Verlagsbranche Zäsur wegen der Gratiskultur des Internets

Es war eine rauschhafte Expansion. Doch sie galt nur für die Zeit der Druckmedien, nicht für die Ära des Digitalen. Die Gratiskultur des Internet raubte den Langenscheidts ihr Geschäftsmodell. Schritt für Schritt stießen sie ab, was erworben worden war. Nun die Zäsur bei den Unternehmensanteilen. "Die Familie Langenscheidt will nicht verkaufen", hatte Andreas Langenscheidt noch vor ein paar Jahren betont - heute gilt das nicht mehr. In einer Mitteilung heißt es verklausuliert: "Langenscheidt wird voraussichtlich ab dem Frühjahr 2013 durch das finanzielle Engagement eines strategischen Investors unterstützt."

Im Verlagsgebäude erfuhren die Mitarbeiter am Mittwochmorgen von den Veränderungen. Der Termin um zehn Uhr hatte sich zu allen durchgesprochen. Aus den Büros kamen sie geschlossen in den Veranstaltungssaal. Alle wollten hören, was die Geschäftsführung zu verkünden hat. Auch Kollegen mit Kinderwagen tauchten auf - wer konnte, unterbrach seine Elternzeit. Was sie hörten, erfreute niemanden. "Die Kollegen waren sehr erschrocken", berichtet die Betriebsratsvorsitzende Marion Siblewski. "Hier arbeiten so viele kompetente Leute - es ist schlimm, dass Kollegen gehen müssen." Der Langenscheidt-Verlag will 10 bis 15 seiner 165 Mitarbeiter entlassen. 40 gehen zum Stuttgarter Konkurrenten Klett - Langenscheidt verkauft sein Geschäftsfeld "Erwachsenenbildung und Schule".

Der Clan konnte nicht mehr mit der rasanten Entwicklung in der Buchbranche mithalten. Die Glücksmomente, die Erbe Florian in seinem Bestseller beschreibt, fehlten. Die Firmenchronik, die 2006 aus Anlass des 150-jährigen Bestehens angefertigt wurde, zeugt noch von einer Zeit des scheinbar ewigen Aufschwungs. 2005 lag der Jahresumsatz noch bei 255 Millionen Euro; heute ist man nicht mehr so auskunftsfreudig. Die Zahlen sind offenbar stark zurückgegangen. Freilich auch, weil Langenscheidt nach und nach Geschäftsbereiche verkaufte. 2009 trennte man sich von der Beteiligung am Brockhaus-Verlag Bibliographisches Institut, 2010 verkaufte man sein Logistik-Zentrum, baute 70 Stellen ab und verkündete, sich nun auf das "Kerngeschäft Sprachen und Reisen" zu konzentrieren - nur um 2011 auch die Polyglott-Reiseführer zu verkaufen.

Der digitale Wandel erfordert neue Geschäftsmodelle

Wieder ein Jahr später wollen die meisten der Familiengesellschafter den digitalen Wandel nicht mehr mitmachen. Wie andere klassische Verlage auch kämpft Langenscheidt um Erlöse. Als recht lukrativ gilt das Feld der Selbstlernkurse. Der Hoffnungsträger von Langenscheidt trägt den Namen "IQ": Das Paket soll "individualisiertes Lernen" ermöglichen. Smartphone-App, USB-Stick, Computer, klassisches Buch - das Konzept will alle Medien verknüpfen und mit einem persönlichen Online-Coaching verbinden. Die Produktmanager hoffen, damit so etwas wie den Sprachkurs 2.0 erfunden zu haben.

Zum Konzept gehört auch eine aufwendige Verpackung: Das Lernmaterial steckt in feiner Kartonage, schon das Auspacken soll Spaß machen. Offenbar hat man sich vom US-Konzern Apple inspirieren lassen, der seine Produkte stets hübsch einpackt. Aus dem Hause Langenscheidt sollen in nächster Zeit 24 Produktideen und Neuerungen auf den Markt kommen. Geschäftsführer Jan Henne De Dijn setzt auch aufs Geschäftsfeld "Kinder und Entertainment". Das klassische Langenscheidt-Wörterbuch wird es weiterhin geben - wenn auch von Frühjahr an in einem überarbeiteten Erscheinungsbild. Gestalter tüfteln an einer modernen Variante des typischen blauen L auf gelbem Grund.

Diese weltbekannte Marke ist der Schatz der Langenscheidts. "Die Leute denken, wenn es gelb ist, ist es sicherlich richtig", sagt Patron Tielebier-Langenscheidt.