Steigende Lebensmittelpreise Warnung vor dem großen Hunger

Spekulanten haben dazu beigetragen, dass seit Juni Mais und andere Getreide um 50 Prozent teurer wurden. Das werden auch die deutschen Verbraucher zu spüren bekommen. Die Dürre in USA und die ausufernde Biosprit-Produktion gefährden die weltweite Lebensmittelversorgung.

Von Daniela Kuhr und Silvia Liebrich

Die Bilder ähneln sich in diesen Tagen. Auf den Feldern Iowas geht der Mais zugrunde, in Indien und der Ukraine verkümmert der Weizen. Dürren wie diese sind Zeichen für einen Klimawandel, der Niederschläge unberechenbarer und den Anbau von Nahrungsmitteln schwieriger macht. Sie sind möglicherweise auch Vorbote einer neuen Hungerkrise, die schlimmer ausfallen könnte als die von 2007/2008.

Die Hungerrevolten in einigen Entwicklungsländern sind nicht vergessen. Die Warnungen der Vereinten Nationen, von Hilfsorganisationen und Agrarexperten werden deshalb eindringlicher. "Die neuesten Ernteaussichten lassen das Schlimmste befürchten: Der Welt droht die dritte Preiskrise für Nahrungsmittel binnen nur fünf Jahren", sagt etwa Ralf Südhoff, Leiter des UN World Food Programme (WFP) in Deutschland. Frankreich und die USA drängen die G-20-Staaten zu einem Krisengipfel.

Die Preisentwicklung an den Rohstoffmärkten macht deutlich, dass die Angst begründet ist. Mais und Getreide haben sich seit Juni um 50 Prozent verteuert. Soja, das wichtigste Futter in der Tiermast, kostet so viel wie nie zuvor. Die Reaktion an den Weltmärkten auf die Ernteausfälle ist vor allem deshalb so heftig, weil die weltweiten Vorratslager fast leer sind. Die Daten der Welternährungsorganisation FAO zeigen, dass in den vergangenen Jahren mehr Getreide verbraucht als produziert wurde.

Grenzen der Landwirtschaft

Unerwartet kommt die nächste Hungerkrise deshalb nicht - und die Krisen werden sich häufen, warnt Südhoff. Denn die landwirtschaftliche Produktion wächst seit einigen Jahren im Schnitt nur noch um 1,7 Prozent pro Jahr. Das ist auf lange Sicht zu wenig, um den Hunger einer wachsenden Weltbevölkerung zu stillen, rechnet die FAO vor.

2050 werden zwei Milliarden Menschen mehr auf dem Globus leben als heute, so die Schätzung. Hinzu kommt, dass sich die Ernährungsgewohnheiten in den Schwellenländern ändern. Mehr Wohlstand bedeutet, dass mehr Fleisch verzehrt wird und der Futterbedarf steigt.

Zwar sehen Agrarexperten großes Potenzial, mithilfe effizienterer Anbaumethoden mehr Nahrungsmittel zu produzieren. Doch selbst wenn das gelingt, wird die Landwirtschaft an Grenzen stoßen. Unter dem Strich gehen die Anbauflächen weltweit zurück. Felder müssen dem Städtebau weichen oder werden aufgegeben, weil etwa das Klima zu trocken wird. Damit wächst der Druck, auf den Flächen, die dafür geeignet sind, den Ertrag zu optimieren.

Was dort wächst, kommt nicht nur auf den Teller oder in den Futtertrog, sondern dient zunehmend der Energiegewinnung. Nicht nur in den USA, wo 40 Prozent der Maismenge zu Biosprit verarbeitet werden, wird deshalb Kritik laut. Auch in Deutschland regt sich Widerstand gegen die Energiepolitik der Bundesregierung. Immerhin ein Drittel der deutschen Maisernte landet inzwischen in Biogasanlagen, wie das Bundesagrarministerium einräumt. Tendenz steigend.