Samstagsessay Die Verweigerung

Kassen, die man nicht erreicht. Ärzte mit Papierkalender - das Gesundheitssystem ist von gestern. Höchste Zeit, das zu ändern.

Von Guido Bohsem

Wie wäre das? Man wacht in der Nacht auf und fühlt sich mies. Halsschmerzen könnten einen plagen oder Bauchschmerzen, Fieber oder ein Hautausschlag. Nicht schlimm genug, um den Notarzt zu rufen, aber dennoch besorgniserregend. Ist es schlimm? Um die Frage zu klären, greift der Kranke zu seinem Smartphone und tippt in die App seiner Krankenkasse die Symptome ein; er kann sie auch aufsprechen. Das Programm antwortet prompt und stellt ihm eine erste Diagnose zur Verfügung nebst einigen allgemeinen Ratschlägen, was zu tun ist. Es bietet dem Versicherten zudem die Möglichkeit an, jetzt gleich von einem Arzt angerufen zu werden. Kostenlos. Der Doc arbeitet für den Versicherer auf Honorarbasis und ruft ins virtuelle Behandlungszimmer. Den Hautausschlag etwa schaut er sich auf einem hochgeladenen Foto an. Alternativ spuckt die App eine Liste von Ärzten aus, die in der Nähe des Versicherten arbeiten und sich auf die wahrscheinliche Erkrankung des Versicherten spezialisiert haben. Und sie bietet an, einen Termin bei einem dieser Ärzte zu organisieren, möglichst am nächsten Tag.

Zukunftsmusik? Nein. In New York City bietet eine Krankenversicherung namens Oscar genau solche Dienstleistungen mit Erfolg an. Und nicht nur dort. Inzwischen ist das Unternehmen auch in Kalifornien, New Jersey und Texas tätig. Weitere Märkte sollen erschlossen werden. Im vergangenen Herbst hat Google 32,5 Millionen Dollar in Oscar investiert. Die New York Times glaubt, das Unternehmen könne schaffen, was Spotify in der Musikindustrie, Air BnB im Hotelgewerbe und Uber im Taxigeschäft gelungen ist. Oscar könnte die Regeln des Krankenversicherungsmarktes aufreißen und die traditionellen Geschäftsmodelle brechen. In den USA.

In Deutschland liegen die Dinge anders. Zwar gibt es erste Pläne, eine Killeranwendung wie Oscar auch hierzulande einzuführen. Doch die beschränken sich auf den Bereich der privaten Krankenversicherung. In der viel wichtigeren gesetzlichen Krankenversicherung werden solche Ideen zwar diskutiert, sind aber weit von einer Umsetzung entfernt.

Mit dem E-Health-Gesetz versucht die große Koalition zwar, den Spielern im System auf die Sprünge zu helfen. Doch das System ist zäh. Angesichts der Erfahrungen mit der elektronischen Gesundheitskarte ist eine gehörige Portion Skepsis angesagt. Zu lange schon haben es die Verbände der Kassen, Ärzte, Kliniken, Apotheker und Zahnärzte geschafft, sich gegenseitig zu blockieren und sich den Wünschen des Gesetzgebers zu entziehen. Mit dem Erfolg, dass das deutsche Gesundheitssystem in punkto Digitalisierung in einen gewaltigen Rückstand geraten ist, nicht nur im Vergleich zu den USA, auch im Vergleich zu vielen anderen europäischen Staaten.

Aus Sicht des Verbrauchers entwickelt sich das verkarstete und verrechtlichte Gesundheitswesen immer mehr zu einer Parallelwelt. Außerhalb des Systems erleben sie ein Dienstleistungsangebot, das - von der digitalen Entwicklung getrieben - immer neue Maßstäbe in Sachen Kundenbetreuung setzt. Einkaufserlebnisse, wie sie zum Beispiel Amazon oder andere Online-Händler bieten, gelten dem Verbraucher inzwischen als Standard. Er ist es längst gewohnt, dass rigoros auf seine Bedürfnisse eingegangen wird und ein unablässiger Wettbewerb darum tobt, seine Wünsche noch zielgerichteter zu erfüllen.

