Integration von Flüchtlingen Arbeit gefunden, trotzdem abgeschoben

Asylbewerber bei einem Workshop zur Berufsorientierung bei der Bahn

(Foto: picture alliance / Martin Schutt)

In vielen Firmen ist aus "dem Asylbewerber", den sie vor Monaten eingestellt haben, längst "unser Flüchtling" geworden. Aber auch die beste Integration schützt nicht vor Abschiebung.

Von Lea Hampel, Pfaffenhofen a. d. Ilm

19 Mandeln liegen unterhalb des Armaturenbretts. Jeden Tag, an dem Christian Gasteiger seinen Mitarbeiter in den vergangenen Wochen nach Hause fuhr, hat der die Kerne geknabbert und seinem Chef welche angeboten. Gasteiger isst nicht gern Mandeln pur. Aber er findet, es gehöre sich, sie zumindest anzunehmen. Ohnehin hat er einiges gelernt in Sachen Geben und Nehmen in den vergangenen Monaten. Landwirt Gasteiger, 34, hat im November 2016 einen Asylbewerber in seinem Familienunternehmen angestellt, bezahlt ihm mehr als den Mindestlohn, gerade wollte er mit dem Bau einer Dienstwohnung beginnen. Da kam vor drei Wochen der Brief vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf): Asylantrag abgelehnt, der Mitarbeiter müsse binnen 30 Tagen das Land verlassen, Gründe gegen eine Abschiebung liegen nicht vor.

Seitdem ist Gasteiger, grundsätzlich friedlich, etwas weniger gelassen. Bis zum Schreiben dachte er, das, was er tue, sei der Inbegriff dessen, was sich die Politik von der Wirtschaft für die Integration wünscht. Jetzt sagt er: "Gesunder Menschenverstand und Asylrecht passen einfach nicht zusammen."

Seit Anfang des Jahres steigt die Zahl der abgelehnten Asylbescheide. 32 403 Menschen allein aus Afghanistan wurden bis Ende April benachrichtigt, dass sie das Land verlassen sollen. Dass jetzt viele Menschen, die in Lohn und Brot stehen und in der Gesellschaft angekommen sind, gehen sollen, ärgert nicht nur die Betroffenen, sondern auch ihre Arbeitgeber. Und es könnte fatale Folgen für das Großprojekt Integration in den Arbeitsmarkt haben.

Auch Gasteiger war zunächst skeptisch, einen Asylbewerber einzustellen

Als 2015 die Zahl der Flüchtlinge stark stieg, halfen nicht nur viele Privatpersonen. Auch Unternehmen wollten einen Beitrag leisten und hegten zudem die Hoffnung, die Ankommenden könnten die Lücken im Arbeitsmarkt füllen. Große Firmen wie die Deutsche Post oder Sixt boten Sprachkurse und Förderprogramme an. Und kleine und mittelständische Betriebe, bei denen der Personalmangel besonders ausgeprägt ist, hängten sich persönlich rein: Mitarbeiter paukten Vokabeln mit Kollegen, Chefs suchten Wohnungen. Vor allem in Bayern und Baden-Württemberg paarten sich unternehmerischer Pragmatismus und christliche Grundhaltung.

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Auch bei Christian Gasteiger war es eine Mischung aus Not und Nächstenliebe. In seinem Familienbetrieb in Pfaffenhofen fallen von Staplerfahren bis Hofkehren viele Arbeiten an. Doch es war schwer, jemanden dafür zu finden. Im November 2016 stellte eine Asylhelferin einen Schützling vor, Gasteiger war zunächst skeptisch, "aber das Thema hat mich beschäftigt, drum hab ich es gewagt".

In vielen Firmen wurde aus "dem Asylbewerber" "unser Flüchtling"

Dem Landwirt und anderen war klar: Einfach wird das nicht. Mindestens 20 Prozent der Ankommenden galten als traumatisiert, konnten kaum Deutsch. Oft war unklar, was sie können, es fehlten Papiere wie der Führerschein, hinzu kam Bürokratie - das kostet Zeit und Nerven. "Als Unternehmer sind Sie schließlich kein Asylrechtsexperte, sondern wollen jemandem aus humanitären und wirtschaftlichen Gründen eine Chance geben", sagt Hubert Schöffmann von der Bayerischen Industrie- und Handelskammer.

Auch bei Gasteigers Mitarbeiter war es kompliziert: Eigentlich hätte er einen Staplerschein gebraucht, den konnte er nicht machen, weil er sich nicht ausweisen kann. Seine Unterkunft ist ein Stück vom Firmengelände entfernt. Morgens gibt es eine Fahrgemeinschaft, abends bringt Gasteiger ihn nach Hause. Dass er und andere Unternehmer das in Kauf genommen haben, hat bis heute einen Grund: positive Erfahrungen. Der neue Kollege, erzählt Gasteiger, sei so zuverlässig, dass er zur Arbeit trampe, wenn die Fahrgemeinschaft ausfällt. "Und sobald nichts zu tun ist, schnappt er sich den Besen." Solche Erfahrungen gibt es oft: Bäcker, die Lehrlinge gefunden haben, Wirte, die Spüler beschäftigten. So wurde an vielen Orten aus "dem Asylbewerber" in wenigen Monaten "unser Flüchtling".

Funktioniert hat das auch, weil lange das Prinzip "zugedrücktes Auge" galt: Weil die Behörden auf die vielen Zuwanderer nicht vorbereitet waren, hat es gedauert, bis Anträge bearbeitet wurden. Solange zählte der Primat der Praxis: Hatte ein Zugewanderter ein Angebot und einen willigen Arbeitgeber, konnte es schnell gehen mit der Arbeitsgenehmigung, oft reichte ein Anruf. Landauf, landab haben Menschen begonnen, zu arbeiten, sich Wohnungen zu suchen, kurz: ein Leben aufzubauen - fast unabhängig von Begriffen wie "Bleiberechtsperspektive" und "subsidiärem Schutzstatus".