Pipers Welt Fidel Castros Geschenk

1980 kamen 125000 gering qualifizierte Flüchtlinge aus Kuba nach Miami. Auf die Löhne Einheimischer hat sich das nicht negativ ausgewirkt.

Von Nikolaus Piper

Nehmen die Flüchtlinge uns die Arbeitsplätze weg? Werden Flüchtlingswellen "als neue Möglichkeit der Lohndrückerei missbraucht", wie Oskar Lafontaine dies 2015 einmal ausdrückte? Die alte Frage, wie sich Einwanderung auf den Arbeitsmarkt des Ziellandes auswirkt, ist in diesen Tagen hochpolitisch, vor allem seit der Wahl Donald Trumps, der zu dem Thema ähnliche Ansichten hat wie Lafontaine. Brisant ist dabei, dass wissenschaftliche Antworten meist kompliziert sind, was den großen Vereinfachern das Geschäft erleichtert. "Einwanderer lösen unser Facharbeiter-Problem" (egal wie sie ausgebildet sind), sagen die einen. "Einwanderer treiben einheimische Arbeiter in die Armut" (auch wenn sie Jobs erledigen, für die sich keine Einheimischen finden, zum Beispiel Spargelstechen), sagen die anderen. Und alle, die sich nicht sicher sind, schweigen, weil sie nicht Beifall von der falschen Seite bekommen wollen.

In diesem Klima ist nun eine alte akademische Debatte unter Migrationsforschern wiederaufgelebt: die Sache mit dem "Mariel Boatlift ". Die Geschichte beginnt im April 1980. Damals steckte Kuba - wieder einmal - in einer schweren Krise. Immer mehr Kubaner wollten die Segnungen des Sozialismus in Richtung Vereinigte Staaten verlassen, einige hatten damit begonnen, Schiffe zu entführen, um ihre Flucht zu erzwingen. In der Situation beschloss Diktator Fidel Castro, Dampf aus dem Kessel zu lassen. Er erlaubte 125 000 Kubanern legal auszureisen; einzige Voraussetzung: Sie mussten dies über den Hafen von Mariel im Nordwesten Kubas tun. Das Regime behielt so eine gewisse Kontrolle über die Massenflucht und schmuggelte bei der Gelegenheit gleich noch ein paar Kriminelle unter die Flüchtlinge.

Die Ursachen der Mariel-Flucht - Misswirtschaft und Unfreiheit - waren bedrückend, die Umstände dramatisch - aber für Arbeitsökonomen waren die Ereignisse des Jahres 1980 ein Geschenk. Weil der Zustrom der Flüchtlinge so plötzlich kam, konnten sie in Florida wie in einem Labor untersuchen, wie die Einwanderung einer bestimmten Gruppe auf den Arbeitsmarkt des Aufnahmelandes wirkt. Die meisten Flüchtlinge waren gering qualifiziert, etwa 60 Prozent hatten keinen Abschluss, der dem einer amerikanischen Highschool entsprochen hätte, nur zehn Prozent hatten ein College besucht. Allein in Miami, der Hauptstadt der Exil-Kubaner, stieg dadurch das Angebot an gering qualifizierten Arbeitskräften auf einen Schlag um 55 000. Intuitiv würden die meisten Ökonomen vermuten, dass so ein Angebotsschock einen Verdrängungswettbewerb mit sinkenden Löhnen auslöst.

Umso erstaunter war die Fachöffentlichkeit, als David Card, ein angesehener Arbeitsökonom, der heute an der Universität Berkeley lehrt, 1990 in einer Studie herausfand, dass negative Folgen der Mariel-Fluchtwelle auf die Löhne alteingesessener Arbeiter nicht feststellbar waren. Der flexible Arbeitsmarkt von Miami absorbierte den Angebotsschock in kürzester Zeit. Ein Grund dafür, so meinte der Ökonom, könnte die Tatsache sein, dass Miami in den 20 Jahren zuvor mehrere große Einwandererwellen erlebt hatte und entsprechend darauf eingestellt war.

Cards Studie hatte großen politischen Einfluss. Ihre Ergebnisse sprachen erstens für eine liberale Einwanderungspolitik und zweitens für einen wenig regulierten Arbeitsmarkt. 2006 wurde der Ökonom mit dem prestigeträchtigen Preis des Bonner Instituts Zukunft der Arbeit (IZA) ausgezeichnet.

Es ist riskant, wenn man sich zu früh einredet, alles sei in Ordnung

Es dauerte 26 Jahre, ehe jemand die Arbeit von David Card infrage stellte. David Borjas, Ökonom von der Harvard University, veröffentlichte 2016 ein Papier, das den Ergebnissen Cards widerspricht. Borjas hatte einen persönlichen Bezug zu dem Thema: Er war 1950 in Havanna geboren worden und im Alter von zwölf Jahren mit seinen Eltern in die USA ausgewandert. Heute ist er einer der bekanntesten Arbeitsökonomen des Landes und wurde 2011 ebenfalls mit dem IZA-Preis ausgezeichnet. Borjas kritisierte an Card, dass dieser nicht genau genug gemessen habe. Die Fluchtwelle habe sehr wohl negative Folgen auf den Arbeitsmarkt von Miami gehabt, und zwar für highschool dropouts, also für Arbeiter ohne Schulabschluss. Deren Löhne seien in der Folge von Mariel um zehn bis 30 Prozent gesunken. Man muss immer genau hinsehen, so der Ökonom: Wie qualifiziert sind die Einwanderer im Verhältnis zu den einheimischen Arbeitern (im Fall von Miami hatte ein Viertel der Alteingesessenen keinen Highschool-Abschluss). Es zeige sich, "dass selbst die sehr kursorische Neubewertung alter Daten anhand neuer Ideen Trends zutage fördern kann, die auf radikale Weise das ändern, was wir zu wissen glaubten".

Borjas Papier löste nun seinerseits heftigen Widerspruch aus: Zu kleine Stichproben, bemängelten die Kritiker und warfen ihm im Übrigen statistische Fehlgriffe vor, die für Nicht-Arbeitsökonomen nur schwer zu bewerten sind. Die Tatsache, dass Trump Borjas Ergebnisse im Wahlkampf zitierte und als Argument für seine Politik des "America first" nutzte, hat der Debatte auch nicht unbedingt gutgetan.

Inzwischen erlebt Europa Flüchtlingsströme, im Vergleich zu denen sich der Mariel Boatlift wie ein Schulausflug ausmacht. In vielem lässt sich die Zuwanderung von einer Million Menschen 2015 nach Deutschland nicht mit der Lage in Miami 1980 vergleichen. Mindestlohn und Tarifverträge sorgen hierzulande dafür, dass Lohndruck, wenn überhaupt, dann nur über den Schwarzmarkt stattfinden kann. Viele Asylsuchende dürfen noch gar nicht arbeiten. Trotzdem kann Deutschland etwas aus der Card/Borjas-Debatte lernen: Es ist riskant, wenn man sich zu früh einredet, alles sei bestens und es gebe keine Probleme.

An dieser Stelle schreiben jeden Freitag Franziska Augstein und Nikolaus Piper im Wechsel.