Wenn dann der Käufer einer Zeitung noch viel Fremdkapital einsetzt, ließe sich trotz wenig rosiger Wachstumsaussichten der Branche ein Traumgewinn erzielen, glaubten die Chefs solcher Beteiligungsfirmen wie Mecom. Es müsse ja nur gelingen, über eine neue Organisation, mehr Geschmeidigkeit gegenüber Werbekunden zu erzielen und über das große Kostensparen den Gewinn zu steigern. Dann könnte am Ende ein solches Objekt im Verbund mit anderen Blättern wieder mit einem großen Aufschlag verkauft werden.

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Dieses Modell ist gescheitert. Es bleibt nur das Lehrbeispiel zurück, wie man es nicht macht. Montgomery und seine Helfer ließen keinen Zweifel daran, dass die interne Rendite schnell gesteigert werden sollte; die neun Millionen Euro, die das Blatt 2005 erwirtschaftet hatte, reichten der Korona des Kapitals nicht. Aus 14 Prozent Rendite sollten 18 Prozent werden, wie aus der Redaktion zu hören war - was auch nur ein Zwischenwert sein sollte.

Die Finanzbranche hatte sich - bis die Kreditkrise in den USA aufbrach - nun einmal an Größen zwischen 20 Prozent und 30 Prozent gewöhnt. Dass Montgomery bei seinen Plänen auch nicht vor plumpen Methoden zurückschreckt, wurde klar, als er den zuvor bei der Hamburger Morgenpost durch kaufmännische Taten aufgefallenen Boulevardjournalisten Josef Depenbrock zum Chefredakteur und Geschäftsführer machte.

Der Mann wurde sowohl für Journalismus als auch für das Geschäft verantwortlich - also für redaktionelle Unabhängigkeit und kaufmännische Abhängigkeit gleichermaßen. "Der Newsroom soll näher an das Anzeigengeschäft rücken", gab Montgomery als Strategie aus.

Die Trennung von Werbung und Redaktion ist ein eisernes Prinzip der Branche, das jahrhundertelang in Großbritannien genauso gegolten hat, selbst wenn es in der Praxis hier und da von schwächeren Zeitungen unterlaufen wurde.

Notausgabe nach Protest-Aktion

Die Redaktion protestierte, sie streikte sogar, und an einem Tag erschien die Berliner Zeitung mit einer Notausgabe. Auch sahen die Journalisten ihr eigenes Redaktionsstatut verletzt, das eine Trennung von Redaktion und Geschäft vorsieht, und klagten (erfolglos) vor Gericht.

Der Berliner Fall beweist, wie schnell man eine Zeitung ruinieren kann, und wie der Zwang zum Geld dem Verlust an Geist entspricht. Immer wieder war im Berliner Verlag von Streichungen im Budget die Rede, von Stellenstreichungen oder Papiereinschränkungen, aber auch von hochtrabenden Plänen, Redaktion und Werbung besser zu planen. Und man wollte Print und Online zusammenzuführen. Der einstige Herausgeber Böhme hatte orakelt: "Ob die Freunde noch zu retten sind und ob das ein Beispielfall für andere ist, wer weiß."

Die Antwort, die der beim britischen Boulevardblatt The Sun als Journalist ausgebildete Montgomery auf dem Markt gab, ist inzwischen klar: Zu retten war die Berliner Zeitung bei Montgomery nicht mehr, und ein Beispielfall ist das Desaster par excellence.

Seine ersten Mitfinanziers von der Investmentfirma Veronis Suhler Stevenson (VSS) hatten noch verkündet, die eigene Strategie sei "buy and build" - der Berliner Verlag sei "die Plattform, um organisch zu wachsen und am Ende, in fünf bis zehn Jahrem, dem Markt "ein Schmuckstück von einem Unternehmen zurückzugeben".

Schmuckstück? Talmi vielleicht.

Schon früh zeichnete sich ab, dass die Erwartungen des David Montgomery, bei der Konsolidierung der europäischen Zeitungen zur wichtigen Größe zu werden, nicht eintreffen werden. Seine selbstgewählte Rolle als "Retter" oder "Sanierer", die in Wirklichkeit die eines Ausschlachters oder bestenfalls eines publizistischen Gebrauchtwagenhändlers ist, implizierte, hier könne einer einen Beitrag zur Neustrukturierung einer alten Branche leisten, die sich radikal anpassen und ändern muss.

Am Ende bleibt eine andere schlichte Erkenntnis: Dass sich im Globalisierungs-Kapitalismusrausch schon viele Hasardeure verzockt haben, dass es aber nirgendwo so schädlich ist wie bei einem, der mehr als 100 Zeitungen in sechs Ländern zusammengerafft hat. An vielen Stellen in Montgomerys Mecom-Reich, beispielsweise in Norwegen oder in den Niederlanden, hatten sich bald ähnliche Probleme wie in Berlin gezeigt.

Da bleibt jetzt vielen nur die Hoffnung, dass sich wie in Berlin ein richtiger Verleger finden möge.

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(sueddeutsche.de/mel)