Libor-Skandal in Großbritannien Barclays-Verwaltungsratschef Agius tritt zurück

345 Millionen Euro Strafe waren zu viel: Marcus Agius, der Verwaltungsratschef des britischen Geldhauses Barclays, ist zurückgetreten. Das Institut hatte jahrelang einen wichtigen Zinssatz manipuliert. Auch weitere Großbanken sind in den Skandal verwickelt.

Großbritannien wird von einem Finanzskandal erschüttert. Große Banken sollen einen wichtigen Zinssatz zu ihrem Vorteil manipuliert haben. Renommierte Geldhäuser wie die Royal Bank of Scotland, Lloyds und HSBC stehen am Pranger. Nun zieht ein erster Bank-Manager persönliche Konsequenzen: Der Verwaltungsratschef der britischen Barclays, Marcus Agius, ist zurückgetreten, nachdem sein Institut eine Rekordstrafe von 345 Millionen Euro zahlen musste.

Seit Tagen gab es Spekulationen um Agius' Rücktritt. Hintergrund sind seit Monaten laufende Untersuchungen, unter anderem in den USA, Großbritannien und der Schweiz. Dabei geht es um den Vorwurf von Manipulationen des weltweit gültigen Interbanken-Zinssatzes Libor. Dieser täglich in London fixierte Satz dient als Referenz für Kredite von Privatleuten und Unternehmen, Derivate sowie andere Finanzprodukte im Gesamtvolumen von 360 Billionen Dollar. Er basiert auf den Daten mehrerer Großbanken, die diese täglich abliefern.

Den Instituten wird nun vorgeworfen, dass sie von 2005 bis 2009 absichtlich falsche Angaben gemacht haben, um die eigenen Handelsgewinne in die Höhe zu treiben und die wahren Refinanzierungskosten zu verschleiern.

In der vergangenen Woche war bekanntgeworden, dass die britische Barclays an die Finanzaufsichtsbehörden in den USA und Großbritannien sowie an das US-Justizministerium eine Strafe in Höhe der Rekordsumme von 290 Millionen Pfund zahlen muss, etwa 345 Millionen Euro. Die britische Finanzaufsicht FSA kam zu dem Schluss, dass die Verfehlungen bei Barclays "ernst und großflächig" gewesen seien. Die Richtigkeit von wichtigen Finanz-Richtmarken wie dem Libor-Satz sei von grundlegender Wichtigkeit für die Finanzmärkte. Der Guardian hat eine Chronik des Skandals online.

Wie Barclay am Montag mitteilte, soll sich nun ein Gremium mit der Suche nach einem geeigneten Nachfolger befassen - möglich sei ein Kandidat aus dem Verwaltungsrat oder von außerhalb. Solange soll Agius im Amt bleiben, den Posten als sein Stellvertreter übernimmt Michael Rake. Ein Verwaltungsrat ähnelt einem Aufsichtsrat, mischt aber stärker im operativen Geschäft mit.

In der Stellungnahme erklärte Agius, es tue ihm aufrichtig leid, dass Kunden, Mitarbeiter und Aktionäre "im Stich gelassen worden seien". Der sogenannte Libor-Skandal habe dem Ruf der Bank einen verheerenden Schaden zugefügt. Barclays kündigte eine interne Untersuchung der Vorfälle an. Ein neuer, verpflichtender Verhaltenskodex solle entwickelt werden. An den Finanzmärkten kam der Rücktritt gut an: Die Barclays-Aktie stieg um rund fünf Prozent.

Linktipp: Den Libor manipulieren - wie macht man das eigentlich? Im britischen Telegraph erzählt ein anonymer Mitarbeiter einer unbenannten Bank, wie das läuft. "Alle wussten es, alle haben es gemacht."