Stress am Arbeitsplatz Schutzanzug für die Seele

Arbeitsministerin Nahles will mit einem Expertengremium die psychische Gesundheit am Arbeitsplatz fördern.

Von Kristiana Ludwig, Berlin

Ein Lächeln kostet nicht viel. Zehn Jahre Dauerlächeln aber vielleicht schon. Was Verkäufer, Stewardessen oder Telefonisten jeden Tag leisten, nennen Soziologen "Emotionsarbeit" - aufgesetzte Gefühle als Teil des Jobprofils. Immer mehr deutsche Arbeitnehmer erledigen solche Gefühlsarbeit. Sie steht auf einer langen Liste möglicher Stressfaktoren, die zu psychischer Erkrankung führen können, neben Überstunden, Lärm, Zeitdruck oder Ärger mit den Chefs.

Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz hat im Auftrag des Arbeitsministeriums in den vergangenen vier Jahren gründlich untersucht, wie die "psychische Gesundheit in der Arbeitswelt" verbessert werden könnte. Am Freitag hat Präsidentin Isabel Rothe die Ergebnisse präsentiert. Sie sagte, für einen zeitgemäßen Arbeitsschutz sei "eine wesentliche Erweiterung der Perspektive" wichtig, damit Betriebe sowohl psychische Gefährdungen als auch positive Arbeitsbedingungen und Vorsorgemöglichkeiten erkennen können.

Arbeitsunfähigkeit durch psychische Erkrankungen hat in den vergangenen Jahren drastisch zugenommen. Im Vergleich zum Jahr 2002 waren deutsche Arbeitnehmer 2015 insgesamt 96 Millionen Tage zusätzlich krank geschrieben. Der Anstieg von Krankheitstagen aufgrund psychischer Probleme lag bei mehr als 50 Prozent.

"Fast jede zweite Frühverrentung ist die Folge seelischen Leidens", sagte Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD). Sie hat nun ein Expertengremium eröffnet, in dem Fachleute des Ministeriums, der Arbeitsschutzanstalt, der Wirtschaftsverbände und des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB) über Strategien zur Reduzierung von seelischen Belastungen diskutieren sollen. In einer gemeinsamen Erklärung gelobten alle Parteien, künftig psychische Krankheiten "ebenso ernst zu nehmen wie physische Belastungen". Ihr gemeinsames Ziel sei es, dass alle Betriebe und Behörden Gefährdungsbeurteilungen schreiben müssen. Die seelischen Faktoren sollen hier künftig einfließen. Wie genau, das soll Nahles' runder Tisch bis Ende 2018 erarbeiten. Die Experten wollen dazu Behördenvertreter, Fachleute verschiedener Unternehmensbranchen und Wissenschaftler anhören.

DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach tritt für eine "Anti-Stress-Verordnung" ein. Alexander Gunkel von der Bundesvereinigung Deutscher Arbeitgeberverbände sagte dagegen: "Die psychischen Erkrankungen haben nicht zugenommen, sie werden nur öfter diagnostiziert." Arbeit habe für viele Menschen auch eine positive Wirkung auf die seelische Gesundheit. "Dennoch kann es bei ungünstiger Gestaltung zu "Fehlbelastungen" kommen, sagte Gunkel.

Andrea Nahles warnte: "Durch die Digitalisierung können sich Risiken für psychische Erkrankungen weiter verstärken." Die Arbeitsministerin forderte deshalb eine "Arbeitsschutzstrategie 4.0" - einen "Schutzanzug für die Seele".