Automobilzulieferer Schaeffler verklagt seinen Ex-Chef

"Wir sind zuversichtlich, dass die Ermittlungen bald eingestellt werden." Ein Sprecher von Jürgen Geißinger, früher Chef bei Schaeffler, heute bei Senvion.

Der Autozulieferer zieht gegen seinen ehemaligen Chef Jürgen Geißinger vors Arbeitsgericht. Verhandelt wird in einer Villa.

Von Uwe Ritzer

Unter deutschen Justizgebäuden sticht die Außenstelle Schweinfurt des Arbeitsgerichtes Würzburg heraus. Sie ist in einer hübsch restaurierten Jugendstilvilla untergebracht, der "Villa Wirsing". Der Sitzungssaal ist etwa so groß wie ein vernünftiges Wohnzimmer, weshalb es unlängst dort ziemliches Gedränge gab, als allein die Firma Schaeffler mit acht Anwälten anrückte. Ihre Prozessgegner brachten noch mehr Advokaten mit. Das Verfahren, von dem zunächst nur das Schweinfurter Tagblatt Notiz nahm, hat zu tun mit einem handfesten Fall von Korruption bei der Schaeffler AG.

Der fränkische Automobil- und Industriezulieferer hat acht frühere Mitarbeiter auf knapp 13 Millionen Euro Schadenersatz verklagt. Darunter auch den Mann, der von 1998 bis zu seinem unfreiwilligen Ausscheiden im Oktober 2013 zuerst oberster Geschäftsführer und dann Vorstandsvorsitzender bei Schaeffler war: Jürgen Geißinger, 56. Auch ein früherer Vorstand der Industrie-Sparte soll zahlen.

Gegen die beiden Top-Manager und die anderen sechs Ex-Mitarbeiter ermittelt zudem die Staatsanwaltschaft Würzburg. "Es geht um den Tatvorwurf der Bestechung im geschäftlichen Verkehr, der Untreue sowie der Steuerhinterziehung", so ihr Sprecher. Die nach seinen Angaben "umfangreichen Ermittlungen" führt das bayerische Landeskriminalamt. Mehrere Büros und Wohnungen wurden durchsucht.

Anlass sind Vorgänge in der Türkei in den Jahren 2004 bis 2011. Etwa 150 mal soll aus Kassen der türkischen Niederlassung der Schaeffler-Tochter FAG Schmiergeld gezahlt worden sein, um an Aufträge oder an Informationen bei Ausschreibungen zu kommen. Insgesamt etwa 700 000 Euro. Damit soll die Firma 25,5 Millionen Euro mehr Umsatz erwirtschaftet haben.

Gemessen am Rekordumsatz von gut 13 Milliarden Euro im Jahr 2015, den Geißingers Nachfolger Klaus Rosenfeld an diesem Dienstag verkünden wird, sind die Summen niedrig. Korruption aber bleibt Korruption. Über das rein juristische hinaus pikant wird der Fall durch die Personalie Geißinger. Als der Maschinenbauingenieur bei der damaligen INA-Schaeffler anheuerte, lag deren Umsatz bei zwei Milliarden Euro. Als er 15 Jahre später ging, waren es gut elf Milliarden. Geißinger war es, der für die Familie Schaeffler 2001 den Konkurrenten FAG und 2007 die Continental AG angriff - und kaperte.

Seit drei Monaten ist er Vorstandschef beim Hamburger Windanlagenhersteller Senvion, den er diesen Freitag an die Börse bringen will. Sein Sprecher zeigte sich auf Anfrage, "zuversichtlich, dass die Ermittlungen bald eingestellt werden".

Schaeffler und die Staatsanwaltschaft werfen Geißinger vor, in Sachen Türkei seine Sorgfaltspflichten als Geschäftsführer verletzt zu haben. Intern waren die mutmaßlichen Unregelmäßigkeiten im Herbst 2011 aufgeflogen. Wie konsequent ihnen nachgegangen wurde wird nun geprüft; die Staatsanwaltschaft wurde 2015 durch einen Hinweis aufmerksam. Ein Schaeffler-Sprecher machte unter Hinweis auf die laufenden Ermittlungen keine Angaben.

Im kleinen Schweinfurter Arbeitsgericht holte sich die Firma übrigens eine Abfuhr. Sie beziffert den Gesamtschaden inklusive Strafzahlungen, Neben- und Anwaltskosten auf knapp 13 Millionen Euro und wollte erreichen, dass das Gericht die Summe über einen dinglichen Arrest in den Privatvermögen der acht Beklagten vorsorglich beschlagnahmt. Doch das Gericht lehnte ab. "Eine Gefahr der Vermögensverschiebung etwa ins Ausland oder an Ehepartner ist nicht gegeben", so Vorsitzender Richter Frank Bechtold. "Ob die Forderungen zu Recht bestehen ist damit nicht gesagt. Das muss im Hauptsacheverfahren geklärt werden." Das beginnt im September.