Versicherungen Ende eines Klassikers

Ergo gibt die Lebensversicherung mit Garantiezins auf. Vorstand Clemens Muth erklärt, warum er sich für eine radikalere Abkehr entschieden hat als viele seiner Mitbewerber. Und er räumt ein, dass bei 300 Großverträgen nachgerechnet werden muss.

Von Herbert Fromme, Köln

Vor 17 Jahren war die Welt noch in Ordnung. Die Lebensversicherer waren im scharfen Wettbewerb mit Banken und Investmentfonds um die Spargroschen der Deutschen. Sie waren wegen ihrer hohen Kosten teuer, hatten aber ein schlagendes Verkaufsargument: Nur sie versprachen ihren Kunden einen garantierten Zins für die gesamte Laufzeit des Vertrages. Damals waren es vier Prozent. "Sie werden keine Bank finden, die Ihnen vier Prozent über 27 Jahre garantiert", sagte 1998 Edgar Jannott, Vorstandsvorsitzender der Versicherungsgruppe Ergo.

2015 wünschen sich die Vorstände vieler Versicherer, auch der Ergo, dass ihre Vorgänger den Mund nicht so voll genommen hätten. Denn die damalige Zinsgarantie von vier Prozent schmerzt die Unternehmen heute heftig. Für neu gekaufte Bundesanleihen erhalten sie heute 0,8 Prozent Zins. Und die alten, höher verzinsten Papiere laufen nach und nach aus.

Die klassische Lebensversicherung mit Garantiezins ist in der Krise, auch wenn die Versicherer für heute abgeschlossene Verträge nur 1,25 Prozent garantieren. Bei den meisten Konzernen wollen die Vorstände nur noch eins - raus aus den klassischen Garantieprodukten. "Warum soll ich als Lebensversicherer Produkte anbieten, von denen ich heute schon weiß, dass sie unprofitabel sind?", fragt Clemens Muth, als Vorstand bei der Ergo für die Lebens- und Krankenversicherung zuständig. "Es ist nicht die Kernaufgabe eines Lebensversicherers, die Zinsrisiken der Politik der Europäischen Zentralbank in seiner Bilanz aufzufangen", sagt Muth. "Wir sind dafür da, biometrische Risiken wie Berufsunfähigkeit oder Langlebigkeit abzubilden und Sparprozesse zu ermöglichen."

Wer das Risiko liebt, tut gut daran, sein Leben zu versichern. Die Versicherer selbst wünschen sich, den Mund nicht so voll genommen zu haben.

(Foto: Jan Woitas)

Muth und seine Kollegen ziehen die Konsequenzen: "Wir werden die klassischen Produkte zum Jahresende für das Neugeschäft weitgehend schließen", kündigt er im SZ-Gespräch an. Klassisch heißt: Der Versicherer garantiert den Zinssatz für die Sparanteile, das sind die Prämien abzüglich Vertriebs- und Verwaltungskosten von zehn Prozent oder mehr. Das Kapitalmarktrisiko trägt die Gesellschaft. Die Alternative sind fondsgebundene und ähnliche Verträge. Die Anlagegelder der Kunden werden in Fonds angelegt werden. Hier trägt der Kunde den größten Teil des Anlagerisikos.

Ergo-Vertreter werden künftig nur noch sogenannte kapitalmarktnahe Angebote verkaufen. Nur Kunden, die Zehn- oder Hunderttausende von Euro in eine sofort beginnende Rente einzahlen, können noch das Klassikangebot nutzen.

Mit 4,3 Milliarden Euro Prämie ist die Munich-Re-Tochter Ergo die Nummer fünf im deutschen Lebensversicherungsmarkt. Sie ist nicht die erste Gesellschaft, die aus der klassischen Lebensversicherung aussteigt. Zurich, Generali und einige andere haben ähnliche Beschlüsse gefasst. Aber die Radikalität, mit der Ergo sich vom Klassiker trennt, ist einzigartig.

Komplett lächerlich wird's, wenn die Typen anfangen, über nachhaltige Geschäftsmodelle zu philosophieren . . . SZ-Zeichnung: Dirk Meissner

Der Konzern leidet unter hohen Kosten, schrumpfendem Marktanteil, alten Skandalen und IT-Problemen. Am 15. September tritt Markus Rieß seinen Dienst als Vorstandschef in Düsseldorf an, bis April war er Chef der Allianz Deutschland. Er soll das schlingernde Schiff auf Kurs bringen.

Muth schafft jetzt schon Fakten. Dazu gehört auch die Schließung des Neugeschäfts der Ergo Pensionskasse, die für bestimmte Formen der betrieblichen Altersvorsorge genutzt wird. "Das wird sehr kurzfristig noch im September geschehen." Es geht um 254 Millionen Euro Prämie im Jahr - keine Riesensumme, aber die Schließung setzt ein Zeichen. Bei der sonstigen betrieblichen Altersversorgung hat Ergo schon Anfang 2015 alle klassischen Angebote aus dem Regal genommen und durch kapitalmarktnahe Angebote ersetzt.

Auch bei Riester-Verträgen greift Muth durch. Ergo wird sie künftig noch mit einem kapitalmarktnahen Angebot bei der Tochter Vorsorge Lebensversicherung verkaufen. Das soll im Laufe des Jahres 2016 geschehen. "Das klassische Produkt der Ergo Lebensversicherung stellen wir dann ein", sagt Muth. "Wir wollen die Komplexität reduzieren." Für Muth und seine Kollegen in der Versicherungswirtschaft hat der Schwenk weg von den klassischen Policen noch einen weiteren Vorteil - für das neue Geschäftsmodell brauchen sie deutlich weniger Eigenkapital als für das traditionelle. Doch an den Altlasten durch die alten Garantien, auf die Jannott 1998 so stolz war, ändern die Maßnahmen wenig. "Wir werden die Garantien erfüllen", sagt Muth. Und das kostet - nicht nur wegen der hohen Zinslast, auch wegen der immer noch nötigen Investitionen in die IT.

In etwa 300 Fällen könnten Kunden von Großverträgen unangenehm überrascht werden

Im Juli war bekannt geworden, dass Ergo in 350 000 Fällen Kunden bei beendeten Verträgen zu viel oder zu wenig überwiesen hat. Die Programme für die Abrechnung sind fehlerhaft. Das Problem werde mit viel Aufwand bearbeitet, sagt Muth. "Manche der Programmteile sind rund 50 Jahre alt und nach gesetzlichen Änderungen immer wieder modifiziert worden."

Muth weiß, dass hier die Glaubwürdigkeit auf dem Spiel steht. Umso vorsichtiger ist er, wenn es neue Probleme gibt. Demnächst wird Ergo 15 000 Kunden anschreiben, die erst vor Kurzem eine Ergo-Privatrente abgeschlossen hatten. Denn sie hat festgestellt, dass die den Kunden mitgeteilten Prognoserechnungen von den feineren Berechnungen abweichen, die der Konzern intern verwendet. "In beiden Fällen handelt es sich nicht um Garantien, sondern um Prognosen", sagt Muth. Aber die Diskrepanz beunruhigt den Vorstand. In rund 300 Fällen könnten die Kunden mit Großverträgen sehr unangenehm berührt sein - denn die Differenz der Vorhersagen beträgt viele Tausend Euro.