Steigende Lebensmittelpreise Wie die USA und Europa die afrikanischen Bauern ausgestochen haben

Landwirte werden zu Energiewirten, die von Strompreissubventionen profitieren - und weniger Nahrungsmittel anbauen. In der Industrie wächst der Bedarf an nachwachsenden Rohstoffen, um Kunststoffe, Textilien oder Medizin herzustellen.

Die Trockenheit im Mittleren Westen der USA hat die Preise für Agrarprodukte noch einmal verteuert. Mais und andere Getreide sind seit Juni um 50 Prozent teurer geworden. US-Präsident Obama besucht hier die von der Dürre betroffene Farm der Familie McIntosh in Missouri Valley, Iowa.

(Foto: REUTERS)

Das lukrative Geschäft mit Feldfrüchten lockt zudem Spekulanten an, die gefährliche Kursschwankungen bei Grundnahrungsmitteln zwar nicht auslösen, aber erheblich verstärken. Deutlich abzulesen ist dies an den Handelsumsätzen, die sich etwa bei Weizen in den vergangenen zehn Jahren vervierfacht haben.

Die Rekorde bei Agrarrohstoffen treiben die Preise für Brot, Fleisch und andere Lebensmittel in die Höhe. Das werden auch die Verbraucher in Deutschland über kurz oder lang zu spüren bekommen, wenn auch nicht in dem Ausmaß wie die Menschen in ärmeren Ländern. Sie müssen jetzt schon den größten Teil ihres Einkommens für Lebensmittel aufwenden, während die Deutschen im Schnitt nur etwa zwölf Prozent für Essen ausgeben.

Besonders verheerend wirken sich die hohen Preise auf Entwicklungsländer aus. "Kamerun, Kenia und der Senegal beispielsweise sind seit den siebziger, achtziger Jahren schrittweise immer mehr von Getreideimporten aus den USA und Europa abhängig geworden", sagt Francisco Mari, Agrarexperte beim Evangelischen Entwicklungsdienst in Bonn. "Früher haben die dort ansässigen Bauern Hirse oder Sorghum angebaut, aus denen man beispielsweise Fladen backen konnte."

Kenia und Senegal müssen 60 Prozent ihres Getreidebedarfs importieren

Doch dann hätten die USA und Europa begonnen, ihren billigen, hochsubventionierten Weizen nach Afrika zu liefern. "Zu Preisen, mit denen die heimischen Bauern einfach nicht mithalten konnten", sagt Mari. Mit der Zeit hätten die Menschen - vor allem die, die in den Städten wohnen - ihre Ernährungsgewohnheiten verändert. "Auf einmal war der Hirsefladen nicht mehr gefragt, stattdessen begann man, Weißbrot und Baguette zu essen." Die heimischen Bauern wurden ihre Ernte nicht mehr los. "Auf Weizen umstellen konnten sie auch nicht, weil der in dem Klima nicht so gut gedeiht." Und so gaben immer mehr Bauern den Anbau auf. "Mittlerweile müssen Kenia und Senegal bis zu 60 Prozent ihres Getreidebedarfs importieren", sagt Mari.

Dass in diesen Ländern trotz der extrem hohen Weltmarktpreise noch keine Hungersnot ausgebrochen ist, liege allein an staatlichen Eingriffen. So hätten manche Länder die Einfuhrzölle gesenkt, die sie normalerweise auf Getreideimporte erheben. "Und in Senegal beispielsweise hat die Regierung einen Höchstpreis für Brot festgesetzt", sagt Mari. Teurer dürften die Bäcker ihre Ware nicht verkaufen. "Damit die Bäcker nicht ihrerseits Verluste machen, weil sie ja das Mehl teuer einkaufen müssen, wurde die Mehrwertsteuer gestrichen, die normalerweise anfällt, wenn Bäcker bei Mühlen kaufen." Doch wie lange solche Maßnahmen noch wirkten, sei offen. "Wenn die Ernten in Russland und Kasachstan auch noch schlecht ausfallen sollten, wird es kritisch."

Der Agrarexperte hofft, dass die Entwicklungsländer "endlich die Chance erkennen, die in der jetzigen Entwicklung steckt". Denn die hohen Preise würden den Anbau von Getreide im eigenen Land wieder attraktiv machen. "Kleinbauern können solche hohen Weltmarktpreise nutzen, um wieder von der Landwirtschaft zu leben", sagt der Fachmann. Es sei daher höchste Zeit, dass die Entwicklungsländer ihre heimische Landwirtschaft reaktivierten. "Da ist über Jahrzehnte hin so viel vernachlässigt worden. Die Fruchtbarkeit der Böden muss aufgebaut werden. Die Landwirte brauchen Beratung und Unterstützung, damit sie ihre Sorten verbessern können." Nur so könnten sie der verhängnisvollen Abhängigkeit entkommen.