Verbraucherschutz Der schwierige Weg aus dem Label-Labyrinth

Viele Kennzeichen weisen auf eingehaltene Umwelt- und Sozialstandards hin, bloß: die Unterschiede sind groß.

Von Caspar Dohmen, Köln

Lange vorbei sind die Zeiten, als Verbraucher sich beim Einkaufen nur an Preis, Qualität und Image eines Produkts orientieren konnten. Wer will, achtet heute auch auf ökologische und soziale Aspekte. 1978 hatte mit dem Blauen Engel in Deutschland ein staatliches Gütesiegel Premiere, welches gewisse Umweltstandards eines Produkts versprach. Für die Einhaltung sozialer Mindeststandards stand erstmals Fairtrade, das Sozial-Label startete 1988 in den Niederlanden. Mittlerweile gibt es eine Unmenge von Kennzeichnungen, wobei die allerwenigsten nach gesetzlichen Vorgaben erfolgen, wie beim EU-Biosiegel. Andere werden von Umwelt- und Sozial-Initiativen, der Großteil jedoch von der Wirtschaft selbst geschaffen, wie immer neue "bio"- oder "fair"-Eigenmarken zeigen, etwa bei Rewe (Pro Planet), Aldi Nord (Fair), Edeka (Ein Herz für Erzeuger) oder H&M (Conscious Collection).

Zum Schutz vor Imageschäden und zur Verhinderung staatlicher Regulierung beteiligen sich Unternehmen außerdem immer häufiger an Brancheninitiativen, die die Zertifizierung ökologischer oder sozialer Nachhaltigkeit versprechen, zum Beispiel die Better Cotton Initiative, die Ethical Trading Initiative oder die Business Social Compliance Initiative.

Dabei aber gibt es große Unterschiede. Um sie zu verdeutlichen, hat die NGO Christliche Initiative Romero (CIR) mehr als hundert Labels aus den Bereichen Umwelt und Textilien analysiert und nach den Kriterien Soziales, Ökologie und Glaubwürdigkeit bewertet. Vier Arten von Kennzeichnungen werden unterschieden: Zum einen Gütezeichen/Siegel und Eigenmarken von Unternehmen, zum anderen Unternehmensinitiativen oder sogenannte Multi-Stakeholder-Initiativen, die gemeinsam von mehreren Akteuren wie Unternehmen, Gewerkschaften oder Organisationen durchgeführt werden; sie erscheinen seltener auf Produkten als in den Nachhaltigkeitsberichten der Firmen, sind aber ebenfalls bedeutsam.

Manche Ansätze versprechen eigentlich nur Selbstverständliches wie die Einhaltung gesetzlicher Regeln. Sandra Dusch Silva, Autorin des Wegweisers durch das "Labellabyrinth", zählt dazu die Business Social Compliance Initiative BSCI, die mit 1900 Mitgliedern wie Aldi, Lidl, H&M, Edeka und C&A eine der großen Initiativen ist. Einzelne beteiligte Unternehmen legen die Messlatte für ihre eigenen Programme schon höher: Der Sozialstandard von C&A, der die Zahlung existenzsichernder Löhne fordert, wird mit "gut" bewertet. H&M erfülle soziale Mindestansprüche, weil es sich an dem Netzwerk faire Löhne beteiligt, heißt es. Dagegen werden die Sozialstandards von Aldi Nord und Aldi Süd als "unzureichend", jene von Edeka als "mangelhaft" eingestuft. Für hohe Sozialstandards stehen beispielsweise die Gepa, der Importeur fairer Waren, oder der Bekleidungshersteller Hessnatur, der 2016 beispielsweise 96 Prozent seiner Waren aus Ländern mit geringen Risiken bezog.

Eine Schlüsselrolle im Label-System haben diejenigen, die vor Ort die Einhaltung der Standards überprüfen, große Firmen wie der deutsche TÜV, die französische Bureau Veritas oder die Schweizer SGS. Trotz positiver Bewertungen sind jedoch Fabriken abgebrannt oder eingestürzt, was erhebliche Zweifel an der Wirksamkeit von Kontrollen privatwirtschaftlicher Akteure geweckt hat. Hier hapert es immer noch: Ormusa, eine der Partnerorganisationen von der auf Lateinamerika spezialisierten CIR, hat in El Salvador mit Textilarbeiterinnen über ihre Erfahrungen mit solchen Kontrollen (Audits) gesprochen: Nur zwei von 20 Arbeiterinnen berichteten von Verbesserungen der Missstände nach Kontrollen. Die Gespräche der Prüfer hätten im Beisein der Personalverantwortlichen stattgefunden, die Frauen antworteten gewöhnlich entsprechend der Vorgaben der Geschäftsleitung. Für die Frauen erschloss sich der Sinn der zwei bis drei Mal jährlich stattfindenden Kontrollen nicht.

Das "größte Manko" der Label sieht Dusch Silva in den fehlenden Wirkungsnachweisen. Kaum jemand kontrolliere, was die Ansätze eigentlich vor Ort bewirken, und nur in seltenen Fällen werde das auch öffentlich dokumentiert. Da gibt es zum Beispiel das Forum Nachhaltiger Kakao, an dem Politik, Unternehmen und soziale Organisationen beteiligt sind. Es verfolgt ein wichtiges Anliegen, die Verbesserung der Lebensbedingungen der Kakaobauern, die vor allem in Westafrika in großer Armut leben. Die Mitgliedsunternehmen des Forums wollen bis 2020 die Hälfte ihres Kakaos aus nachhaltig zertifizierter Produktion beziehen. Tatsächlich kommt man schneller voran als geplant - deswegen könnte das Ziel im Lauf dieses Jahres laut Teilnehmern sogar auf 70 Prozent erhöht werden. Selbst hundert Prozent erscheinen nicht mehr völlig unrealistisch. Aber was wäre damit für die Lebensbedingungen der Arbeiter vor Ort gewonnen? Viele zertifizierte Kakao-Bauern lebten weiter in Armut, sagt Friedel Hütz-Adams, Kakaoexperte bei der NGO Südwind. Das liege beispielsweise daran, dass Zertifizierungsansätze wie die von UTZ oder Rainforest Alliance zwar richtigerweise auf Trainings setzen, um die Produktivität der Bauern zu erhöhen. Aber den meisten Bauern fehlten die Mittel, um diese Erkenntnisse umzusetzen. Die Zertifizierung greift hier zu kurz - hier müssten die Unternehmen höhere Preise zahlen, oder Bauern müssten Kredite erhalten. Für Verbraucher bleibt es trotz aller Hilfestellungen ziemlich schwierig, sich in dem Label-Labyrinth zurechtzufinden.