Paul A. Samuelson ist tot Der Ökonom des Jahrhunderts

Er verband Neoklassik mit Keynesianismus und erhielt den Wirtschaftsnobelpreis: Zum Tode des großen Ökonomen Paul A. Samuelson.

Von Nikolaus Piper

Es gab eine Zeit, da hatte jeder Student der Wirtschaftswissenschaften ein blaues Buch in seinem Regal stehen: den "Samuelson". Die "Einführung in die Volkswirtschaftslehre" von Paul A. Samuelson erschien erstmals 1948. Heute ist das Werk über 1000 Seiten dick und erscheint immer noch. Zwar ist der Samuelson längst nicht mehr das unumstrittene Standardwerk; es gibt inzwischen modernere, aktuellere und populärere Einführungen in das Fach. Aber allein die Tatsache, dass das Buch über 60 Jahre in immer neuen Auflagen auf den Markt bringt, zeigt die Bedeutung des Autors: Paul Samuelson war einer der einflussreichsten Ökonomen des 20. Jahrhunderts. Und selbst vieles, was Laien über die Wirtschaftswissenschaft wissen, ist auf die eine oder andere Weise von Samuelson beeinflusst.

Wie alle Wissenschaftler seiner Generation war Paul Samuelson durch das Drama der Weltwirtschaftskrise geprägt. Geboren wurde er 1915 als Sohn eines Drogisten in Gary (Bundesstaat Indiana), unweit von Chicago. Im Alter von noch nicht einmal 17 Jahren schrieb er sich 1932 als Ökonomiestudent an der Universität Chicago ein. Die Fakultät dort war damals, so wie sie es heute noch ist, vom neoklassischen marktwirtschaftlichen Denken geprägt.

Aber die Neoklassik hatte auf die Probleme der Großen Depression keine Antwort, fand Samuelson. In seiner Heimat Gary, einer durch die Stahlindustrie geprägten Stadt, schlossen die Fabriken, unter den Arbeitern und ihren Familien verbreitete sich Massenelend. Zudem erlebten die USA eine Bankenkrise ohne Beispiel. "Zu diesem Problem hatte Chicago nichts zu sagen. In Indiana gingen die meisten Banken pleite - und nicht nur die schlechten. Was nutzte es da, auf perfekte mikroökonomische Bedingungen zu beharren?"

Samuelson wechselte an die Harvard-Universität in Cambridge, wo er sein Studium abschloss. In Harvard lehrten damals die Stars der Zunft: der Österreicher Joseph Schumpeter zum Beispiel, der mit seiner Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung die Lehre verändert hatte. Oder der mathematische Ökonom und spätere Nobelpreisträger Wassily Leontief und vor allem Alvin Hansen, der die Ideen des Briten John Maynard Keynes in den Vereinigten Staaten populär machte. Im Jahr 1940 nahm er einen Ruf an das benachbarte Massachusetts Institute of Technology (MIT) an, wo er bis zu seiner Emeritierung lehrte. Einer der Gründe dafür war, dass es in Harvard damals immer noch antijüdische Ressentiments gab, am MIT dagegen nicht.

Schon in seiner Dissertation von 1941 versuchte sich Samuelson an einer mathematischen Fundierung der Ökonomie. Sie baute er nach dem Krieg zu dem Buch "Foundations of Economic Analysis" aus. Und aus den Foundations wurde schließlich "Economics". Samuelson gelang es, die herkömmliche Neoklassik und den Keynesianismus zu einer "neoklassischen Synthese" zu verbinden und beide durch ein konsistentes mathematisches System zu unterlegen: Auf der einen Seite der Gedanke des Marktgleichgewichts, auf der anderen Seite die Analyse von Marktunvollkommenheiten, die das Eingreifen des Staates notwendig machen.

