Navigationssystem Oh Galileo!

Das Navigationssystem Galileo sollte 2008 starten. Doch es funktioniert noch immer nicht. Es läuft ziemlich viel schief in dem Projekt, das viele Milliarden kostet, aber kaum zu greifen ist.

Von Dieter Sürig, Noordwijk

Bei Westwind kann man die nahe Nordsee riechen. Die Hüter der Zeit haben hier an der Küste ihre kostbarste Maschine sicher verwahrt: eine Aktive Wasserstoff-Maser-Atomuhr. Sie steht geschützt in einem kleinen Raum des Esa-Forschungscenters Estec in Noordwijk. Zweitausend Wissenschaftler aus 20 EU-Ländern arbeiten im größten Campus der europäischen Raumfahrtagentur Esa. Er wurde in den Sechzigerjahren aus dem Boden gestampft. Die Leute von der Esa bezeichnen den Standort 50 Kilometer südwestlich von Amsterdam als das "technische Herz" der europäischen Raumfahrt. Seine Koordinaten: 52° 13′ 2″ N, 4° 25′ 17″ O.

In Noordwijk lässt sich anschaulich beobachten, warum das Satellitennavigationssystem Galileo nicht aus den Startlöchern kommt.

Zwei Kulturen prallen aufeinander: Die Techniker der Esa und die Bürokraten in Brüssel lähmen sich gegenseitig und das seit Jahren. Galileo hätte 2008 komplett funktionieren sollen, doch vor 2020 wird daraus wohl nichts. Ein Streit, der die Steuerzahler viel Geld kostet, sehr viel.

Hier an der Nordseeküste findet die Raumfahrt nicht theoretisch, sondern praktisch statt. Hier entstehen Projekte wie Galileo. Oder der Raumtransporter ATV, der gerade noch einmal zur Raumstation ISS gestartet ist. Und die Zeitmaschine hier gibt den Takt von Galileo an, seit 2010. Abweichung: eine Sekunde in zehn Millionen Jahren. Extrem empfindlich. Extrem teuer. Raumtemperatur: 22 Grad Celsius, Luftfeuchte: 50 Prozent.

Im Reinraum-Labor nebenan gilt die zweithöchste Esa-Sicherheitsstufe. Präzision auch hier. Galileo-Direktor Javier Benedicto arbeitet mit seinem Team schon an "Galileo Evolution" - die nächste Generation des Navigationssystems soll noch smarter werden. Dabei ist bisher noch nicht einmal die erste Generation in das All hinaufgeschossen worden. Es gibt jahrelange Verzögerungen, die auch hausgemacht sind.

Atomuhr im Orbit

Neben einem Galileo-Modell, an dem technische Probleme simuliert werden können, steht eine goldfarbene Metallkapsel mit einer Atomuhr für Versuchszwecke. Zwei solcher Passiv-Wasserstoff-Maser-Uhren befinden sich an Bord jedes Galileo-Satelliten. Abweichung: Immer noch eine Sekunde in drei Millionen Jahren. Es ist die präziseste Atomuhr, die bisher im Orbit genutzt wurde. Schon eine kleine Abweichung würde später die Navigationswelt durcheinanderbringen - und auch Energiekonzerne und Banken, die mit dem Signal ihre Systeme synchronisieren werden.

Javier Benedicto, Mitte fünfzig, streicht in Noordwijk fast zärtlich über die Atomuhr. Er will sie um ein Drittel schrumpfen, denn Gewicht ist eine Währung in der Raumfahrt - jedes Kilo Startmasse kostet Geld. Steuergeld, wie bei Galileo.

Bis zum Jahr 2020 werden 13 Milliarden Euro angefallen sein für ein Projekt, das bisher nicht so richtig zu greifen ist.

Dabei soll Galileo "riesige wirtschaftliche Perspektiven" bieten, betont Esa-Generaldirektor Jean-Jacques Dordain gern. Mit großer Euphorie war Galileo Mitte der Neunzigerjahre als Vorzeigeprojekt gefeiert worden. Als Alternative zum GPS des US-Verteidigungsministeriums. Das Zauberwort in Brüssel lautet mehr denn je: Unabhängigkeit. Und die kostet. Europäische Kommission und Esa gewährten schon 2001 für ein Private Public Partnership-Konsortium 2,8 Milliarden Euro. Alles ist präzise, nur der Zeitplan nicht. Bis 2008 sollten 30 Satelliten die europäische Navigations-Hoheit herstellen. Je zehn Einheiten auf drei Bahnen, unterwegs mit 3,6 Kilometern pro Sekunde. Für zivile Zwecke.

Galileo müsste also längst senden, tut es aber noch lange nicht. Denn das Konsortium scheiterte. Beteiligte Unternehmen wie Thales, Finmeccanica oder Astrium wollten kein Risiko übernehmen. Nun ist die Esa seit 2007 für den Aufbau verantwortlich, sie verfügte über ein Budget bis 2013 von 3,4 Milliarden Euro. Aber auch die Esa brachte erst vier Galileo-Einheiten in die Umlaufbahn. Vier von dreißig.

Je zwei dieser jeweils 40 Millionen Euro teuren Satelliten hatte die Esa 2011 und 2012 vom südamerikanischen Kourou in Französisch-Guayana aus mit der russischen Trägerrakete Sojus in den Orbit geschossen. Signale können nun getestet werden, das Wechselspiel mit den Kontrollzentren in Oberpfaffenhofen und Fucino bei Rom funktioniert. Nur für die komplexe Navigation ist das noch zu wenig. Bei einem der Satelliten sind Ende Mai auch noch Signale für den verschlüsselten Dienst ausgefallen - nach einer Temperaturanomalie. Die Esa sucht noch nach der Ursache.