Pannen bei Flughafen Berlin Brandenburg Verzögerung bringt Firmen in Not

Sie haben Omnibusse gekauft, Kleidung ins Lager geräumt und Mitarbeiter eingestellt: Die Verzögerung beim Bau des neuen Berliner Flughafens wirbelt die Pläne dutzender Firmen durcheinander. Zwar hat Berlins Bürgermeister Klaus Wowereit Hilfe versprochen - viele Unternehmen fürchten aber um ihre Existenz.

Von Constanze von Bullion, Caspar Busse, Jens Flottau, Michael Kuntz. Frederik Obermaier und Steffen Uhlmann

Die einen haben sich eine Busflotte zugelegt, andere Mitarbeiter eingestellt, manche einen festen Job gekündigt, um am Berliner Großflughafen (Kürzel: BER) neu anzufangen. Nun ist die Zukunft erst mal vertagt - auf März 2013. Für einige der rund 150 Firmen, die im Terminal eine Filiale oder ein Restaurant eröffnen wollten, könnte das teuer werden, manche fürchten um ihre Existenz. Flughafen-Aufsichtsratschef Klaus Wowereit hat in einer Regierungserklärung versprochen: "Wir werden alles unternehmen, um eine Schadensminimierung zu erreichen."

Auch jenseits rechtlicher Ansprüche werde man Gewerbetreibenden mit "Härtefallregelungen" helfen. Gemeint sind da vor allem: kleine Firmen. Bei großen Ketten hingegen dürften die Flughafengesellschaft geneigt sein, sich aufs Juristische zurückzuziehen. 18 Monate lang haben die Firmen keinen Anspruch auf Entschädigung, so steht es in ihren Verträgen. Sie sind verpflichtet, darauf weist die Politik immer lauter hin, ihrerseits die Schäden möglichst gering zu halten. Wer auf Hilfe hoffen kann und wer klagen wird, ist offen.

Auf Verschleiß gefahren

Dienstagvormittag kurz vor elf Uhr. Die Lufthansa-Maschine aus München landet fast eine halbe Stunde verspätet in Berlin-Tegel. Für die kleine Entladungscrew des Bodenverkehrsdienstleisters Globe Ground wird es jetzt stressig. Die Rampe am Bauch des Flugzeugs wird positioniert. Dann hinein in den Laderaum, um die Gepäckstücke in Windeseile herauszuhieven. Viel Handarbeit, ein Knochenjob. Die Reisenden für den Rückflug warten schon. Gott sei Dank haben die meisten von ihnen nur Handgepäck - es ist ein Inlandflug. Bis zu acht Tonnen Gewicht, das sind im Durchschnitt etwa 200 Koffer pro Maschine, bewegen die Globe-Männer pro Schicht. Demnächst wird es noch enger, weil Tegel mehr Flüge abfertigen muss. Abstellplätze fehlen, es gibt zu wenig Kofferbänder, sie sind noch dazu stark reparaturbedürftig. Globe-Ground-Geschäftsführer Bernhard Alvensleben macht daraus auch keinen Hehl. Die Technik sei in den vergangenen Jahren nur noch wenig gewartet worden, sagt er. Wegen der anstehenden Eröffnung des neuen Flughafens sei in Tegel alles auf Verschleiß gefahren worden.

Besser eine Stunde früher

Flugkapitän Thomas Kärger rät allen Reisenden, die über Tegel weg wollen, möglichst frühzeitig zum Flughafen zu kommen: "Am besten eine Stunde früher als sonst." Denn nicht nur die Technik sei alt, es fehle offensichtlich auch an Personal. Zudem habe er den Eindruck, dass viele Mitarbeiter der Bodenabfertigung wenig motiviert seien. Sie fühlten sich oft, so Kärger, "schlecht behandelt und schlecht bezahlt". Die Flughafengesellschaft geht davon aus, dass sie bei Nutzung "aller irgend möglichen Restkapazitäten" den eigentlich für BER vorgesehenen Flugplan in Tegel und Schönefeld (alt) bewältigen kann. Auch der Globe-Ground-Chef glaubt das. "Wir sind zwar von der Terminverschiebung total überrascht worden und müssen nun komplett umplanen", sagt Alvensleben. Aber ein "Chaos" werde es nicht geben.

Verdrängungswettbewerb

Lufthansa-Vorstand Carsten Spohr will sich auf Wowereits Zusage verlassen, dass seine Airline auch in Tegel die für den neuen Flughafen geplanten Flüge durchführen kann. Die Sache hat allerdings einen Haken: Das klappt nur, wenn andere Fluggesellschaften für ein paar Monate nach Schönefeld ausweichen. "Einfach on top wird das nicht gehen", sagt Spohr. Dafür sei Tegel "einfach zu klein". Konflikte sind vorprogrammiert. Viele wollen nicht umziehen. Air Baltic, Air France und einige andere Airlines haben dem Flughafen bereits klar zu verstehen gegeben, dass sie nicht nach Schönefeld gehen werden. Ein Branchenkenner verweist zudem darauf, dass es nicht einer gewissen Logik entbehren würde, wenn Lufthansa selbst nach Schönefeld ausweichen würde. Immerhin ist dort bereits die Billigflug-Tochter Germanwings aktiv, die Streckennetze sollen sowieso besser harmonisiert werden. Lufthansa lehnt aber so einen Schritt ab und besteht auf Tegel. Air Berlin rechnet gleichzeitig fest mit einem Ersatz der Mehrkosten durch die Verzögerungen. "Wir gehen nach wie vor nicht davon aus, dass es hier finanzielle Nachteile für Air Berlin geben wird und geben kann", sagt Firmenchef Hartmut Mehdorn.