Ein greiser Globalisierungskritiker

"Dieses Lehrbuch ist im sozialwissenschaftlichen Bereich ein einmaliges Ereignis," so der Ökonom Carl Christian von Weizsäcker, der Samuelson als Student kennen gelernt hatte. "Samuelson verstand damit, als Mann der jungen Generation, die Breitenwirkung eines ganzen Faches innerhalb ganz kurzer Zeitperiode massiv zu verändern."

Mit vielen Einzelveröffentlichungen beeinflusste Samuelson den Gang der Wissenschaft. Besonders wichtig waren seine Beiträge zur Außenhandelstheorie: Er formulierte als erster das Theorem, wonach Handel dazu führt, dass die zuvor knappen Produktionsfaktoren an Einkommen verlieren. Wenn China und die USA den gegenseitigen Handel öffnen, steigt der Wohlstand zwar insgesamt. Die amerikanischen Arbeiter verlieren jedoch, weil sie jetzt mit den chinesischen konkurrieren müssen, während das amerikanische Kapital gewinnt, weil es in China Einsatzmöglichkeiten findet.

Im hohen Alter von 90 Jahren sorgte Samuelson noch einmal für Aufsehen, in dem er diese Überlegungen im Lichte der modernen Globalisierung modifizierte: Wenn im Zuge des Freihandels in China die Produktivität der Industrie schnell steigt, dann kann es sein, dass die Wohlstandsgewinne des Freihandels verloren gehen. Samuelson empfahl, das Tempo der Globalisierung durch politische Eingriffe zu drosseln. Diese Aussage war insofern brisant, weil sie 2004 kurz vor einer Präsidentenwahl in den USA kam.

Von Friedman überflügelt

Im Jahre 1970 wurde Paul Samuelson als erster Amerikaner mit dem damals gerade neu geschaffenen Wirtschaftsnobelpreis ausgezeichnet. In seiner Würdigung schrieb das Nobel-Komitee in Stockholm: Samuelson habe, mehr als jeder andere Ökonom der Gegenwart, das analytische und methodische Niveau der Wirtschaftswissenschaften weiterentwickelt: "Tatsache ist, dass er große Teile der Wirtschaftstheorie umgeschrieben hat." Es war der Höhepunkt seiner Karriere - und der Beginn einer Phase, in dem sein Einfluss langsam geringer wurde. Mit den Wirtschaftsproblemen der siebziger Jahren verloren Keynesianismus und neoklassische Synthese.

Die Ideen des Monetarismus, der Angebotspolitik und die Theorie rationaler Erwartungen wurden modern. Das Zentrum der Neuerungen wurde Samuelsons alte Universität Chicago. Samuelson diente zwar immer noch der Demokratischen Partei als Berater, wichtiger wurden jedoch Ökonomen die Friedrich A. von Hayek und vor allem Milton Friedmann aus Chicago. Hayek griff Samuelson wegen dessen wohlfahrtstheoretischen Überlegungen an, Friedman glaubte, dass Samuelson die falschen Schlüsse aus der Weltwirtschaftskrise zog.

Dabei blieben Samuelson und Friedman immer Freunde. "Die Tatsache, dass er und ich, trotz unserer politischen Meinungsverschiedenheiten und unserer theoretischen Differenzen, über 40 Jahre lang gute Freunde blieben, sagt viel über uns aus, noch mehr, so wage ich zu behaupten, über die politische Ökonomie als Wissenschaft," sagte er.

Bereits 1938 hatte Samuelson seine Kommilitonin Marion Crawford geheiratet, mit der er sechs Kinder hatte. Sie erlag 1978 im Alter von 62 Jahren einem Krebsleiden. Samuelson hinterlässt seine zweite Frau Risha Eckaus, sechs Kinder und 15 Enkelkinder. Einer seiner Neffen ist Larry Summers, der Wirtschaftsberater von Präsident Barack Obama. An diesem Sonntag ist Paul Samuelson in seinem Haus in Belmont (Massachusetts) im Alter von 94 Jahren gestorben.