Illustration: Lisa Bucher

Kassen, die man nicht erreicht. Ärzte mit Papierkalender. Eine verschrobene Welt

Bei den Krankenkassen ist davon allenfalls in Ansätzen etwas zu spüren. Sie sind vom modernen Standard einer Kundenbetreuung meilenweit entfernt. Wer in der jüngsten Zeit einmal versucht hat, Kontakt zu seiner Krankenkasse zu bekommen, kann davon ein Lied singen. Auf E-Mails gibt es keine Rückmeldungen, Hotlines sind überlastet und eine gezielte Betreuung im Krankheitsfall erhält man nur im Einzelfall. Doch sind es beileibe nicht nur die Kassen, die hinterherhinken. Die Zahl der ärztlichen Anbieter von Telesprechstunden kann man an der Hand abzählen. Elektronische Terminvergaben bei niedergelassenen Ärzten sind immer noch die Ausnahme. Für den Krankenhausbereich trifft das genauso zu, weil auch dort die allermeisten Ärzte noch einen Papierkalender führen, wie Helios-Chef Francesco De Meo kürzlich feststellte.

Schlimmer noch: Nur etwa die Hälfte der Maßnahmen in den deutschen Kliniken werden elektronisch erfasst. Auch Berichte aus der Normal- und zum Teil auch der Intensivstation werden auf Papier erfasst und erst später eingescannt. Wer aus der Klinik entlassen wird, kann sich nur in Ausnahmefällen darauf verlassen, dass seine Unterlagen digital an den Arzt der Wahl übermittelt werden. Schließlich wird der dringend erwünschte Medikamentenplan für Patienten, die drei oder mehr Pillen schlucken müssen, erst mal auf Papier ausgestellt. Die Gesundheitskarte ist noch nicht fertig. Eine elektronische Patientenakte soll laut Gesetz kommen. Doch ob auch der Patient darauf einen direkten Zugriff haben wird, steht zu bezweifeln. Den aber bräuchte er, um wirklich Herr über seine Gesundheitsdaten zu sein.

Nein, das deutsche Gesundheitssystem erfüllt die Ansprüche des modernen Verbrauchers längst nicht mehr. Der Abstand zur digitalen Vielfalt außerhalb wächst beinahe stündlich. Der mit den neuesten Produkten ausgerüstete Patient 2.0 erlebt Anbieter, die den Schritt in die Digitalisierung seit Jahren planen, aber ihn niemals tun.

Das ist ein Problem und es wird größer. Wer als freiwillig Versicherter 350 Euro und mehr im Monat an Beiträgen zahlt, will mehr als eine gute medizinische Versorgung. Die setzt er für ein Land wie die Bundesrepublik voraus. Er will auch behandelt werden, wie er das bei Amazon und anderen gewohnt ist. Immer weniger Kunden werden sich damit abspeisen lassen , dass ihr Gesundheitssystem für viel Geld schlechten Service bietet. Und mehr noch. Es wird beim Versicherten den Gedanken aufkommen lassen, das System zocke ihn in Wahrheit ab.

Dabei sind die Digitalisierung und das Gesundheitssystem offenkundig wie füreinander geschaffen. Der digitale Gesundheitsmarkt explodiert geradezu. Geschätzt wird, dass er sich bis 2020 nahezu vervierfacht, von derzeit 61 Milliarden Dollar auf mehr als 230 Milliarden Dollar. Schon jetzt gibt es mehr als 65 000 Gesundheits- und Fitness-Apps, 41 000 davon widmen sich dem engeren Thema Medizin. Etwa ein Drittel der Bundesbürger, Tendenz steigend, messen regelmäßig ihre Vitaldaten, über das Smartphone oder spezielle Armbänder, die sogenannten Fitness-Tracker. Das meiste davon findet wohlgemerkt außerhalb des Systems der gesetzlichen Krankenversicherung statt.

