Pipers Welt Frankreich verstehen

Die Deutschen sollten ihren Nachbarn schon im eigenen Interesse dabei helfen, ihre Krise zu überwinden. Dabei ist es nützlich zu wissen, warum man in Paris so fundamental anders über Wirtschaft denkt als in Berlin.

Von Nikolaus Piper

Auf dem Höhepunkt der Finanzkrise im September 2008, als der amerikanische Staat handstreichartig die Herrschaft über die trudelnde Wall Street übernahm, entfuhr es einem Banker: "Da schläft du abends in Amerika ein und wachst am anderen Morgen in Frankreich auf." Der Mann sagte damit viel über die Stimmung damals, mehr aber noch über das miserable Image, das die französische Wirtschaft im Ausland hat. Frankreich - das ist Sozialismus im schlechtesten Sinne: Der Staat mischt sich in alles ein und versaut dabei das meiste, weshalb es dem Land heute so schlecht geht.

Auch Wolfgang Schäuble äußerte sich schon mal abfällig über Frankreichs Wirtschaft und ihren Mangel an Reformfähigkeit. Er hat es nicht gesagt, aber gedacht haben dürfte er schon: Warum sind die Franzosen nicht wie wir, mit Agenda 2010 und schwarzer Null im Haushalt? Umgekehrt sagt Emmanuel Macron, Deutschland müsse einsehen, "dass seine wirtschaftliche Stärke in der jetzigen Ausprägung nicht tragbar ist". Sollte Macron, was alle hoffen, die Wahl am Sonntag gewinnen und französischer Präsident werden, dürften die deutsch-französischen Wirtschaftsbeziehungen ein zentrales Thema werden.

Das größte Problem dabei ist nicht einfach, dass man in Paris das, was Schäuble sagt und macht, für gefährlichen Unsinn hält. Frankreichs Eliten denken ökonomisch grundsätzlich anders als die deutschen. Frankreich ist zentralistisch, Deutschland föderalistisch. Paris glaubt an große Projekte des Staates, in Deutschland misstraut man ihnen. Es ist sicher auch kein Zufall, dass die globalisierungskritische Organisation Attac 1998 von trotzkistischen Intellektuellen rund um die Zeitung Le Monde Diplomatique gegründet wurde. Der französische Staat verwaltet 56,3 Prozent der Wirtschaftsleistung, der deutsche 44,4 Prozent. Deutschland steht für Haushaltsdisziplin und für die strengen Regeln des Euro. Frankreich für einen laxen Umgang mit Schulden.

Das Spannende daran ist, dass es diese Unterschiede im ökonomischen Denken nicht immer gab. Im Gegenteil: Vor dem Zweiten Weltkrieg war Frankreich der Hort finanzpolitischer Orthodoxie in Europa, während es die Deutschen mit Schulden und Inflation nicht so genau nahmen. Wie selbstverständlich es früher war, Frankreich als Musterbeispiel für Stabilität und Deutschland als das Gegenteil davon zu sehen, zeigt sehr anschaulich der österreichische Ökonom Fritz Machlup in seinem "Führer durch die Krisenpolitik" von 1934. Darin heißt es: "Die Schrecken der Inflation sind den verschiedenen Völkern nicht im gleichen Maße bewusst. Das Volk in Österreich und in Frankreich scheint aus seinen Erfahrungen einen tiefen Abscheu vor der Inflation behalten zu haben. In manchen Kreisen in Deutschland scheint es weniger der Fall zu sein ..."

Der Euro kam, aber zu deutschen Konditionen. Für Frankreich hieß das Rückkehr zur Sparpolitik

Warum das so war und warum es sich änderte, beschreiben die Princeton-Professoren Markus Brunnermeier und Harold James sowie Jean-Pierre Landau von der Pariser Uni Sciences Po in ihrem Buch "The Euro und the Battle of Ideas" (Princeton 2016): Es war das Trauma der durch das Papiergeld ("Assignaten") der Französischen Revolution ausgelösten Inflation, das Frankreichs Bürgertum die Stabilität zu lieben lehrte. Dazu gehörte auch eine gehörige Portion Staatsskepsis. "Der Staat ist die große Fiktion, nach der sich jedermann bemüht, auf Kosten jedermanns zu leben," schrieb der Liberale Claude Frédéric Bastiat 1848. Das Denken in Deutschland prägten dagegen der Freihandelskritiker Friedrich List und die "Kathedersozialisten", die an eine stetig steigende Rolle des Staates in der Wirtschaft glaubten. Mancher Franzose hielt die Deutschen schlicht für unzuverlässig. "Die Deutschen haben nicht wie wir einen Sinn für den permanenten und absoluten Wert eines Vertrages," meinte der Ökonom François Perroux 1934.

Alles änderte sich mit dem Zweiten Weltkrieg. Die Gründerväter der sozialen Wirtschaft verordneten der Bundesrepublik stabilen Geldwert, Wettbewerb und Haushaltsdisziplin, sie näherten sich also dem, was in Frankreich vor dem Krieg galt. Dort jedoch zogen die Politiker den gegenteiligen Schluss. Vor dem Krieg hatte sich ihr Staat als zu schwach erwiesen. Austerité, also Sparpolitik, habe die rechtzeitige Aufrüstung angesichts der Bedrohung durch Nazideutschland verhindert. Das war auch deshalb plausibel, weil der frühere Ministerpräsident Pierre Laval, der die Sparpolitik zu verantworten hatte, nach 1940 einer der schlimmsten Kollaborateure mit den Deutschen gewesen war.

Das Ergebnis des Umdenkens in Frankreich hieß planification. In Paris entstand 1946 ein Commissariat général du Plan (Planungsamt). Dessen Chef, Jean Monnet, legte einen Plan zum massiven Ausbau der französischen Stahlindustrie vor. Dem folgte der Plan von Außenminister Robert Schuman zur gemeinsamen Verwaltung der deutschen und französischen Kohle- und Stahlindustrie. Das Projekt der europäischen Einigung begann also aus französischer Sicht mit einem ordentlichen Stück Planwirtschaft.

Die Dramatik der heutigen Situation wird vor diesem Hintergrund deutlicher. Französische Politiker von Jacques Delors bis François Mitterrand wollten immer eine europäische Währung, auch aus Angst vor der Dominanz Deutschlands. Der Euro kam, aber zu deutschen Konditionen, was für Frankreich eine Rückkehr zur Austerité bedeutete. Das Ergebnis ist aus französischer Sicht verheerend. Seit 1998, dem letzten Jahr vor der Euro-Einführung, ist das Defizit im Handel mit Deutschland von 8,6 Milliarden auf 35,7 Milliarden Euro gestiegen. Frankreich leidet, und der Euro ist schuld. Das Argument mag falsch sein, aber Deutschland wird sich im wohlverstandenen Eigeninteresse mit ihm auseinandersetzen müssen.

An dieser Stelle schreiben jeden Freitag Franziska Augstein und Nikolaus Piper im Wechsel.