Lebenserwartung Arme sterben früher

Lebenserwartung von Frauen in Deutschland

(Foto: BBSR Bonn)
  • Die Lebenserwartung liegt in weiten Teilen der neuen Bundesländer und Teilen des Ruhrgebiets, des Saarlandes und Frankens unter dem Durchschnitt.
  • Der große Report des Robert-Koch-Instituts über Gesundheit in Deutschland, der im Auftrag der Bundesregierung verfasst wurde, stützt diese Sichtweise.
Von Alexander Hagelüken

Wer in Pirmasens wohnt, wird nicht daran gehindert, etwas für seine Gesundheit zu tun. Vor den Toren der Stadt wartet das Biosphärenreservat Pfälzerwald, das dem Wanderwilligen hunderte Kilometer in der Natur zu Füßen legt. Trotzdem halten Männer in der rheinland-pfälzischen Stadt einen negativen Rekord: Sie werden im Schnitt nur 73 Jahre alt. Nirgendwo in der Bundesrepublik fällt die Lebenserwartung geringer aus. Wer dagegen in Starnberg, München oder dem unter Bankern beliebten Hochtaunuskreis bei Frankfurt residiert, darf damit rechnen, seinen 80. Geburtstag zu erleben.

Am Klima oder den landschaftlichen Gegebenheiten kann das kaum liegen. Stattdessen deutet die regionale Kluft, die die Linken-Parlamentarierin Sabine Zimmermann aus Daten des Bundesinstituts für Bau- und Stadtforschung destilliert hat, auf etwas anderes hin: "Arme sterben früher", sagt Zimmermann. Pirmasens etwa, einst für seine Schuhproduktion berühmt, ist vom Strukturwandel getroffen und hoch verschuldet. "Die Lebenserwartung besonders von Männern liegt in struktur- und einkommensschwachen Regionen wie weiten Teilen der neuen Bundesländer und Teilen des Ruhrgebiets, des Saarlandes und Frankens statistisch signifikant unter dem Durchschnitt".

Hohe Belastungen - geringe Ressourcen

Lebenserwartung von Männern in Deutschland

(Foto: BBSR Bonn)

Der große Report des Robert-Koch-Instituts über Gesundheit in Deutschland, der im Auftrag der Bundesregierung verfasst wurde, stützt diese Sichtweise. Die Forscher führen Daten an, wonach Männer, die weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens verdienen, knapp elf Jahre früher sterben als Geschlechtsgenossen, die 150 Prozent und mehr verdienen. Bei Frauen ist der Unterschied nur etwas geringer.

Aber wie kommt es, dass ärmere Menschen in der Bundesrepublik eine so viel geringere Lebenserwartung haben? Die Robert-Koch-Forscher zitieren eine Studie, wonach "sich diese Unterschiede zumindest teilweise auf eine erhöhte psychische und physische Belastung im Lebenslauf sowie auf geringere materielle, kulturelle und soziale Ressourcen zurückführen lassen".

Für Professor Matthias Richter ist diese Sichtweise längst Stand der Forschung. Der Soziologe macht eine Gruppe von etwa einem Viertel der Bevölkerung aus, die überproportional oft an Krankheiten wie Herzproblemen, Schlaganfall oder Diabetes leidet, die die Lebenserwartung reduzieren. Diese Menschen haben niedrige Bildungsabschlüsse, verrichten körperlich schwere, monotone Arbeit und verdienen oft wenig - meist treffen bei ihnen mehrere dieser Merkmale zu. Richter sieht verschiedene Faktoren, die die diese Bürger häufiger erkranken lassen. Zum einen leben sie ungesünder, was etwa Essen und Bewegung angeht. Das lasse sich ihnen aber kaum zum Vorwurf machen. "Wer kein Geld hat, kann sich keine Biolebensmittel leisten", sagt Richter, Direktor des Instituts für Medizinische Soziologie an der Uni Halle. "Die Menschen rauchen oder trinken teils mehr, um mit dem Arbeitsstress fertig zu werden."

Besonders brisant: Unterschiede nehmen zu

Stress speise sich aus den gesammelten Anforderungen von Arbeit, Haushalt und Kindern. Und chronischer Stress löse Prozesse aus, die auf Dauer krankmachten. Während aber ein Manager seine Arbeitsbelastung selbst reduzieren könne, könne ein Fließbandarbeiter seine Tätigkeit nicht selbst steuern. Dazu kommt, dass Menschen in dieser Schicht sowohl weniger Geld als auch weniger Netzwerke hätten, um sich zu entlasten. Richter: "Sie haben weniger Freunde, Kollegen oder Familienmitglieder, auf die sie im Belastungsfall zugreifen können" - warum das so ist, wird noch erforscht.

Weniger Geld erzeugt auch andere Nachteile. "Billige Wohnungen liegen häufig an befahrenen Straßen", sagt Soziologe Richter. "Lärm und Abgase machen krank." Und wer erst krank ist, hat schlechtere Karten, wenn er weniger für seine medizinische Versorgung ausgeben kann. So haben Frauen mit niedrigem Einkommen nach einem Herzinfarkt eine um sieben Jahre niedrigere Lebenserwartung als Frauen in der hohen Einkommensgruppe.

Gesellschaftlich brisant ist nicht nur, dass solche Unterschiede zwischen Arm und Reich bestehen. Eine Studie des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung zeigt auch: Sie nehmen zu.

Der Linken-Abgeordneten Zimmermann reicht es nicht, dass die Bundesregierung auf ihre parlamentarische Anfrage antwortet, sie ziele mit zahlreichen Maßnahmen auf mehr gesundheitliche Chancengleichheit. "Nötig ist die umfassende Bekämpfung von Armut und gesundheitsschädlichen Lebensverhältnissen, also höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen gerade für Geringverdiener, mehr soziale und Jobsicherheit, Umweltschutz gerade in den Innenstädten und anderes", fordert die Politikerin.