Versicherer Viel zu teuer

Ob der Schutz von Gebäuden oder Autos - Deutschlands Schadenversicherer haben ein großes Problem: Sie sind deutlich zu teuer. Eine gewaltige, vielleicht schmerzhafte Sparwelle steht den Unternehmen bevor.

Von Herbert Fromme

Die deutschen Versicherer haben ein großes Problem: Sie sind schlicht zu teuer. Das gilt nicht nur für die Lebensversicherung, die zu Recht wegen ihrer überhöhten Abschlusskosten in der Kritik steht. Auch beim Schutz von Gebäuden und Autos sowie Unfall- und Haftpflichtrisiken, also der Schadenversicherung, sind die Kosten viel zu hoch.

Das ist nicht wirklich neu. Seit Jahrzehnten lädt die Branche ihren Kunden weit überhöhte Kosten auf. Doch plötzlich machen sich die Chefs der Konzerne von Allianz bis Zurich ernsthafte Sorgen.

Dafür gibt es mindestens drei Gründe. Das Internet sorgt für eine neue Transparenz. Kaum ein Kunde schließt eine Versicherung ab, ohne sich online informiert zu haben. Gesellschaften mit hohen Kosten, die entsprechend hohe Preise verlangen müssen, sehen da schlecht aus. Zudem schließen immer mehr Kunden direkt per Computer oder Smartphone ab, die alten Kostensätze sind hier unglaubwürdig.

Die Gesellschaften müssen drastisch sparen - eine schlechte Nachricht für die Beschäftigten

Ein dritter Grund macht den Konzernvorstehern aber die meisten Sorgen: Die Versicherungsbranche ist reif für neue, digitale Anbieter. Gleichgültig, ob sie aus den Reihen der zahlreichen Start-ups kommen, die sich gerade warmlaufen, oder ob einer der etablierten Internetkonzerne vom Schlage Googles oder Amazons in das lukrative Geschäftsfeld vordringt, möglicherweise als Kooperationspartner eines etablierten Versicherungskonzerns: Der Wettbewerb wird eine neue Qualität bekommen.

So gemütlich wie bisher wird es nicht bleiben. Die Versicherungswirtschaft behauptet, sie organisiere nur eine Solidargemeinschaft. Pro Jahr erbringt sie in ihren Schaden- und Unfallsparten 45 Milliarden Euro an Leistungen für die Kunden, das sind 123 Millionen Euro pro Tag. Weniger gern spricht die Branche davon, dass ihre Kunden 63 Milliarden Euro jährlich oder 173 Millionen Euro täglich an Beiträgen einzahlen. Sie bringen also 63 Milliarden Euro auf, um sich gegen Schäden von 45 Milliarden Euro abzusichern - schöne Solidargemeinschaft!

Die Differenz von satten 18 Milliarden Euro fließt nur zu einem kleinen Teil in den Gewinn der Unternehmen. Mehr als ein Viertel der eingezahlten Beiträge geht für Vertrieb und Verwaltung drauf. Dabei sind die ausgewiesenen Kosten der Versicherer nicht einmal die ganze Wahrheit: In den 45 Milliarden Euro, die angeblich den Kunden zufließen, ist auch der Aufwand für die Schadenbearbeitung enthalten - vom Gutachter bis zum Buchhalter, der die Überweisung auslöst. Das macht mindestens weitere zwei Milliarden Euro Kosten aus. Hinzu kommt: Die Verwaltung von Kapitalanlagen aus den Schadenreserven, die den Kunden und anderen Geschädigten gehören, lassen sich die Gesellschaften ebenfalls fürstlich bezahlen.

An echten Kosten nehmen die deutschen Schadenversicherer ihren Kunden eher 35 Prozent als die offiziell genannten 25 Prozent der bezahlten Beiträge ab. Aus Kundensicht ist das schon lange unakzeptabel. Aber bislang hatten Autofahrer, Hausbesitzer und Hausratversicherte kaum eine Möglichkeit, sich dagegen zu wehren. Das Internet ändert dies radikal.

Kein Wunder, dass bei den Versicherern beträchtliche Unruhe herrscht. Zurich will 500 von 5500 Stellen abbauen. Allianz, Generali und Ergo haben neue Chefs, die weitreichende Umbauprojekte gerade erarbeiten oder schon umsetzen. Die Erwartungen an sie sind hoch. Die Eigner verlangen, dass sie die Unternehmen fit machen für das digitale Zeitalter. Ohne drastische Kostensenkung geht das nicht.

Für die Belegschaften der Versicherungskonzerne ist das keine gute Nachricht. Ende 2014 waren 211 000 Frauen und Männer bei den Gesellschaften angestellt. Außerdem ernähren die Schaden- und Lebensversicherer zusammen mit den privaten Krankenversicherern 235 000 meist freiberufliche Versicherungsvermittler. Angestellte und Vermittler können am wenigsten dafür, dass die Vorstände hartnäckig an veralteten Geschäftsmodellen festgehalten haben. Doch werden sie jetzt die Folgen tragen müssen. Die Beschäftigtenzahlen sind ohnehin rückläufig, aber die jetzt anstehende Sparwelle wird zu einer Beschleunigung des Stellenabbaus führen.

Die Versicherungschefs sind dabei in einem Dilemma. Für die geplanten grundlegenden Veränderungen am Geschäftsmodell brauchen sie engagierte, mutige Belegschaften. Arbeitsplatzabbau sorgt aber meistens für das Gegenteil, wie der Marktführer Allianz bei seinem großen Reformprogramm von 2006 schmerzhaft erfahren musste. Den anstehenden Veränderungsprozess werden nicht alle Versicherer überleben. Es werden die gewinnen, die am besten mit dem digitalen Umbau zurechtkommen, und es dabei schaffen, ihre Belegschaften mitzunehmen.