Pläne für Ratingagentur Roland Berger will Rating-Allianz gegen US-Superfirmen schmieden

Die großen US-Analysehäuser Moody's und Standard & Poor's stehen in Europa massiv in der Kritik - jetzt sagt die deutsche Wirtschaft ihnen den Kampf an. Mit Hilfe einer neuen europäischen Ratingagentur soll es eine grundlegende Reform der bisherigen Rating-Praxis geben.

Von Martin Hesse und Markus Zydra

In Deutschland formiert sich eine Allianz für den Aufbau einer neuen europäischen Ratingagentur. Die Unternehmensberatung Roland Berger hat ein umfassendes Konzept für einen schlagkräftigen Konkurrenten der dominierenden amerikanischen Ratingagenturen Standard & Poor's, Moody's und Fitch entwickelt. Gemeinsam mit der hessischen Landesregierung, der Deutschen Börse und der Finanzplatz-Initiative Frankfurt wirbt Berger bei europäischen Regulierern, Regierungen und Aufsichtsbehörden sowie in der Finanzbranche für das Projekt. Die Bundesregierung unterstützt die Pläne.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte sich vor kurzem für eine europäische Alternative zu den US-dominierten Ratingagenturen stark gemacht. "Europa sollte dafür das Selbstbewusstsein haben", sagte Merkel. Die Initiative für eine europäische Ratingagentur solle aber aus der Wirtschaft kommen. Jetzt heißt es in Regierungskreisen, die Bundesregierung unterstütze den von Roland Berger und dem Finanzplatz Frankfurt initiierten Vorstoß.

Ratingagenturen stehen vor allem in Europa massiv in der Kritik. S&P, Moody's und Fitch kontrollieren zu 95 Prozent den Markt. Obwohl es sich hier um Privatfirmen ohne demokratische Legitimation handelt, haben ihre Noten großen Einfluss: Geschäftsbanken, Notenbanken, Aufsichtsbehörden und Investoren richten sich nach den berüchtigten Buchstabencodes. Das ist gesetzlich so vorgeschrieben. Investmentfonds müssen beispielsweise Staatsanleihen verkaufen, wenn die Notengeber diese Wertpapiere als Ramsch einstufen.

Ratingagenturen sind die einzigen Leitplanken weltweit, die es erlauben, die Bonität von Investments international zu vergleichen. Allerdings beeinflusst die Veränderung der Ratingnoten selbst die wirtschaftliche Situation eines Landes: Sobald Griechenland aufgrund seiner schlechten finanziellen Lage kein Geld mehr an den Kapitalmärkten bekam, senkten die Ratingagenturen den Daumen noch weiter. Danach bekam Griechenland erst recht kein Kapital mehr - trotz der 110MilliardenEuro an Krediten, die vom IWF und der EU versprochen wurden. Die Agenturen verschärften die Krise, und dieser Umstand sorgt seit Monaten für Ärger.

Die Initiatoren einer neuen europäischen Ratingagentur wollen nun eine grundlegende Reform der bisherigen Rating-Praxis. "Wir müssen den Markt für Ratingagenturen grundlegend verändern, wenn wir die Risiken für das Finanzsystem in den Griff bekommen wollen", sagte Markus Krall, Senior Partner bei Roland Berger der Süddeutschen Zeitung.

Das Grundproblem sei, dass "wir im Moment nicht genügend Wettbewerb auf dem Markt haben und die Interessenkonflikte im bestehenden Ratingsystem zu groß sind." Ratingagenturen werden von den Unternehmen und Banken bezahlt, die sie bewerten. Das brachte ihnen den Vorwurf ein, nicht unabhängig zu urteilen. Zudem haben sie in der Vergangenheit die bewerteten Unternehmen auch beraten, mit dem Argument, dass die Kunden so erfahren, wie sie ihre Bonitätsbewertung verbessern können.