Textilindustrie in Indien Sauber oder gar nicht

Kleidung für die Welt wird im indischen Tirupur produziert. Färbereien hatten dort die Umwelt stark verschmutzt.

(Foto: Dhiraj Singh/Bloomberg )

Die Flüsse in Tirupur waren bloß noch Kloaken, dann fällte ein Gericht ein spektakuläres Urteil. Seitdem wird zumindest hier sauberer gefärbt.

Von Caspar Dohmen, Tirupur

Alte und neue Betonbauten reihen sich aneinander, eine nervige Mischung aus Werbung, Dreck und hupenden Autos - Tirupur ist eine aus dem Boden gewucherte Industriestadt ohne jeglichen Charme. Es gibt in der südindischen Stadt schätzungsweise 5000 Textilbetriebe, davon 3000 mit mehr als 50 Mitarbeitern. Dort werden Garne zu Stoffen gewirkt, gefärbt, geschneidert und bedruckt. Einheimische sprechen vom T-Shirt-Mekka. In diesen Tagen sind neben den Einkäufern auch Vertreter von Textilmaschinenherstellern in der Stadt. Denn es läuft die Knit-Tech, eine große Messe für Textiltechnologie.

Das Geschäft läuft gut. Offiziell hat die Stadt etwa 450 000 Einwohner, doch inoffiziell sieht es anders aus, und ständig kommen mehr Menschen hinzu, aus ärmeren Gegenden des Landes. Denn hier gibt es die Jobs, die vielerorts in Indien fehlen. Eine Brücke führt über den Noyol, einen der beiden Flüsse der Stadt. Nach Monaten der Trockenheit ist er nur noch ein Rinnsal, dessen Ufer von Müll gesäumt sind.

Gehörig aus dem Takt geraten ist die T-Shirt-Metropole nur einmal, wegen schwerer Umweltschäden durch die Färbereien. Heute gibt es hier jedoch einige Betriebe, die sauber färben, mit modernen Technologien wie etwa Poppys Art.

Ananthraman Ganesh betreibt mit seinem Bruder die Textilfirma SAGS Apparels, mit gut 300 Angestellten. Sie verarbeiten Stoffe, die nach dem ökologischen Standard GOTs gefärbt sind, der nach Ansicht unabhängiger Experten als Best-Practice im Bereich Öko Textil gilt. Färben lassen sie bei Poppys Art, das zu einem mittelständischen Unternehmen mit rund 50 Millionen Dollar Umsatz gehört. Zu den Kunden zählen vor allem englische Firmen wie die Kaufhauskette Marks & Spencer oder der Supermarktbetreiber Tesco. Ganesh fertig für das deutsche Label Brands Fashion, die auf Arbeitsbekleidung, Merchandising und Private Label spezialisiert ist

Die Färberei ist auf drei Gebäude verteilt: In einem Labor werden die Farben gemischt und Tests durchgeführt, in der Haupthalle stehen mehr als ein Dutzend große stählern glänzende Tanks, dazwischen blaue Rollwagen mit weißen Baumwollstoffbahnen. Drei Arbeiter ziehen gerade aus einem Tank durch bullaugengroße Öffnungen schwarze Stoffbahnen, die sie dann in die Trocknungsanlage schieben, die in einer weiteren Halle untergebracht ist. Rund um die Uhr wird hier gefärbt, in drei Schichten.

Umgerechnet mehr als sieben Millionen Euro habe die Firma in die Färberei investiert, vor allem in Maschinen - auch aus Deutschland, sagt der Ingenieur Sivakumar, der die Anlage führt. "Nun können wir umweltschonend färben". Für ein Kilo Stoff benötige man beispielsweise nur ein Achtel der herkömmlichen Wassermenge. Dank der neuen Technologie braucht man aber auch nur ein Drittel der Zeit wie früher. Auf welche Art haben die Unternehmen hier in Tirupur früher gefärbt? Dazu wollen sich die Mitarbeiter bei Poppys lieber nicht äußern. Traditionell werden Stoffe auch hier in der Gegend in offenen Becken gefärbt und zum Trocknen ausgelegt.

Die Mehrheit der Unternehmen ändert freiwillig nichts an ihren Praktiken

Die Geschichte der lokalen Färbereien sagt viel aus über die Bereitschaft der Mehrheit der hiesigen Unternehmen aus, freiwillig etwas zum Guten zu verändern. Jahrzehntelang leiteten Betriebe das dunkle und stinkende Abwasser in die beiden Flüsse; das Grundwasser war verunreinigt und flussabwärts versalzten Felder, auf denen kaum noch etwas wuchs. Die Regierung des Bundesstaats Tamil Nadu, in dem 72 Millionen Menschen leben, verlangte im Laufe der Jahre immer wieder Verbesserungen, drohte den Unternehmern, schloss im Jahr 2005 einige hundert Fabriken, aber nur vorübergehend.

Bauern, die sich um ihre wirtschaftliche Existenz gebracht sahen, klagten und der Madras Court, das höchste Gericht des Bundesstaats fällte schließlich 2011 ein spektakuläres Urteil. Rund 700 Färbereien mussten ihre Produktion sofort einstellen. Bei Verstößen drohten die Behörden ihnen sogar, den Strom abzustellen. Die Produktionskette geriet aus dem Takt. Reihenweise wurden Arbeiter entlassen. Die örtliche Textilindustrie stand kurz vor dem Kollaps. Jetzt reagierte die Politik mit Anreizen für den Bau umweltfreundlicher Färbereien, wie eben Poppys Art.

Gleich neben der Fabrik befindet sich auf einem Gelände eine moderne Kläranlage. Ein dicker Strahl schwarze Brühe strömt in die Anfangsbecken, in denen Kalk zugesetzt wird, dann durchläuft das Wasser verschiedene Klärstufen. 98 Prozent des Wassers, sagt Sivakumar, flössen am Ende wieder zurück in die Produktion, der Rest bestehe zu drei Vierteln aus Salz, welches ebenfalls beim Färben wieder verwendet werden kann. In dem Kontrollraum der Kläranlage steht ein Computer. Hier würden die Daten über alle Stadien des Klärprozesses erfasst, sagt ein Mitarbeiter, der ein Glas des geklärten Wassers abzapft, das trinkbar ist. Die Daten würden an die Behörden weitergeleitet, sagt Sivakumar.

Händeringend hatten nach dem weitgehenden Färbestopp örtliche Textilfabrikanten Ersatzfärbereien gesucht. Viele Lieferungen verspäteten sich um Monate. Zum Teil wurde das Problem auch nur verlagert: Durch den Nachfrageschub seien anderorts Färbereien alter Machart entstanden, beispielsweise in der Region Delhi, berichten Unternehmer. Viele würden jetzt dort färben lassen, weil des dort billiger sei.