Die Wirtschaftssysteme auf beiden Seiten des Atlantiks setzen unterschiedliche Akzente - sie sind sich aber ähnlicher, als vielfach behauptet.
Finanzkrise, Wirtschaftskrise? Sind die Amis dran schuld, ist doch klar.
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Die amerikanische Variante des Kapitalismus rutscht eher in die Krise, kommt aber vermutlich auch schneller wieder heraus. (© Foto: AFP)
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Die meisten Dinge sind auf den ersten Blick sehr einfach. Die kleine Anleitung in Sachen Krise für den Stammtisch zum Jahreswechsel würde dann so lauten: Der Turbo- oder Casino-Kapitalismus, wie er bekanntlich in Amerika zu Hause ist, hat die Welt an den Rand des Abgrunds gebracht, war ja auch nicht anders zu erwarten. Immer nur Money, money, money, das kann eben nicht funktionieren, und es funktioniert auch nicht. Soweit so gut.
Nicht gut allerdings, dass die Folgen dieser Katastrophe wir Europäer, ach was: wir Deutsche zu tragen haben. Erst stürzen die Freunde jenseits des Atlantiks die Welt in die größte Krise seit Jahrzehnten, und dann sollen wir auch noch die Rettung bezahlen. Und das, obwohl doch wir das bessere Wirtschaftssystem haben: die eben soziale und nicht nackte Marktwirtschaft.
Fehlende Haftungsregeln und mangelhafte Kapitalmarktkontrolle
Je mehr und je schneller wir uns also von den USA abkoppeln, desto besser. - Ein bisschen weniger platt formuliert, findet sich dieses Denken in vielen Köpfen und in noch mehr Politiker-Manuskripten. Wenn die Welt nur so einfach wäre...
Auf den zweiten Blick nimmt sich die Sache ohnehin komplizierter aus. Weder finden sich in Deutschland und in den Vereinigten Staaten von Amerika zwei wirklich unterschiedliche Wirtschaftssysteme, noch sind die Europäer derart einseitig ökonomische Geiseln der Amerikaner, wie mitunter behauptet wird.
Richtig ist, dass die Finanzkrise ihren Ausgang in den USA genommen hat: von der notorischen Überschuldung des Landes auf Kosten der restlichen Welt über die faulen Kredite an unvermögende Häuslebauer bis zu den wahnwitzigen Verbriefungen von Risiken, begünstigt durch fehlende Haftungsregeln und mangelhafte Kapitalmarktkontrolle.
Falsch wäre es jedoch, die Krise im Wesentlichen auf idealtypisch unterschiedliche Wirtschaftssysteme zurückzuführen.
Zwar werden gerne gegensätzliche Begriffspaare gebildet: soziale Marktwirtschaft versus Turbokapitalismus oder rheinischer Kapitalismus versus anglo-amerikanischer Kapitalismus. Aber sind die Systeme wirklich so unterschiedlich? Kapitalismus herrscht hier wie dort, insofern man darunter eine Wirtschaftsordnung versteht, die auf Privateigentum auch an Produktionsmitteln und auf dezentraler Planung beruht, unterlegt mit einer "kapitalistischen Gesinnung" aus Erwerbsstreben, Rationalität und Individualismus.
Wettbewerb muss gewährleistet sein
Eine eindeutige Definition für den Kapitalismus gibt es nicht, zumal der Begriff seinerzeit ausgerechnet von Kritikern des Systems, Karl Marx und Friedrich Engels, in die deutsche Sprache eingeführt worden ist.
Der Kapitalismus als Marktwirtschaft setzt darauf, dass die Lenkung der wirtschaftlichen Prozesse über den Preis koordiniert wird: Es regieren Angebot und Nachfrage. Das weiß man seit den ökonomischen Klassikern, deren Erkenntnisse sich zu Zeiten der Industrialisierung und des aufstrebenden Bürgertums in deutschen Landen ebenso verbreiteten wie in den Gründerstaaten in Amerika.
Wenn dieser Markt funktionieren soll, muss Wettbewerb gewährleistet sein - auch dies ist diesseits des Atlantiks nicht anders als jenseits. Das amerikanische Kartellrecht ist mindestens so scharf wie das deutsche. Die beispielgebende Zerschlagung großer Monopolisten (Öl, Telefon) fand Anfang des 20. Jahrhunderts nicht in Deutschland, sondern in den USA statt, während Deutschland die regelgeleitete Marktwirtschaft erst nach 1945 mühsam lernte.
Dass die USA die lange Zeit beherrschende Weltwirtschaftsmacht waren und in einiger Hinsicht immer noch sind, hat vor allem mit der schieren Größe des Landes zu tun, den Chancen des einheitlichen Wirtschaftsraums mit einheitlicher, gar weltweit beachteter Währung und Sprache - und weniger mit den jeweiligen Wirtschaftssystemen.
Lesen Sie auf der zweiten Seite, wie sich das deutsche und das amerikanische Wirtschaftssystem ergänzen.
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Berliner Zeitung
Lieber Herr Beise,
daß Deutschland und die USA im gleichen System leben und allenfalls graduelle Unterschiede bestehen, sehe ich auch so wie Sie.
Aber ansonsten habe Ihren Artikel (wie üblich) nicht nachvollziehen können.
Sie schreiben z.B.: "In Deutschland schützen die Sozialsysteme vor dem Absturz."
Inwiefern ist Hartz IV kein Absturz?
Sie schreiben: "Der Kündigungsschutz sichert den Job."
Seit wann denn das? Das Kündigungsschutzgesetz regelt doch lediglich die Sozialauswahl und Abfindungen. Betriebsbedingte Kündigungen sind leicht konstruierbar und in Deutschland problemlos möglich. Wie viele Arbeitgeber können Sie nennen, denen betriebsbedingte Kündigungen unmöglich waren?
Sie schreiben: "Der Staat sorgt für Bildung"
Ja, aber was für Bildung und für wen zugänglich? In Deutschlands Bildungssystem bildet sich die Klassengesellschaft ab. Studiengebühren schrecken Kinder von Geringverdienern ab. Nur 1% aller Studenten kommen nicht vom Gymnasium. Und was ist mit den Inhalten? Was nutzt kurzzeitig eingetrichtertes Faktenwissen? Wo bliebt die Persönlichkeitsbildung?
Sie fordern noch mehr Hire an Fire.
Für wen - ausser für die Profite der Arbeitgeber - soll das ein erstrebenswertes Ziel sein? Wie sollen Arbeitnehmer die Gründung einer Familie riskieren können, wenn sie morgen rausgeschmissen werden können?
Denken Sie mal darüber nach und antworten Sie bitte in Ihren nächsten Artikeln...
Einerseits stimmt die oberflächliche Analyse von Herrn Beise. Aber die Mentalität der Maßlosigkeit, des Großmachens von Dingen ohne Substanz, des Bauens von Papphäusern, die bei Wind umkippen ist amerikanisch. Die schwäbischen Spießer werden ausgelacht, aber am Ende behalten sie meist ihr Vermögen. In Amerika ist die calvinistische Segnung des Reichen ein geistig-moralisches Problem...