Drei Thesen

Die Technik: Bereit für umfassende Vernetzungen

Die Kunden: Würden vom digitalen Zeitalter profitieren

Die Kassen: Verheddern sich im Zwang zum Kompromiss

So entsteht die ungewöhnliche Situation, dass der Gesundheitsmarkt zwar exponentiell wächst, aber die Hauptdarsteller das Mitspielen verweigern. Dafür gibt es zwei entscheidende Gründe. Der erste liegt in der Organisation des Gesundheitssystems, der zweite im verqueren Umgang der Deutschen mit dem Datenschutz.

Die meisten Umbrüche im Zuge der Digitalisierung wurden von kleinen Firmen ausgelöst, die eine Lücke zwischen den Riesen einer Branche und ihren Kunden entdecken. Mit einem besseren Service und einem besseren Verständnis für die Bedürfnisse der Kunden gelingt es ihnen Zug um Zug, Marktanteile zu gewinnen. Manche Riesen reagieren und ändern sich, andere gehen pleite. So läuft es gewöhnlich. Doch im deutschen Gesundheitssystem ist diese Entwicklung nicht möglich, weil die Hürden für einen neuen Anbieter einfach zu hoch sind. Eine gesetzliche Krankenkasse ist hierzulande eine Körperschaft des öffentlichen Rechts, was sie vor externem Wettbewerb schützt. Ein Unternehmen, das nicht öffentlich-rechtlich legitimiert ist, wie zum Beispiel Oscar, könnte erst gar nicht in den Markt eindringen.

Innerhalb des Systems sind Absprachen und Regelungen zudem von einem enormen Zwang zum Kompromiss geprägt. Die meisten Dinge können nur im Rahmen der Selbstverwaltung durchgesetzt werden - das heißt in endlosen Verhandlungen unter den Funktionären der Kassen, Ärzteschaft und Kliniken. Das Tempo bestimmt dabei immer derjenige, der am wenigsten verändern möchte. Dynamik wird nicht belohnt. Ein "First-mover", also ein Teilnehmer, der die Gunst der Stunde nutzen will und voranprescht, ist in diesem Geflecht undenkbar.

Mit dem eHealth-Gesetz versucht die Politik, das System zu drehen. Schwer genug

Wenn es um die Verwendung ihrer Daten geht, haben die Deutschen angesichts ihrer Geschichte guten Grund, skeptisch zu sein. Deshalb und weil es sich mitunter um sehr intime Daten handelt, müssen Gesundheitsdaten ausreichend geschützt werden, das ist legitim. Und doch darf die Sorge vor einem Missbrauch nicht dazu führen, den Fortschritt im Gesundheitssystem zu behindern. Auch wenn es schwer fällt, weil Ängste im Spiel sind und diese Irrationalitäten auslösen: Nötig wäre eine rationale Abwägung von Risiko des Datenmissbrauchs und dem Nutzen der Datenverwertung.

Doch diese wird speziell von den Akteuren des Gesundheitssystems zu selten getroffen. Allzu häufig dient ihnen der Hinweis auf den Datenschutz nur dazu, unliebsame Entwicklungen zu verhindern. Sie ängstigen Patienten und Versicherte, obwohl diese womöglich direkte Nutznießer der Entwicklung wären. Bei der elektronischen Gesundheitsakte wird zum Beispiel eine ernsthafte Betrachtung der hohen Sicherheitsstandards gar nicht ernsthaft vorgenommen. Auch die offensichtlichen Effizienzgewinne durch bessere Vernetzung und Transparenz zählen in der Debatte nur wenig. Das ist schade, denn die Versicherten und Patienten sind - siehe oben - der neuen digitalen Welt ja grundsätzlich aufgeschlossen.

Es bleibt also die Politik. Tatsächlich muss sie stärker und strenger in die Selbstverwaltung eingreifen und den digitalen Wettbewerb befördern, als sie das in der Vergangenheit getan hat. Das E-Health-Gesetz kann dabei aber nur ein Anfang sein. Wenn sich die Vorzüge der Digitalisierung nicht bald sichtbar im Gesundheitssystem Bahn brechen, werden Versicherte und Patienten sie einfordern und letztlich auch erzwingen, in direkter Auseinandersetzung mit der Kasse, mit den Ärzten, den Kliniken und den Apotheken. Das deutsche Gesundheitssystem sähe dann sehr schnell ziemlich alt aus.