Studie zur Wirtschaftsspionage Wenn die Konkurrenz im eigenen Büro sitzt

Kameras, die unauffällig unter der Gürtelschnalle getragen werden und Fertigungsstraßen abfilmen. Chinesische Niederlassungen, die ein paar Kilometer weiter fast identisch nachgebaut werden. Wirtschaftsspionage verursacht Milliardenschäden bei deutschen Unternehmen - häufig sind sogar die eigenen Mitarbeiter beteiligt.

Von Annette Ramelsberger

Der Herr aus China war freundlich, und die Firma Rieder aus dem kleinen bayerischen Ort Kolbermoor zeigte ihm stolz alles, was sie hatte: ihre Fertigung, ihre Pläne, ihre Projekte. Immerhin hatte die Baufirma mit ihren gekrümmten Zementpaneelen das Soccer-City-Stadion im südafrikanischen Johannesburg verkleidet - dies war während der Fußballweltmeisterschaft 2010 ständig zu sehen. Doch noch während die Geschäftsleitung in Bayern den Gast herumführte, fiel einem Mitarbeiter auf, dass unterm Sakko des Geschäftspartners ein Kabel hervorlugte. Es führte zu einer kleinen Kamera, die er unauffällig in der Gürtelschnalle trug - und mit der er die Fertigungsstraßen abfilmte.

Was die Firma Rieder vor zwei Jahren in ungläubiges Staunen versetzte, erleben deutsche Mittelständler jeden Tag. 20 Prozent aller Unternehmer haben schon einmal Spionageangriffe der Konkurrenz erlebt, weitere 33 Prozent erleben einen Informationsabfluss aus dem Unternehmen, ohne die Spionage belegen zu können. Eines ist sicher: Der Schaden durch Spionage steigt. 2012 rechnet die deutsche Wirtschaft mit Kosten von 4,2 Milliarden Euro.

Dies geht aus einer Studie unter knapp 600 deutschen Unternehmen hervor, die die Münchner Sicherheitsfirma Corporate Trust, unterstützt vom TÜV Süd und der Internet-Sicherheitsfirma Brainloop, im Januar und Februar befragt hat (PDF-Datei hier). Die Ergebnisse: Längst wird bei der Wirtschaftsspionage nicht mehr nur China als Risikoland empfunden. Vor allem die ehemaligen GUS-Republiken sind aktiv, um wirtschaftliches Know-how zu beschaffen. Aber auch die USA sind mit Hilfe ihres Spionagenetzes Echelon weltweit immer gut im Bilde. Nicht nur was die Terrorabwehr betrifft, sondern gerade auch wenn es um Vorteile für die amerikanische Wirtschaft geht.

Die gute, alte Geheimmethode

Das erstaunlichste Ergebnis: Je dreister Spione vorgehen, desto weiter kommen sie. Dies geht so weit, dass die Wirtschaftsspione offiziell bei der Konkurrenz anfragen - als amerikanisches Research-Unternehmen getarnt, das eine Marktstudie vorbereitet. So geschehen bei einem deutschen Unternehmen in der Optoelektronik-Branche. "Die Leute haben angerufen und ganz offen nach den Entwicklungszielen der Firma gefragt, welche Kosten dafür veranschlagt werden und wie viele Leute die Firma dabei einsetzt", erzählt Christian Schaaf, der Geschäftsführer von Corporate Trust.

Erst als sich einer der angerufenen Mitarbeiter an die Geschäftsleitung wandte, weil ihm die Befragung doch ein wenig intensiv vorkam, flog auf: Die Amerikaner hatten 21 Mitarbeiter kontaktiert und versucht, sich ein Bild über die Unternehmensstrategie zu machen. Die gute, alte Geheimdienstmethode, aus vielen Informationen ein Puzzlebild zusammenzusetzen, heißt heute "Social Engineering" - durch geschicktes Ausfragen Geschäftsgeheimnisse erfahren.