Opel: Guttenberg entzaubert Ein Wachhund, der in der Hütte bleiben muss

Opel und das Kirchhof-Dilemma: Warum Wirtschaftsminister Guttenberg kein Shootingstar mehr ist. Der Enkel Erhards geriet ins Abseits.

Von Thomas Öchsner, Berlin

Als in der Nacht zum Samstag, 20 Minuten nach Zwei, die Bundesregierung endlich den Durchbruch bei der Rettung von Opel verkündet, steht Bundeswirtschaftsminister Karl Theodor zu Guttenberg nur in der zweite Reihe.

Vor ihm dürfen Finanzminister Peer Steinbrück (SPD ) und Hessens Ministerpräsident Roland Koch (CDU) reden, hinter ihnen schaut der Neuling im Kabinett in den Nachthimmel: mal verkniffen, mal vielsagend lächelnd. Ein paar Minuten später, als der junge Konservative endlich an die Mikrophone darf, sagt er einen Satz, der für einen Moment das Wort "Rücktritt" durch die Köpfe der Journalisten schwirren lässt.

"Es ist eine schwierige Risikoabwägung gewesen, und eine, die mich zu einem anderen Schluss gebracht hat", sagt Guttenberg. Doch dann schiebt er schnell hinterher: "In der Gesamtschau können wir es genemeinsam tragen."

Es hat in Deutschland wohl kaum einen Politiker gegeben, der in so kurzer Zeit in höchste Regierungsämter aufgestiegen und so schnell populär geworden ist. Der Wirtschaftsflügel der Union, Arbeitgeber- und Industrieverbände feierten den Wirtschaftsminister als ihren Berliner Shootingstar: Guttenberg, der Aufrechte, der in der Krise die Prinzipien der sozialen Marktwirtschaft hochhält. Guttenberg, der Mann, der gegen den Sündenfall eines Staatseinstiegs bei Opel kämpft. Guttenberg, der "Enkel" des Wirtschaftswundervaters Ludwig Erhard.

Doch zuletzt erhielt das glänzende Image des 37-Jährigen CSU-Politikers die ersten Kratzer. Der Minister, der fast täglich bei seinen Auftritten seine ordnungspolitischen Leitsätze zum Besten gibt, sei zu geschwätzig, hieß es nicht nur bei Sozialdemokraten. Und nun, gerade gute 100 Tage im Amt, muss der Minister seine erste große Niederlage einstecken.

In der Nacht zum Samstag überstimmten ihn seine Kollegen. Kanzlerin Angela Merkel (CDU), SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier, der Finanzminister und die vier Ministerpräsidenten mit Opel-Werken, alle waren für einen Einstieg des österreisch-kanadischen Autozulieferers Magna bei Opel.

Nur Guttenberg pochte auf das, was er in den vergangenen Tagen gebetsmühlenartig wiederholt hatte: dass eine Insolvenz von Opel für das Unternehmen und den Staat besser sei, als unkalkulierbar hohe Risiken einzugehen.

Dieser Standpunkt ist ihm so wichtig, dass er am Morgen nach der langen Nacht in Berlin noch einmal eine persönliche Erklärung verlautbaren lässt: "Ich habe", heißt es darin, "eine unterschiedliche Risikoeinschätzung als die an den Opel-Verhandlungen beteiligten Kollegen. Ich konnte daher dem Magna-Konzept bis zuletzt nicht zustimmen und habe eine Planinsolvenz als Neustart für Opel vorgezogen."

Gleichzeitig räumte er allerdings ein, dass eine Insolvenz von Opel auch nicht "völlig risikofrei" wäre. Dazu passt eine andere Nachricht, die am Pfingstwochenende nach außen dringt. Der Wirtschaftsminister gebe die Federführung in der Bundesregierung beim Thema Opel an das Bundeskanzleramt ab, ließ eine mit den Verhandlungen vertraute Person wissen. Der Regierungssprecher dementierte dies wiederum.

Zumindest Angela Merkel kann aber einen demontierten Wirtschaftsminister nicht brauchen. Als sie am Samstag im Bundeskanzleramt im gelben Blazer vor die Presse tritt, nimmt sie ihren Einzelgänger in der Ministerrunde gleich in Schutz. Guttenberg habe "wesentliche Beiträge" beim Opel-Verhandlungsmarathon geleistet. Er habe "den Finger in die Wunde gelegt" und sei seiner Rolle als Wirtschaftsminister "in hervorragender Weise gerecht geworden".

Von einer Rücktrittsdrohung ist nicht die Rede - obwohl später nach außen dringt, Guttenberg habe damit geliebäugelt, sich dann aber dazu durchgerungen, lieber im Kabinett zu bleiben.

Der Wirtschaftsminister war in den vergangenen Wochen mit seinen nimmermüden Bekenntnissen über eine "geordnete Insolvenz" zunehmend angeeckt. Sozialdemokraten und Gewerkschaften versuchten ihn mehr oder wenig offen zum Buhmann zu machen.

Vergackeierter Baron

Voller Häme berichteten SPD-Einflüsterer den Journalisten über Pannen und Peinlichkeiten bei den Verhandlungen mit der Opel-Mutter General Motors und der amerikanischen Regierung. SPD-Generalsekretär Hubertus Heil erklärte, Guttenberg solle aufhören zu "schwadronieren". In der DGB-Zentrale war von einem "politischen Leichtgewicht" die Rede. Und IG-Metall-Chef Berthold Huber nannt das Krisenmanagement des Wirtschaftsminister "ein immer größer werdendes Rätsel".

Doch spätestens als Ex-Kanzler Gerhard Schröder eingriff und den Adligen mit den zehn Vornamen als "Baron aus Bayern" vergackeierte, musste die Kanzlerin eine zweite Auflage des Wahlkampfes von 2005 fürchten. Damals forderte Merkels Kandidat für das Finanzressort, Paul Kirchhof, eine Steuer-Flatrate. Für Schröder war dies die Vorlage, Kirchhof fortan nur noch "den Professor aus Heidelberg" zu bezeichnen, der den Krankenschwestern und Polizisten ans Geld wolle - und die Union als neoliberal zu geißeln.

Hätte sich der Freiherr aus Bayern mit seinem Plädoyer für eine "geordnete Insolvenz" durchgesetzt, wäre es für die SPD ein leichtes Spiel gewesen, CDU/CSU wieder als kaltherzig und volksfern darzustellen.

Guttenberg wollte der ordnungspolitische Wachhund der großen Koalition sein. In Sachen Opel durfte er ein paar Mal laut bellen. Am Ende jedoch musste er in seiner Hütte bleiben.

Baron Bundesminister

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