Geplante Obsoleszenz Dieser Mann kämpft gegen Schwachstellen in Produkten

  • Stefan Schridde macht als Aktivist auf die sogenannte geplante Obsoleszenz aufmerksam - auf bewusst eingebaute Schwachstellen bei Produkten.
  • Auch die Politik interessiert sich für seine Erkenntnisse. Doch eingebaute Fehler nachzuweisen ist schwierig.
Von Caspar Dohmen

Eines seiner Lieblingsbeispiele sind Handmixer, in die Hersteller ungeschmierte Zahnräder aus Plastik einbauen. "Die sind in drei Jahren verschlissen", sagt Stefan Schridde. Er ist fest davon überzeugt, dass die Hersteller ihre Produkte bewusst mit Schwachstellen versehen. Als er seinen Ärger über schnellen Verschleiß in einem eigenen Blog "Murks? Nein Danke" öffentlich machte, meldeten sich viele Menschen mit gleichen Erfahrungen. Sie erzählten von durchgelaufenen Schuhen oder elektronischen Geräten, die kurz nach Ablauf der Garantiezeit schon hin waren. Auch diese Berichte veröffentlicht Schridde. Er ist mittlerweile so etwas wie das Gesicht des Kampfes gegen künstlichen Produktverschleiß in Deutschland.

Er hat sich für sein Engagement auch entschieden, weil er an die Folgen des Konsums für Mensch und Natur dachte. Etwa an die Müllkippen in afrikanischen Städten, auf denen landet, was auch deutsche Verbraucher wegschmeißen. Schridde wollte das nicht mehr widerspruchslos hinnehmen und stellte 2011 seinen Blog ins Netz. Ein Jahr später schrieb er für die Bundestagsfraktion der Grünen eine Studie zu dem Thema, was ihn bundesweit bekannt machte. Murks finde sich in allen Konsumgütern, sagt er heute, unabhängig vom Preis und Image des Herstellers. "Eine Marke ist kein Garant für gute Produktqualität. Es gibt teuren Murks und günstige Qualität", sagt der 55-Jährige. Die Verkürzung der Lebensdauer sei für Konzerne wichtig, um trotz eines gesättigten Markts ihre Produkte zu verkaufen.

Schridde ist nicht der Einzige und der Erste, der dieses Phänomen anprangert, das Fachleute als geplante Obsoleszenz bezeichnen. Bereits in den Sechzigerjahren schrieb der US-Journalist Vance Packard - einen Bestseller und schilderte den Fall des Phoebus-Kartells, bis heute das prominenteste Beispiel geplanten Verschleißes: Hersteller von Glühbirnen hatten sich 1924 zu einem Kartell zusammengeschlossen und begrenzten die Lebensdauer der Birnen auf 1000 Stunden. Wer haltbarere Leuchtmittel auf den Markt brachte, musste an das Kartell Strafe zahlen, das bis 1942 bestand. Im Dokumentarfilm "Kaufen für die Müllhalde", führte Cosima Dannoritzer Beispiele auf, unter anderem einen Drucker, dessen Lebenszeit ein Hersteller begrenzt haben soll.

Schridde schiebt Doppelschichten

Für Schridde ist der Kampf gegen Obsoleszenz ein Vollzeitjob geworden. In "Doppelschichten" sei er gerade unterwegs, sagt der studierte Betriebswirt. Bald will er Informationszentren eröffnen. Interesse gebe es unter anderem in Halle, Chemnitz, Leipzig und Wiesbaden. Eigentlich wollte Schridde weniger arbeiten. Jahrelang hatte er als Projektleiter für Konzerne wie Bosch und Siemens viele Überstunden gemacht. Ein Unfall brachte ihn zum Innehalten, seitdem arbeitet er als freiberuflicher Coach und Berater. Aber dazu hat er immer weniger Zeit. An seinem Netzwerk beteiligen sich hundert Menschen aktiv, im Verein gebe es 40 fördernde Mitglieder. Sie haben gemeinsam durchgesetzt, dass das Thema auf der politischen Agenda steht.

Die EU-Kommission beschäftigt sich damit, in Frankreich drohen Unternehmern Geldstrafen von bis zu 300 000 Euro oder sogar Freiheitsstrafen, wenn sie die Produktlebensdauer nachweislich bewusst verkürzen. Belege dafür haben das Öko-Institut und die Universität Bonn zuletzt nicht gefunden, die vom Bundesumweltamt mit einer Studie beauftragt worden waren. Bestätigt hat sie jedoch, dass elektronische Geräte heute schneller kaputtgehen als früher. Verbraucher sollten sich gegen geplanten Verschleiß wehren, aber auch andere Möglichkeiten nutzen: "Wir können Produkte reparieren und länger nutzen, gebrauchte Güter kaufen, gemeinsam Güter nutzen und tauschen."

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