Möglicher Verzicht auf Cookies Googles Pläne erschüttern die Online-Welt

Google will möglicherweise auf Cookies verzichten - und seine Nutzer stattdessen über ein sogenanntes "anonymes Identifizierungsprogramm" verfolgen. Datenschützer und Werbetreibende fürchten, dass ihnen dadurch die Kontrolle noch weiter entgleitet.

Von John Bussey, Wall Street Journal Deutschland

Der US-Konzern Google dürfte mit seinem neuen anonymen Identifizierungsprogramm die Internet-Privatsphäre entscheidend aushöhlen. Die Kernfrage lautet: Wird Google seine Nutzer komplett durchchecken - so wie Ganzkörperscanner auf Flughäfen die Passagiere durchleuchten? Wenn man sich die öffentlichen Reaktionen auf die aus dem Konzern durchgesickerten Informationen ansieht, scheint es tatsächlich so zu sein.

Google erwägt demnach, anonyme Identifizierungsprogramme anzuwenden, um das Surfverhalten von Nutzern im Netz zu verfolgen. Die Technologie könnte allmählich die umstrittenen "Cookies" ersetzen. Diese Marker werden derzeit von Unternehmen auf unsere Computer gesetzt, um zu beobachten, wohin wir uns im Netz bewegen. Das Ziel: Die Werbung soll passgenau geschaltet werden.

Gut für die "Nutzersicherheit"?

Google nannte seinen anvisierten Schritt gut für die "Nutzersicherheit" und die Wirtschaftlichkeit des Internets. Die Konzepte steckten aber noch in den Kinderschuhen. Weitere Kommentare wollte der Suchmaschinenriese nicht abgeben.

Aber auch wenn Googles Pläne nur wie eine kleine Technik-Weiterentwicklung anmuten, ließen sie allgemein die Alarmglocken klingen. Verfechter der Privatsphäre und Marketingfirmen spekulieren nun, wohin es gehen könnte. Der Grund liegt auf der Hand: Google dominiert unser Online-Leben. Das Unternehmen betreibt den populärsten Browser Chrome und stellt mit Android das verbreitetste mobile Betriebssystem. Bei E-Mails und Suchfunktionen hält Google eine beherrschende Stellung.

Google verkauft auch mehr Online-Anzeigen als seine Wettbewerber. Das Unternehmen sichert sich laut der Marktforschungsfirma eMarketer rund ein Drittel des 117 Milliarden Dollar großen weltweiten Kuchens für digitale Anzeigen im Netz.

Der Ausdruck anonymes Identifizierungsprogramm kommt den meisten Nutzern wie ein Widerspruch in sich selbst vor. "Es identifiziert ständig, funktioniert wie ein Super-Cookie", ärgert sich Jeff Chester, Chef vom Center for Digital Democracy. "Google wird mehr Informationen über die Nutzer herausbekommen, wo immer sie sind, über Plattformen hinweg - und das mit einer Nummer. Damit können wir rund um die Uhr identifiziert werden."

Identifizierungsprogramm kann diskriminieren

Die Marketing-Strategen sängen das hohe Lied der Anonymität, um zu verschleiern, wie sehr in ihre Privatsphäre eingegriffen werde, erklärt Professor Joseph Turow von der University of Pennsylvania. Ob ein Unternehmen die Namen der Nutzer weiß, mache keinen Unterschied mehr, fügt der Professor hinzu. Das Identifizierungsprogramm nehme sie trotzdem für Verkaufsmöglichkeiten ins Visier oder "diskriminiere" sogar. Das könnte passieren, wenn ein hoher Preis für Werbung auf einem anonymen Profil verlangt wird, das besonders vielversprechend ist.

Das Branchenblatt Advertising Age warnt seine Leser vor Googles neuem System. Sie müssten sich dann allen Bedingungen unterwerfen, die Google diktiere. Das gelte zum Beispiel dafür, wie die Technologie und die damit gewonnen Informationen verwendet werden. In diesem Szenario steigt Google vom größten Kartenspieler am Pokertisch zum Besitzer des kompletten Kasinos auf. Die Anzeigenkunden könnten dann nur noch mit den Chips von Google spielen.

Was ist mit anderen Plattformen?

In den ursprünglichen Nachrichten zu Googles Absichten war nicht die Rede von der Nutzung der Identifizierungsprogramme über mehrere Plattformen hinweg - etwa Smartphones und Desktops. Google hatte das auch nicht als Ziel ausgegeben. In der Tat ist wenig über die Pläne des Unternehmens bekannt. Es bleibt auch unklar, ob und gegebenenfalls wie andere Unternehmen Zugang zum neuen Identifizierungsprogramm erhalten. Der Internetkonzern will möglicherweise nur wiederholen, was Apple bereits mit den iPhones verwirklicht hat: Cookies laufen nicht gut auf mobilen Geräten, deshalb nutzt der Konzern ein individuelles Identifizierungsprogramm.

Es gibt aber auch gute Gründe, etwas anderes zu unterstellen. Die Werbebranche hat momentan zwei große Probleme. Zunächst sind Cookies sehr umstritten, da sie stark in die Privatsphäre eindringen. Außerdem funktionieren sie nicht gut auf den immer beliebteren Smartphones. Sie sind auch unzuverlässig und können auf anderen Geräten blockiert werden. Die Branche sucht händeringend nach einer besseren Mausefalle.

Der Knackpunkt für die Werbebranche ist die Identifizierung über mehrere Geräte hinweg. Sie will ihre Anzeigen maßschneidern - unabhängig davon, ob die Nutzer gerade am Smartphone, Tablet-PC, Laptop oder Desktop-Computer sitzen.

Die Marktforscher von Forrester Research schätzen, dass bis Ende 2013 die Hälfte der erwachsenen Internetnutzer ständig vernetzt sein wird. Das heißt, sie haben mindestens drei vernetzte Geräte und gehen mehrmals am Tag von unterschiedlichen Standorten aus ins Internet. 2011 stand die Zahl noch bei 38 Prozent.

Google tritt derzeit nicht gerade als Verfechter der Privatsphäre in Erscheinung. Das gilt auch für den eigenen Browser Chrome. Das Konkurrenzprodukt Safari von Apple blockiert die Cookies Dritter. Der Explorer von Microsoft schickt an die Anzeigenkunden eine Botschaft, dass sie den Nutzer im Netz bitte nicht weiterverfolgen sollen. Der Firefox-Browser von Mozilla wird vielleicht bald schon eine komplette Sperroption anbieten. Google stellt sich hier quer. Bei seinem Chrome-Browser drückt sich das Unternehmen vor entsprechenden Maßnahmen. Immerhin können die Nutzer ihre Konfiguration abändern und somit Cookies blockieren.

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