Strategiewechsel bei Europas größtem Medienkonzern Bertelsmann erwägt Börsengang

Jahrelang tat der Bertelsmann-Konzern alles, um der Börse fernzubleiben, nahm dafür sogar Milliardenschulden auf. Jetzt verordnet Vorstandschef Thomas Rabe dem Unternehmen einen Strategiewechsel und erklärt einen Börsengang zur Option, um Geld für den Wachstumskurs zu beschaffen. Die Eigentümerfamilie Mohn soll die Kontrolle aber behalten - dank eines Kniffs.

Eigentlich ist es nur eine Änderung der Rechtsform: Thomas Rabe, neuer Vorstandschef von Bertelsmann hat angekündigt, Europas größten Medienkonzern Ende Juni von einer Aktiengesellschaft in eine Europäische Aktiengesellschaft (SE) und eine Kommanditgesellschaft auf Aktien (KGaA) umzuwandeln.

Was sich nach einer Spitzfindigkeit anhört, die bestenfalls Wirtschaftsjuristen interessiert, ist tatsächlich ein grundlegender Kurswechsel, den Rabe, der erst seit Anfang des Jahres an der Konzernspitze steht, mit diesem Schritt einleitet: Der neue Chef will Bertelsmann für einen möglichen Börsengang vorbereiten.

Der Grund ist einfach: Das Unternehmen muss seinen finanziellen Spielraum erweitern. In den kommenden fünf bis zehn Jahren will sich der Medienkonzern deutlich internationaler ausrichten und neue Wachstumsfelder erschließen. "Vorrangiges Ziel ist es, das Unternehmen wachstumsstärker, digitaler und internationaler aufzustellen", sagte Rabe. Das geht nur mit frischem Kapital - und das besorgt sich ein Konzern am leichtesten über die Börse.

Noch vor kurzem hatte Bertelsmann alles getan, um dem Aktienmarkt fernzubleiben: Als 2006 der belgische Investor Albert Frère ankündigte, seinen damaligen 25-Prozent-Anteil an dem Konzern an die Börse bringen zu wollen, schritt die Eigentümerfamilie Mohn ein: Für 4,5 Milliarden Euro kaufte sie Frère die Anteile ab. Der Konzern musste sich dafür hoch verschulden - und in den folgenden Jahren immer wieder Geschäftsfelder verkaufen, um Geld zum Schuldenabbau aufzutreiben. Europas führender Medienkonzern mit der TV-Sendergruppe RTL Group, dem Buchverlag Random House, der Dienstleistungssparte Arvato und der Mehrheit am Zeitschriftenverlag Gruner+Jahr (Stern, Brigitte, Financial Times Deutschland) blieb damit ein Familienunternehmen. Die Kontrolle behielten die Mohns.

Nun jedoch erklärt der neue Konzernchef Rabe einen Börsengang zu einer denkbaren Option für die Kapitalbeschaffung. Denn er sieht großen Bedarf für Investitionen. Gerade erst angetreten, muss Rabe einen spürbaren Gewinnrückgang verkünden: Das Konzernergebnis verringerte sich 2011 um 6,7 Prozent auf 612 Millionen Euro. Der Umsatz lag mit 15,3 Milliarden Euro nahezu auf Vorjahresniveau. Ausschlaggebend für den Rückgang des Konzernergebnisses waren nach Angaben des Managers vor allem Restrukturierungskosten und Wertberichtigungen im Druckbereich, bei der Herstellung von CDs und DVDs sowie im Direktmarketing, die zu Belastungen in dreistelliger Millionenhöhe führten.

Und die Bilanz, die Bertelsmann an diesem Mittwoch veröffentlicht hat, unterstreicht eines der Hauptprobleme des Konzerns: die große Abhängigkeit vom Fernsehgeschäft. Von insgesamt 1,75 Milliarden Euro operativem Gewinn entfielen 2011 rund 1,1 Milliarden Euro auf die RTL Group. Die übrigen Sparten kamen zusammen nur auf gut 750 Millionen Euro operativen Gewinn.

Familie Mohn behält die Kontrolle

Rabe verordnet dem Traditionsunternehmen nun einen Strategiewechsel. Bisher mache das Medienunternehmen 80 Prozent des Umsatzes in Europa, "einer Region, die auch längerfristig nicht stark wachsen wird". Der neue Chef sieht vor allem China, Indien und Südamerika als Wachstumsregionen. Zugleich stecke großes Potential in digitalen Angeboten wie E-Books und Videoplattformen. Auch das Musikrechte-Management und das Dienstleistergeschäft sollen im Fokus der Wachstumsstrategie stehen.

Ein Börsengang würde den Einfluss der Eigentümer mindern - theoretisch. Denn dafür hat sich Bertelsmann einen Kniff überlegt: Die Doppelkonstruktion aus einer Europäischen Aktiengesellschaft (SE) und einer Kommanditgesellschaft auf Aktien (KGaA). Die Europäische Aktiengesellschaft SE bleibe in der Hand der Eignerfamilie Mohn, während Bertelsmann auf Ebene der KGaA frisches Geld aufnehmen könnte, teilte der Vorstandschef mit.

Vorbild für diese Konstruktion sind der Kosmetikhersteller Henkel und das Pharmaunternehmen Merck, deren Vorstandschefs interessanterweise beide im Aufsichtsrat von Bertelsmann sitzen.