Landwirtschaft Saatgut-Inkasso fordert Millionen von deutschen Bauern

"Viele Bauern sind verängstigt durch das Schreiben", sagt Georg Janßen.

(Foto: dpa)
  • Die Saatgut-Treuhandverwaltung schreibt an Landwirte, dass diese für den sogenannten Nachbau zu zahlen hätten.
  • Es geht um die Frage, ob Bauern für selbst geerntetes Saatgut Lizenzgebühren an die Züchter zahlen müssen.
Von Jan Heidtmann

Früher, als bekanntlich alles irgendwie besser war, da lief das mit dem Ackerbau so: Der Bauer kaufte sich beim Züchter Samen und verstreute diese auf seinen Feldern. Wenn die Ernte so weit war, hielt er einen Teil davon zurück. Den säte er dann wieder aus und erntete erneut - auf eigene Rechnung. Nachbau heißt das in der Sprache der Bauern.

Nun haben rund 80 000 Landwirte in Deutschland in dieser Sache Post bekommen. Darin heißt es knapp: Wer für den Nachbau nicht zahle, "ist zur Unterlassung und zum Schadenersatz verpflichtet. Zudem macht er sich strafbar". Geschrieben hat den Brief die Saatgut-Treuhandverwaltung, die Inkasso-Gesellschaft der Pflanzenzüchter. Seitdem steht bei Georg Janßen das Telefon nicht mehr still: "Viele Bauern sind verängstigt durch das Schreiben." Janßen kämpft mit seiner "Interessengemeinschaft Nachbau" seit 1998 dafür, dass die Bauern auch weiter das Saatgut kostenlos wieder ausbringen dürfen. Doch "so einen Sturm wie jetzt habe ich noch nicht erlebt."

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Der Streit schwelt schon seit knapp 20 Jahren

Der Mahnbrief der Saatgut-Treuhandverwaltung ist ein weiterer Höhepunkt in dem seit knapp 20 Jahren schwelenden Streit zwischen Züchtern und Bauern. Denn deutsche Landwirte durften über Jahrhunderte Nachbau betreiben, ohne dafür zahlen zu müssen. Dahinter steckt die Überzeugung, dass mit dem Kauf des Saatguts alle Lizenzgebühren abgegolten sind. Dieser Meinung scheint auch das Gros der Bauern zu sein. In einer Umfrage der Zeitschrift top agrar gaben fast drei Viertel der befragten Landwirte an, dass der Nachbau Sache der Bauern bleiben müsse. Und üben sich in stiller Anarchie.

Bei ihrem Bemühen, das Geld einzutreiben, hat die Saatgut-Treuhandverwaltung (STV) nämlich ein Problem: Sie kann nur dann Gebühren verlangen, wenn sie weiß, welche Sorten ein Bauer nachbaut. Viele Landwirte denken deshalb gar nicht daran, dies preiszugeben. Bei Kartoffeln, so schätzt die STV, werde 80 Prozent des Nachbaus schwarz betrieben, bei Getreide sei es rund ein Drittel. Den Züchtern entgingen so 13 Millionen Euro im Jahr.

Das "sehr emotionale Thema" des Nachbaus beschäftigt auch den Deutschen Bauernverband. Er appelliert an seine Mitglieder, die Nachbaugebühr zu bezahlen. Denn allein die Zucht einer neuen Sorte Weizen benötige zehn bis fünfzehn Jahre; bis zu einer Million Euro könne die Entwicklung kosten. Außerdem sei das Angebot der Züchter wesentlich ausgefeilter als früher: Gab es 1985 noch etwa 50 Sorten von Winterweizen in Deutschland, sind es inzwischen 150; bei Kartoffeln sind es immerhin gut 50 Varianten mehr. Davon profitierten auch die Bauern. Denn so könnten unterschiedliche Böden, aber auch der Klimawandel, bei der Aussaat besser berücksichtigt werden.

Doch Argumente spielen in der aufgeheizten Auseinandersetzung nur noch eine untergeordnete Rolle. Das Verhältnis zwischen Züchtern und Landwirten ist zerrüttet. In dieser Woche werden die Bauern von der Saatgut-Treuhand zusätzlich aufgefordert werden, ihren Nachbau für das laufende Wirtschaftsjahr 2015/2016 zu melden. Dann wird sich zeigen, welche Wirkung der Drohbrief hatte. Georg Janßen gibt sich gelassen: "Ich rechne mit einer stabilen Zahl von Verweigerern."

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