank, der bis zu 30 Prozent am weltweit zweitgrößten Rückversicherer kaufen will. Das Ziel in beiden Fällen: Der Rückversicherer soll Know-how und Kapital für große digitale Versicherer liefern.