Nebenjobs Die Brutto-für-netto-Falle

Malerarbeiten: Immer mehr Ältere übernehmen Minijobs.

(Foto: Jan Woitas/dpa)

Forscher warnen: Die Subventionierung der inzwischen drei Millionen Nebenjobber steigert die Altersarmut.

Von Alexander Hagelüken

Wenn der normale Arbeitstag zu Ende ist, ist er für Gudrun F. und drei Millionen weitere Deutsche nicht zu Ende. Sie gehen einer zweiten Arbeit nach, häufig, weil sie sonst schlecht über die Runden kommen. Die Zahl der Nebenjobber hat sich in den vergangenen 15 Jahren fast verdreifacht, so das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Die Wissenschaftler warnen: Die Befreiung der Minijobs von Steuern und Sozialabgaben wiegt viele Arbeitnehmer in der Illusion, ihnen gehe es besser, als dies der Fall ist. Das Aufwachen kommt, wenn sie etwa im Alter mit geringer Rente dastehen.

Gudrun F. verlor in ihrem Beruf als Grafikerin den Anschluss, nachdem sie jahrelang pausiert hatte. Erst wegen ihrer Kinder, später wegen der pflegebedürftigen Schwiegereltern. 40 Stunden in der Woche stellt die Mittfünfzigerin inzwischen keine Firma mehr ein, sie bekommt nur Teilzeitjobs angeboten. Meist nicht in ihrem angestammten Beruf, sondern als Verkäuferin oder in der Küche, meist zum Niedriglohn. Seit ihrer Scheidung reicht ihr das nicht zum Leben, sagt sie, "insbesondere wegen der steigenden Mieten".

Der Ausweg: ein 450-Euro-Zusatzjob, bei dem sie keine Steuern und Sozialabgaben zahlen muss. Das bringt auf einen Schlag mehr Geld. Auch wenn sie den Zweitjob anstrengend findet, gerade wegen der Einsätze abends und am Wochenende und der zusätzlichen Fahrten.

Gudrun F. ist durchaus typisch für die wachsende Zahl der Nebenjobber in Deutschland, nicht nur, weil sie eine Frau ist. Zwar zählen zum Zweitjob-Heer auch Professoren, die nebenbei Firmen oder Politiker beraten und auf das Zubrot nicht angewiesen sind. Prestige oder Spaß können ebenfalls zu einer weiteren Tätigkeit motivieren, so die IAB-Studie. Der sprunghafte Anstieg der Zweitjobber von 1,25 Millionen 2003 auf drei Millionen hat jedoch wie bei Gudrun F. eher andere Gründe. Etwa den Wandel von der Industrie- zur Servicegesellschaft.

Jeder dritte Teilzeitler möchte mehr arbeiten, als er das in seinem Hauptjob kann

Dienstleistungen sind generell schlechter bezahlt. Sie lassen sich leichter in Teilzeit aufspalten - und die Unternehmen nutzen diese Möglichkeit. Die insgesamt starke Zunahme der Teilzeit ist häufig das Motiv für einen Nebenjob. Wie andere Studien zeigen, möchte jeder dritte Teilzeitler mehr arbeiten, als er das in seinem Hauptjob kann.

Bei den Deutschen mit den niedrigsten Einkommen ist die Wahrscheinlichkeit am höchsten, dass sie einen Zweitjob suchen. Generell gilt: Nebenjobber haben oft einen Hauptberuf, der schlechter bezahlt wird, etwa im Gesundheits- und Sozialwesen, in Verwaltung und Büro. Sie verdienen im Schnitt 600 Euro weniger im Monat als Arbeitnehmer ohne Nebenjob. Die Forscher sehen auch die "über viele Jahre hinweg schwache Lohnentwicklung" als Grund für den Zweitjob-Boom. Offenbar bewegen die mageren Gehaltssteigerungen zahlreiche Bürger, sich etwas dazuverdienen. Eine große Mehrheit wählt dabei wie Gudrun F. einen Minijob, was seit 2003 so attraktiv ist wie nie. Das begrenzt zwar den Lohn auf 450 Euro, aber davon gehen keine Steuern und Sozialabgaben ab. Also brutto für netto. Angenehm? Eher eine Falle. "Die Kombination von Teilzeitarbeit oder nicht gut bezahltem Vollzeitjob mit einem Mini-Zweitjob löst Probleme aus", sagt IAB-Forscherin Susanne Klinger.

Das fängt damit an, dass die Firmen den Minijob tendenziell schlechter bezahlen, weil dem Arbeitnehmer ja netto so viel übrig bleibt. Und es geht weiter: "Weil viel übrig bleibt, schafft ein subventionierter Zweitjob die Illusion, dass es einem besser geht, als es in Wahrheit - insbesondere langfristig - der Fall ist. Etwa, weil die Rente am Ende nicht besonders hoch ausfällt". Beim Minijob zahlen die Arbeitnehmer in der Regel keine Rentenbeiträge.

Wegen der Subvention spürten die Nebenjobber auch häufig zu wenig Druck, an ihrem Hauptarbeitsplatz auf höhere Bezahlung, mehr Stunden oder bessere Karriereaussichten zu drängen, kritisiert Klinger. Sie schlägt vor, die Subventionen für die Zweitjobs zu streichen - und lieber niedrig bezahlte Hauptjobs von Sozialabgaben zu entlasten. Dann verdienen die Beschäftigten dort mehr und hätten hoffentlich eine höhere Rente - statt später in der Altersarmut zu landen.